Stadtteilmutter in Berlin-Neukölln (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)

Bildung für alle! Wie man arme Kinder fördern kann

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SWR2 Wissen. Von Silvia Plahl

Auch in Kindergarten und Schule erleben viele Kinder aus sozial schwachen Familien, dass ihnen wenig zugetraut wird. Negative Vorurteile halten sich hartnäckig. Das zeigen Statistiken.

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Ohne ein warmes Essen am Tag kein Zoobesuch und kein Ferienausflug, allein gelassen mit den Hausaufgaben und belastet mit familiären Nöten. Bürgerlich behütete Kinder kennen das nicht – für Kinder, die benachteiligt aufwachsen, ist das Alltag. Sie werden immer weiter diskriminiert. Kind sein in Deutschland, das bedeutet im Jahr 2018: Drei Millionen Kindern leben in Armut.

Armut und Bildungschancen hängen zusammen

Diese Zahl nennt das Deutsche Kinderhilfswerk e.V. und listet auf: Schlechte Bildungschancen, eine mangelhafte Gesundheit, das Gefühl der Scham und wenig Selbstvertrauen machen Kinder arm. Es fehlt das Frühstück oder die warme Mahlzeit. Die Klassenfahrt ist nicht möglich. Das Lieblingsbuch kann nicht gekauft werden. Niemand spricht mit dem Kind über die Trennung der Eltern. Es bleibt oft mit sich und seinen Spielsachen und Medien allein. Die familiären Nöte und Probleme dominieren, bis hin zum Missbrauch der Kinder. .

Kind auf einer Schaukel im Hochhausbezirk (Foto: SWR, DPA - Rolf Vennenbernd/dpa)
Kinderarmut wächst im Land. DPA - Rolf Vennenbernd/dpa

Jedes fünfte Kind in Deutschland ist von Armut betroffen, sagt Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerks. Die offiziellen Zahlen zur Kinderarmut schwanken. Je nach Berechnungsgrundlage könnte es auch jedes sechste oder achte Kind sein.

Stadtteilmütter unterstützen Frauen Familien mit Migrationshintergrund

Kiezmütter oder auch Stadtteilmütter sind vom Bezirksamt dazu beauftragt, nicht-deutsche Mütter mit Kindern von null bis sechs Jahren bei der Erziehung zu unterstützen. Sie zu informieren und aufzuklären. Zum Beispiel in türkischen Familien. Die Mütter sollen verstehen, dass Bildung schon zu Hause anfängt. Eine zweisprachige Erziehung ist dabei sehr hilfreich. Die Mutter solle nur Deutsch, der Vater nur Türkisch mit dem Kind sprechen. Man solle mit Kindern ruhig, normal reden. Und immer in Augenhöhe. So die Empfehlungen der Stadtteilmütter in Berlin-Neukölln.

"Stadtteil-Mütter" im Gespräch. (Foto: SWR, SWR -)
Stadtteilmütter helfen bei der Integration und geben Tipps für den Alltag mit Kindern SWR -

Frauen für den Alltag stärken

80 Stadtteilmütter gehen in Neukölln laufend in Kindergärten oder setzen sich in Elterncafés von Schulen und sprechen die nicht-deutschen Mütter kleiner Kinder gezielt an. Danach treffen sie diese zehn Mal und besprechen mit ihnen einen festen Themenkatalog rund um die Kindererziehung – von der seelischen Entwicklung eines Kindes über Sport, Sucht und Geschlechterrollen bis zur Erziehung ohne Gewalt. Das Ziel ist, Vertrauen aufzubauen und die Frauen für ihren Alltag zu stärken.

Stadtteilmütter, Familienfreunde, Kiezhelfer – eine ganze Reihe von professionell ausgebildeten oder ehrenamtlich Engagierten versucht bereits, Kinder mit weniger guten Startbedingungen zu erreichen. Die Erfahrungen des Deutschen Kinderhilfswerks zeigen: Auf dem Land ist diese Unterstützung oft solidarischer und unbürokratischer. Während es in den Städten vielfältigere Angebote gibt.

