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Gesundheitsvorsorge Prävention oder doch nur Etikettenschwindel?

Bonusprogramme der Krankenkassen

Vorbeugen ist besser als Heilen. Krankenkassen investieren viel Geld in so genannte "Bonusprogramme". Die Idee: Wer sein Bonusheft fleißig abstempeln lässt und zur Vorsorge geht oder Fitnesskurse besucht, kann viele hundert Euro im Jahr sparen. Und die Kasse spart noch obendrein. Stimmt das? Oder ist das Ganze vielleicht doch nur ein Etikettenschwindel?

Monika Lülf beim Blutdruckmessen

Monika Lülf beim Blutdruckmessen

Monika Lülf bekommt neue Stempel in ihr Krankenkassen-Bonusheft. Die Stempel erhält sie in der Apotheke, wenn sie dort ihren Bodymaßindex bestimmen, den Blutzuckerspiegel untersuchen, oder wenn sie ihren Blutdruck überprüfen lässt. Die Apothekerin quittiert die Gesundheit, und so sammelt Frau Lülf bei ihrer Krankenkasse Bonuspunkte – so wie andere beim Einkaufen, Tanken oder Fliegen.

Monika Lülf sammelt mit ihrer Familie seit Jahren eifrig – alle Familienmitglieder gehen zu den notwendigen Vorsorgeuntersuchungen und machen jede Menge Sport. Weil das gesund und fit hält, bekommt sie dafür Punkte – und das lohnt sich für sie!

Stempel im Krankenkassen-Bonusheft

Bonusheft

Monika Lülf: „Also in den letzen Jahren haben wir als Familie gesamt 2300 Punkte jedes Jahr gesammelt… und wenn man das jetzt mal in Sachwerte oder Geldbeträge umrechnet, dann springen etwa 400-450 € bei raus – also ein Betrag, der sich durchaus sehen lassen kann.“




Bonusprogramme -Marketinginstrumente der Krankenkassen

Das Kalkül der Kassen scheint einfach: Wer sich fit hält, bleibt länger gesund und kostet weniger. Doch erst einmal muss die Kasse ja blechen! Einige übernehmen bis zu 80 Prozent der Gebühren von Sportkursen, die ausgezahlten Boni kosten, und auch die Verwaltung des Bonusprogramms. Ob sich das am Ende rechnet?

Kosten-Ersparnis Rechnung der Krankenkassen

Kosten-Ersparnis Rechnung der Krankenkassen

Bei der Recherche finden sich zwar einzelne Pressemeldungen, die von einer positiven Bilanz berichten. Überall wird behauptet, dass Prävention eine gute Sache ist, veröffentlichte Zahlen zu den Bonusprogrammen finden sich jedoch nur wenige. Aber: Stetig stieg die Zahl der Teilnehmer von Präventionskursen. 2009, im letzten Berichtsjahr, waren es schon über zwei Millionen.

Doch heißt das auch, dass die Kassen dadurch sparen? Auf Anfrage teilt der Verband der gesetzlichen Krankenkassen GKV mit: 
"Bonusprogramme gehören zu den wettbewerblichen Instrumenten der gesetzlichen Krankenkassen. Diese verantworten die Krankenkassen direkt. Als wettbewerbsneutraler Dachverband haben wir weder Zahlen zu Bonusprogrammen noch inhaltliche Angaben zur Ausgestaltung oder Nutzung der Programme." 

Der Professor Gerd Glaeske

Der Professor Gerd Glaeske

Wettbewerbliche Instrumente? Es sollte sich doch um einen Anreiz zur Gesundheitsvorsorge handeln, um Prävention!? Wir fragen den Gesundheitsökonom  Professor Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Uni Bremen. Er beobachtet die Bonusprogramme seit Jahren kritisch.


Gerd Glaeske: "Bonusprogramme sind eigentlich Marketingstrategien, ganz bestimmte Menschen anzusprechen, die sich sehr genau immer wieder fragen: Bin ich eigentlich in der richtigen Kasse versichert?

Ein BMI-Rechner

Ein BMI-Rechner

Es sind Bindungsprogramme für unsichere Versicherte, die möglicherweise  wechseln wollen, weil sie an der Grenze dazu stehen, in die private wechseln zu wollen. Insofern sind es Halteprogramme für gut situierte, die man gerne in der KK hat, mit einem hohen Einkommen… "

Also würden durch die Bonusprogramme eher Traumkunden angelockt und gehalten. Dass die, die eifrig Punkte sammeln, dadurch mehr Sport treiben als zuvor, bezweifelt der Gesundheitsökonom:

