STAND
AUTOR/IN
Silvia Plahl (Foto: SWR, privat)
ONLINEFASSUNG

"Dick sein" wird in Deutschland oft gleichgesetzt mit Trägheit, ungesundem Essverhalten, einer Charakterschwäche oder Disziplinlosigkeit. Gleichzeitig gelten weit über die Hälfte aller Deutschen als übergewichtig.

Audio herunterladen (26,1 MB | MP3)

Beleidigen, Mobben und Ausgrenzen übergewichtiger Menschen

Das Phänomen, einen Mensch aufgrund seines Äußeren abzuwerten, wird heute „Body Shaming“ genannt. Und „Fat Shaming“, das Beleidigen, Mobben und Ausgrenzen übergewichtiger Menschen gilt inzwischen als Hauptgrund für die körperliche Diffamierung. Es heißt, dicke Menschen seien weniger leistungsfähig, sie hätten kein Gesundheitsbewusstsein, ihnen fehlte es an Hygiene.

Die gesetzliche Ersatzkrankenkasse DAK kam nach einer Befragung 2016 auf eine sehr hohe Zahl an Menschen mit einer diskriminierenden Haltung gegenüber übergewichtigen Menschen im „XXL-Report – Meinungen und Einschätzungen zu Übergewicht und Fettleibigkeit“: „71 Prozent der Bevölkerung finden stark Übergewichtige unästhetisch. Jeder Achte vermeidet bewusst Kontakt zu Betroffenen.“

Diese Voreingenommenheit hat Folgen, wie Studien immer wieder zeigen. Kinder und Jugendliche mobben und hänseln andere, weil diese dick sind – und die Mobbingopfer nehmen daraufhin oft noch mehr zu. Betriebe stellen hochgewichtige Menschen nicht ein oder bezahlen sie schlechter. Das ganze Privatleben dicker Menschen ist eingeschränkt. Auch Medizinerinnen und Ärzte zeigen immer wieder ein sogenanntes "Fat Shaming" – sie möchten hochgewichtige Patienten kaum anfassen, untersuchen sie zögerlicher, übersehen oder ignorieren ihre eigentlichen Beschwerden.

Lizzo bei den Brit Awards 2020 in London (Foto: Imago, Matt Crossick via www.imago-images.de)
Für viele ein großes Vorbild: Lizzo bei den Brit Awards 2020 in London Imago Matt Crossick via www.imago-images.de

Body-Mass-Index entscheidet über Körpernormen

Ab wann ein Körper offiziell als "dünn", "dick" oder "normal" gilt, kategorisiert der sogenannte Body-Mass-Index BMI. Das ist eine statistische Messgröße, die noch aus dem 19. Jahrhundert stammt: Körpergewicht durch Körpergröße zum Quadrat. Diese Zahl macht die menschlichen Körper vergleichbar.

1997 legte die Weltgesundheitsorganisation für alle fest – Kritiker sagen, im Einvernehmen mit der Pharmaindustrie: Menschen ab einem BMI von 25 sind "übergewichtig". In Deutschland werden demnach aktuell 67 Prozent der Männer und 55 Prozent der Frauen generell als übergewichtig eingestuft, also über die Hälfte der Bevölkerung.

Fett ist mehr als nur ein Energiespeicher

Der Mediziner Jürgen Ordemann leitet das Zentrum für Adipositas und metabolische Chirurgie einer städtischen Berliner Klinik. Zu ihm kommen Frauen und Männer mit einem BMI über 30. Sie gelten als adipös, also fettleibig. Die vorherrschende Meinung zum Übergewicht hält Jürgen Ordemann für ein rückständiges Denken – verbunden mit Mythen, die nicht zu rechtfertigen sind. Denn Zellen im Fettgewebe speichern nicht nur Energie. Sie bilden auch Hormone und Entzündungsparameter, die sich im Körper ausbreiten, ins Gehirn gelangen und dort die Hunger- und Sättigungszentren beeinflussen. Viele Menschen merken dann zum Beispiel zu spät, dass sie satt sind und essen über das Maß hinaus, das ihrem Körper gut tut. Dieser Gefahr, sagt der Mediziner, sind eigentlich heutzutage alle ausgesetzt.