Familien bei der Tafel (Foto: picture alliance / dpa - picture alliance / dpa)
Mahlzeit für Bedürftige in einer Stadtmission. Statistiken zeigen immer wieder, dass Kinder aus sozialschwachen Familien schlechtere Bildungschancen haben. picture alliance / dpa - picture alliance / dpa

Auch Kinder sind Subjekte

Das Kinderhilfswerk kämpft schon länger für die Aufnahme von Kinderrechten ins deutsche Grundgesetz. Elisa Bönisch leitet im Hilfswerk die Fachstelle Kinderrechtebildung.
Die Kinder erst mal als Subjekte zu sehen, denen eigene Rechte zugestanden werden. Die gehört werden. Die in den Angelegenheiten mitbestimmen können, die sie auch direkt betreffen. Das heißt natürlich, Kinder stark zu machen und sozusagen darin zu unterstützen, ihre eigene Selbstwirksamkeit zu erfahren. Und das stärkt sie in ihrer Entwicklung, in ihrer Persönlichkeit und macht sie zu Menschen, die bestenfalls teilhaben in allen Bereichen der Gesellschaft.

Gute Bildung gibt es noch lange nicht für alle

Bislang zeigen die amtlichen Statistiken und Bildungsstudien jedoch das Gegenteil: Auf ihrem Weg durch Kita und Schule erleben viele Kinder, dass sich die sozial schwache Lage ihres Elternhauses negativ auswirkt. Die Bertelsmann Stiftung, die Technische Universität Dortmund und die Friedrich-Schiller-Universität Jena veröffentlichten dazu den so genannten Chancenspiegel – und die aktuell vorliegenden Ergebnisse von 2017 zeigen: Noch immer bleibt der Bildungserfolg der Kinder an ihre soziale und ethnische Herkunft gebunden. Einige Fachleute kritisieren auch, benachteiligten Kindern werde zu oft zu wenig zugetraut. Von Eltern wie von Pädagogen.

Den Kindern auf Augenhöhe begegnen. Wenn sie etwas selbst lernen wollen, und auch wenn sie Sorgen haben. Die einen leben nur mit einem Elternteil, die anderen haben in der Großfamilie kaum Platz zuhause. So geht es weiter mit den Unterschieden. Gesteht man ihnen ihre verschiedenen Lebenswelten zu, kann man die Kinder auch gleichwertig behandeln, sagen Erzieherinnen einer Kita in Magdeburg, in der die Kleinen mitbestimmen dürfen. Dafür gibt es sogar einen eigen Kita-Rat.

Kita (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
In manchen Kitas dürfen Kinder mitbestimmen Thinkstock -

Gleichberechtigung auch in der Freizeit

Alle Kinder zu fördern, bedeutet auch alle Kinder gleich zu behandeln und sie alle in ihrer Verschiedenheit ernst zu nehmen. Und sie vielleicht auch gezielt und konsequent herauszufordern. Respekt und Akzeptanz spielen in Kita und Schule eine Rolle, und auch in der Freizeit der Kinder, beispielsweise beim Fußballtraining

Maßnahmen gegen Kinderarmut

Das Deutsche Kinderhilfswerk hat aktuell Kinder und Erwachsene befragt, wie man Benachteiligung und Kinderarmut in Deutschland am besten begegnen kann. Über neunzig Prozent der Kinder fordern in dem Report ein kostenloses Mittagessen, über neunzig Prozent der Erwachsenen kostenlose Lehrmittel für ihre Kinder.

Und beide sagen zu ebenfalls über neunzig Prozent, man brauche mehr Sozialarbeiter an den Schulen. In der Tat zeigen vor allem mehr Ganztagsschulen die ersten positiven Effekte für mehr Chancengleichheit unter den Kindern.

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