Frauen bei der Gymnastik

Frauen bei der Gymnastik

Wir stellen fest: Es gibt so einen Healthy-User-Effekt, was nichts anderes heißt, als dass die ohnehin Gesundheitsbewussten sich dadurch noch einmal gesondert ansprechen lassen. Und wenn man hier sieht, dass bestimmte Dinge gefördert werden, die ich ohnehin tue, dann nehm ich das an.“

So ist auf jeden Fall auch bei Familie Lülf. Ob der Sport bei den Kindern oder andere punktebringende Maßnahmen:


Die fleißige Sammlerin Monika Lülf

Die fleißige Sammlerin Monika Lülf

Monika Lülf: "Es ist für uns kein Anreiz, da wir es auch schon vorher immer gemacht haben. Blutspende wird anerkannt, das ist nichts Neues. Auch die sportlichen Aktivitäten haben sich deswegen nicht gesteigert. Aber wenn man schon etwas für die Gesundheit tut und dadurch dann auch noch Bonuspunkte sammeln kann und mehr Geld in der Tasche hat, dann ist das natürlich eine feine Sache."

Prävention - nur Etikettenschwindel ? 

Prävention steht zwar auf den Bonusprogrammen drauf, ist aber Etikettenschwindel. In erster Linie sollen freiwillig Versicherte angesprochen werden, die einen hohen Beitrag zahlen und wenig kosten. Das ist dann legitim, wenn bei dieser Zielgruppe wirklich gespart wird.

Gesundheitsökonom Gerd Glaeske schaut sich Bilanzen an

Gesundheitsökonom Gerd Glaeske schaut sich Bilanzen an

Gerd Glaeske: "Ich glaube, dass vieles schön gerechnet ist an den Bilanzen, die Schönrechnung liegt einfach darin, dass man nicht genau evaluiert und nicht genau differenziert, wer hat sich eigentlich beteiligt. Und insofern kann ich mich da gar nicht erstaunt zeigen, dass man bei denen positive Ergebnisse hat. Wenn ich das geschickt auswähle, wie ich evaluiere, werde ich auch immer zu positiven Ergebnissen kommen.  (...) mich würde eher interessieren, wer nimmt eigentlich teil und warum nehmen die so wenig teil, für die eigentlich solche Präventionsmaßnahmen wichtig wären."

Bildungsferne Schichten werden nicht erreicht 


Blutdruckmessung

Blutdruckmessung

Und das sind vor allem Menschen mit kleinem Einkommen und geringer Bildung. Die betreiben zu wenig Prävention, obwohl gerade sie am meisten profitieren könnten. Von Bluthochdruck, Diabetes und anderen chronischen Erkrankungen sind vor allen Dingen die unteren sozialen Schichten betroffen. Doch angesprochen fühlen sich trotzdem die anderen, sagt der Gesundheitsökonom Gerd Glaeske:


Viele informieren sich im Internet über Bonusprogramme

Viele informieren sich im Internet über Bonusprogramme

„Es sind diejenigen aus der Mittelschicht, es sind die gut Gebildeten, es sind diejenigen, die sich eben über das Internet auch gut informieren, die auch die Chancen aus finanzieller Sicht erkennen, was für ein Bonusprogramm bedeuten würde. Insofern hat man immer Selektionsmechanismen mitgefördert. Und das bedeutet schon, dass ich in diesen Bonusprogrammen eigentlich nicht die Menschen habe, die ich wirklich ansprechen sollte.“ 
Für Gesundheitsökonomen wie Gerd Glaeske ist klar: Prävention für Alle muss viel früher anfangen - und zwar bereits im Kindergarten. Falsche Ernährung und Bewegungsarmut, diese Fehler schleichen sich schon früh ein. Vor allem in den so genannten bildungsfernen Schichten kann man hier viel erreichen.

Gerd Glaeske: "Das hat mehr mit Lernen und Betreuen zu tun als nur mit einer einmaligen Aktivität. Und genau das ist das Wesentliche, was man bei all diesen Programmen nicht berücksichtigt."

Bonusprogramme - Spareffekt für Familien

Die Tochter von Monika Lülf beim Turnen

Die Tochter von Monika Lülf beim Turnen

Aus Sicht der Familien rechnen sich Bonusprogramme auf jeden Fall. Daher ist es sehr verwunderlich, dass je nach Kasse nur rund 2 – 10 Prozent der Versicherten teilnehmen, obwohl es doch so leicht ist.

Monika Lülf: "Ist eine ganz einfache Sache, ich habe in meiner Handtasche immer zwei Schecks für alle Fälle. Wenn sich jetzt gerade eine Situation ergibt, dann ist das eine ganz kurze Sache, sich das eben abstempeln zu lassen – und fertig."

Familie Lülf hat ihre Vorsorge-Lektion auf jeden Fall gelernt.

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