Komiker Dirk Bach bei einer Lesung auf der Frankfurter Buchmesse 2004 (Foto: Imago, imago/Hoffmann)
Er lachte über seine Kritiker: Komiker Dirk Bach bei einer Lesung auf der Frankfurter Buchmesse 2004 Imago imago/Hoffmann

Leichtes Übergewicht erhöht die Lebenserwartung

Ein Appell an Medizin und Gesundheitswesen ist notwendig. Denn aktuelles Fachwissen kann ein diskriminierendes Verhalten verhindern. Zum Beispiel, dass ein leichtes Übergewicht die Lebenserwartung sogar erhöht, wie Studien in den USA und in Dänemark gezeigt haben. Und es fällt auf, dass es Patientinnen und Patienten auf den Intensivstationen besser geht, wenn sie mehr Körperreserven mitbringen.

Friedrich Schorb vom Institut für Public Health der Universität Bremen versucht in Deutschland mit Gleichgesinnten die sogenannten "Fat Studies" bekannter zu machen, die sich in den USA und in Großbritannien schon länger etabliert haben. Seit einigen Jahren befassen sich nun auch hierzulande vor allem Wissenschaftlerinnen aus der Psychologie, aus Gesundheit und Pflege, der Soziologie und Sozialen Arbeit und auch aus Kunst und Kultur damit, wie man die Diskriminierung dicker Menschen erforschen und enttarnen kann, um sie aufzulösen.

Beth Ditto bei einem Konzert von Gossip (Foto: Imago, Pedro Rocha via www.imago-images.de)
Für viele ein Vorbild: Beth Ditto bei einem Konzert von Gossip Imago Pedro Rocha via www.imago-images.de

"Gewicht" als Diskriminierungsmerkmal im Gesetz verankern, um Rechte erstreiten zu können

Für Manche sind erfolgreiche Prominente wie die amerikanische Rocksängerin Beth Ditto oder die belgische Ärztin und ehemalige Gesundheitsministerin Maggie de Block gute Vorbilder. Daneben soll ein Schlagwort wie "Body-Positivity" helfen: Das gute Verhältnis zum eigenen Körper, ganz unabhängig davon, wie er aussieht. Doch dahinter, warnt Friedrich Schorb, lauert möglicherweise ein neues Dogma. Denn Begriffe wie "Body-Positivity" und "Body-Shaming" lenken mehr Aufmerksamkeit auf die Diskriminierung, Beleidigung und Ausgrenzung dicker Menschen – sie sorgen aber nicht dafür, dass sich dicke Menschen ihre Rechte erstreiten können.

Und dafür kämpft Natalie Rosenke. Sie ist seit 2015 Vorsitzende der „Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung e.V.“ – einer politischen Interessenvertretung in Berlin – und als Expertin gefragt. Rosenke will "Gewicht" als Diskriminierungsmerkmal in den Gesetzen auf Bundes- und Landesebene verankern. Rosenke hat zum Beispiel schon erreicht, dass sich die SPD-Politikerin Susanne Fischer im Land Berlin gegen das Gewichts-Stigma einsetzt. Denn die Aufgabe der Politik ist es, Opfern von Diskriminierung rechtliche Möglichkeiten zu geben, sich zu wehren. Und so kann man gleichzeitig auch aufzeigen, dass Gewichtsdiskriminierung genau das ist: Diskriminierung von Menschen.

Es ging um mein Leben Nicole Jägers Kampf mit dem Gewicht

Nicole Jägers Kampf mit dem Gewicht
Mit Nicole Jäger spricht Almut Engelien  mehr...

SWR2 Tandem SWR2

Gespräch Gegen Bodyshaming: Die Fettaktivistin Melodie Michelberger

Schon als Kind glaubte sie zu dick zu sein, kämpfte jahrelang dagegen an. Die Folge, Selbsthass und Magersucht. Heute fühlt sich Melodie Michelberger wieder wohl in Ihrem Körper, trotz omnipräsenten Selbstoptimierern und anhaltendem Diätenwahn. In Ihrem Buch „Body Politics" hat sie sich nicht nur mit ihrer eigenen Fettfeindlichkeit auseinandergesetzt.  mehr...

