Studie über Ausstellungen Wohin das Auge wandert

AUTOR/IN

Was gucken sich Menschen im Museum an; lassen sich daraus allgemeine Muster ableiten? Wohin schauen die Betrachter eines Bildes wirklich und wie beeinflussen neue Besucher-Guides diesen Blick? Das hat Kira Eghbal Azar in ihrer Doktorarbeit mit mobilem Eye-Tracking analysiert. Ralf Caspary sprach mit der Kölner Besucherforscherin.

Wissen Sie wo Sie hingucken im Museum?

Nein, das weiß ich so nicht. Blickbewegungsmuster sind unbewusst und deshalb muss das auch erst untersucht werden, wohin Besucher schauen. Was mich viel mehr interessiert hat, ist nicht, wohin Besucher schauen, sondern wie sie schauen.

Ist da ein Unterschied zwischen "wohin" und "wie"?

"Wie" heißt, welche Blickbewegungen machen die Besucher? Dabei war es für mich nicht so entscheidend, worauf sie blicken, sondern welche Blickbewegungen sie tatsächlich machen. 

Und wie geht man bei diesem Thema technisch vor? Also ich kenne ja, vielleicht liege ich da richtig, diese Eye-Tracking-Untersuchung.

Genau, ich habe mobiles Eye-Tracking verwendet, kombiniert mit nachträglichem Reporting anhand des eigenen Eye-Tracking-Videos als Hinweisreiz. Das mobile Eye-Tracking funktioniert mit einer heute fast ganz normal aussehenden Brille. Die hat eine Szenenkamera und eine oder zwei Augenkameras, die alle einen Film aufnehmen. Der Computer synchronisiert das dann haben Sie ein Video mit einem Fixationskreuz oder -kreis und können dann genau sehen, wie die Augenbewegungen verlaufen.

Kalibrierung des mobilen Eye-Trackers (Foto: SWR, SWR - Kira Eghbal-Azar)
Kalibrierung des mobilen Eye-Trackers SWR - Kira Eghbal-Azar

Also dieses Kreuz bewegt sich immer dorthin, wohin sich die Augen bewegt haben?

Genau, innerhalb der Szene, die die Szenenkamera aufnimmt.

Und was für Ausstellungen haben Sie besucht? Waren das eher Kunstausstellungen, ethnologische Ausstellungen...

Zum einen war das die Sonderausstellung "Südseeoasen - Leben und Überleben im Westpazifik" über Mikronesien und den Klimawandel im Lindenmuseum Stuttgart. Da war ein Audioguide als zusätzliches Add-On angeboten. Und die Literaturausstellung "Nexus", das war die frühere Dauerausstellung im Literaturmuseum der Moderne in Marbach über deutschsprachige Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts. Da gab es einen digitalen Museumsführer.

Und Sie haben jetzt wahrscheinlich erst einmal viele Daten gesammelt und die dann ausgewertet. Kann man denn sagen, dass es universelle Bewegungsmuster gibt? Also Bewegungsmuster, die der Großteil der Menschen unbewusst angewendet haben?

Ja und Nein. Erst einmal ja, ich habe in beiden Ausstellungen ca. 26 verschiedene wiederkehrende und systematische  Blickbewegungsmuster gefunden. Es gab eine große Schnittmenge an Blickbewegungsmustern in beiden Ausstellungen und deshalb gibt es erste Anzeichen, dass diese Muster für alle Ausstellungen generalisierbar sind. Dennoch ist bei der Generalisierbarkeit Vorsicht geboten, denn untersucht wurden deutschsprachige Besucher, die in unserer Region leben und studieren.

Die Psychologen Heinrich und Kollegen konnten jedoch schon 2010 belegen, dass Forschungsergebnisse über Menschen aus westlichen Gesellschaften nicht auf andere Gesellschaften übertragbar sind. Und deshalb müssen die 26 Blickbewegungsmuster erst noch im interkulturellen Vergleich überprüft werden.

Besucherin liest die Informationstexte in einer Vitrine (Foto: SWR, SWR - Sophie von Glinski)
Im zweiten Teil des Museums - dem Informationszentrum - wird die Geschichte der berühmten Weissenhofsiedlung erklärt. SWR - Sophie von Glinski

Wie sah so ein Blickmuster konkret aus?

Ein Paradebeispiel ist ein Perspektivwechsel eines Experten, der einen in einer Vitrine hängenden Kamm betrachtet. Der Experte hat ihn zunächst von der einen Seite angeschaut, dann von der anderen Seite, ist dann wieder zurück gegangen und hat so zu erfassen versucht, wie der Kamm konstruiert ist. 

War das ein richtiger Profiblick?

Ja, aber den machen auch Laien. Interessant ist, dass dieser Blick vor allem dann auftaucht, wenn man versucht, zu erkunden, wie etwas aufgehängt ist und es spielt keine Rolle, ob es in einer Vitrine oder frei im Raum hängt. Das Blickmuster ist immer gleich.

Haben Sie noch ein Beispiel für ein Blickmuster?

Bei einem anderen Blickmuster fixieren Besucher bereits von sehr weit entfernt ein Exponat oder einen Text und laufen schnurstracks darauf zu, ohne links und rechts zu gucken. Damit ist wahrscheinlich verbunden, dass man in Ausstellungen hervorstechende Objekte anschaut. Die ziehen dieses Blickmuster an.

Mobiles Eye-Tracking im Linden-Museum (Foto: SWR, SWR - Kira Eghbal-Azar)
Mobiles Eye-Tracking im Linden-Museum SWR - Kira Eghbal-Azar

Jetzt stellt sich ja für uns Laien die Kernfrage: Warum macht man sowas?

Das Ganze hat den Sinn, dass Ausstellungsmacher von meinen Analysen besucherzentriertes Ausstellungsdesign ableiten können. Zum Beispiel wenn eben Ausstellungsmacher möchten, dass ein Exponat von verschiedenen Perspektiven betrachtet wird, dann sollten sie es frei hängend oder hängend in einer Vitrine präsentieren.

Das heißt, man kann die Blickmuster so beeinflussen und auch so lenken?

Ja, wenn man weiß, welchen Aufforderungscharakter man setzen muss, um ein bestimmtes Blickbewegungsmuster zu bekommen.

Gucken Frauen anders als Männer?

Das habe ich nicht untersucht, dazu gibt es schon Forschungen. Aber es gibt bestimmt Geschlechterunterschiede.

Besucher stehen vor Bildern von Matisse (Foto: SWR, SWR - Stadt Lindau)
Der digitale pädagogische Support durch einen Audioguide unterstützt Museumsbesucher. SWR - Stadt Lindau

Sie haben auch untersucht, wie digitale Medien oder digitaler pädagogischer Support diese Blickmuster beeinflusst. Verändern diese Medien die Blickmuster stark?

Sie verändern nicht die Blickbewegungsmuster, sondern sie führen generell zu einer größeren Bandbreite an Blickbewegungsmustern und damit auch zu einer längeren Verweildauer. Früher galten digitale Medien als Verführer zu "zombieähnlichem" Verhalten, die von den Exponaten ablenken. Aber ich fand heraus, dass sie eher zu aktiverem Blick und tieferer kognitiver Verarbeitung führen.

Das kann ich bestätigen: Wenn ich ein Headset aufhabe, worüber mir jemand etwas zu einem Bild erklärt, schaue ich da ja auch automatisch drauf.

Genau, Audioguides erlauben eben die wunderbare Möglichkeit, dass man gleichzeitig hören und betrachten kann.

AUTOR/IN
STAND