SWR2 am Samstagnachmittag SWR2

Gesundheit Jugendlicher Körperkult – Hungern, pumpen, posten

Immer mehr Teenager sind unzufrieden mit dem eigenen Körper. Viele halten Diät oder treiben exzessiv Sport. Doch das kann gefährlich werden.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Psychologie: aktuelle Beiträge

Psychologie Kinder aus Kriegsvergewaltigungen – Trauma und Schweigen überwinden

Sie wissen oft nicht, wer ihr Vater ist. Nur, dass die Mutter im Krieg von ihm vergewaltigt wurde. „Children Born of War“ ringen um Identität und gesellschaftliche Anerkennung. Auch die überlebenden Frauen in Bosnien oder Ruanda leiden bis heute unter Ausgrenzung. Doch manche „Kinder des Krieges“ brechen das Tabu, suchen die Öffentlichkeit und rücken zugleich in den Fokus der Wissenschaft. Von Sonja Ernst.| Manuskript und mehr zur Sendung: http://swr.li/kinder-krieg | Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: wissen@swr2.de | Folgt uns auf Twitter: @swr2wissen   mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Psychologie Ritzen als Sucht: Warum Jugendliche sich selbst verletzen

Untersuchungen zufolge fügen sich fast ein Drittel der 14- bis 17-Jährigen gelegentlich oder regelmäßig selbst Schmerzen zu – durch kratzen, ritzen, verbrühen oder schlagen. Es ist ein Ventil, mit emotionalem Druck umzugehen. Doch was führt dazu?  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Psychologie Selbstverletzung bei Jugendlichen – Warum Ritzen zur Sucht wird

Jeder dritte Jugendliche hat sich schon mal selbst geritzt, geschlagen, verbrüht. Warum verletzen junge Menschen sich selbst und wie gelingt ein anderer Umgang mit Gefühlen? Von Franziska Hochwald.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Medizin und Gesundheit: aktuelle Beiträge

Gesundheit Besser als jede Diät – Wie Fasten auf die Gesundheit wirkt

Intervallfasten und Heilfasten wirken tatsächlich, am besten in Kombination mit Bewegung. Wer fastet, tut etwas für seine Gesundheit und sein Wohlbefinden und nimmt dabei auch noch ab. Von Peggy Fuhrmann (SWR 2020/2021) | Manuskript und mehr zur Sendung: http://swr.li/fasten | Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: wissen@swr2.de | Folgt uns auf Twitter: @swr2wissen  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Medizin Story im Ersten: Umstrittene Krebsmedikamente

500.000 Menschen erkranken jedes Jahr in Deutschland an Krebs – etwa die Hälfte kann dauerhaft geheilt werden. Doch je weiter der Krebs fortgeschritten ist, desto schlechter sind die Aussichten. Unermüdlich liefern die Pharmahersteller neue Therapeutika, die Forschung läuft auf Hochtouren. Viele neue Medikamente kommen aber zu schnell auf den Markt, obwohl man wenig über ihren Nutzen und die Nebenwirkungen weiß. Christine Langer im Gespräch mit dem Journalisten Peter Kreysler.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Medizin Impfen bei der Hausärztin: „Alle waren total glücklich.“

Seit dem 6. April 2021 laufen die Corona-Schutzimpfungen auch in Hausarztpraxen. Mit Erfolg – jetzt bekommen deutlich mehr Menschen pro Tag ihre Impfung. Die Impfungen sind für die Praxisteams allerdings auch mit viel Bürokratie verbunden. Christoph König im Gespräch mit Dr. med. Heidi Weber, 2. Vorsitzende des Hausärzteverbandes Rheinland-Pfalz.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

STAND
AUTOR/IN
Silvia Plahl (Foto: SWR, privat)
ONLINEFASSUNG