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Eine große rosa Blüte einer Herbstanemone mit einer Biene beim Nektarsaugen

Fliegende Umweltdetektive Bienen sind Seismografen für Pestizide

An der FU Berlin wird daran geforscht, Bienenstöcke mit speziellen Sensoren auszustatten, mit denen über elektrostatische Felder der Gesundheitszustand der Bienen ermittelt und übers Internet gemeldet wird. Die Technik dazu gibt es bereits. Hintergrund: Es gibt ein dramatisches Bienensterben wegen des Pestizideinsatzes in der Landwirtschaft.

Mehr als 40.000 Tonnen hochgiftige chemische Pflanzenschutzmittel werden pro Jahr in Deutschland verkauft, und auf die landwirtschaftlichen Flächen versprüht. Gleichzeitig klagen Imker in Europa seit Jahren über schwächelnde Bienen-Völker im Sommer - wenn die Bienen eigentlich bestens ernährt und in Bestform sein sollten.

Zahlreiche Studien belegen mittlerweile, dass Pestizide aus der Gruppe der sogenannten Neonicotinoide dafür verantwortlich sind, dass immer mehr Bienenvölker sterben oder zumindest Schaden nehmen. Im Ökosystem fehlen sie dann als Bestäuber von Obstbäumen und anderen Nutzpflanzen. Ein Berliner Neurobiologe engagiert sich jetzt dafür, Bienen als Umweltdetektive zu nutzen, quasi als Whistleblower bei Gefahr!

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Pestizide aufspüren

Bienen als Umweltdetektive

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Apparatur zur Messung der elektrischen Signale im Bienenstock (Fotos: Randolf Menzel / FU Berlin)

Apparatur zur Messung der elektrischen Signale im Bienenstock (Fotos: Randolf Menzel / FU Berlin)

Die Bewegungen der Bienen lassen sich messtechnisch erfassen. Änderungen z.B. durch den Einfluss von Pestiziden lassen sich hiermit gut erfassen.

Während eines Schwänzellaufes verändern sich die hochfrequenten Anteile in systematischer Weise.

Verschiedene Aktivitäten im Stock können bestimmten Mustern der elektrischen Felder zugeordnet werden.

Bienen - nicht nur nützlich für die Bestäubung von Pflanzen


Die Biene fliegt durch die Luft, lädt sich dabei elektrostatisch auf. Wenn sie landet, im Stock oder auf der Blüte, dann entlädt sie sich nicht. Der Neurobiologe Randolf Menzel hat in den 30 Jahren seiner Forschungstätigkeit schon selbst gelernt, wie eine Biene zu denken, wie er gerne betont.

Vor allem die völkerbildenden Bienen, sie machen übrigens nur 10 Prozent aller Bienenarten aus, faszinieren den Forscher. Bienen sind kommunikativ, so Randolf Menzel, denn sie lernen ganz wunderbar, sie müssen immer wieder zurück zum Stock und zeigen den anderen mittels Schwänzeltanz neue Futterstellen oder neue Niststellen.


Bienen auf Drogen

Für diese Kommunikation über den Tanz spielt die elektrostatische Aufladung der heimgekehrten Bienen eine ganz wesentliche Rolle. Diese elektrischen Signale im Bienenstock hat Bienenforscher Randolf Menzel seit Jahren gemessen und ausgewertet.

Prof. Randolf Menzel, Neurobiologe, unabhängiger Bienenexperte, Freie Universität Berlin.

Prof. Randolf Menzel, Neurobiologe, unabhängiger Bienenexperte, Freie Universität Berlin.

Er weiß also, wie sich ein fitter Bienenstock im Messdiagramm präsentiert und Menzel kann daran auch Störungen im Bienenvolk ablesen. Störungen, die er auf den Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln zurückführt. Was zu beweisen war: in vielen Versuchen hat der Neurobiologe Bienenvölker ganz gezielt den Stoffen ausgesetzt, die man für das Bienensterben verantwortlich macht, darunter die sogenannten Neonicotinoide; und zwar in einer schwachen Dosis, die für die Bienen zwar nicht tödlich ist, aber dennoch die vergifteten Bienen gewissermaßen außer Gefecht setzt. Denn, wenn sie überhaupt noch zum Stock zurückfinden, dann können sie nicht mehr mit den anderen Bienen kommunizieren. Informationen über Futterquellen kommen so also nicht mehr im Bienenstock an.

Bienen -sensibel für Pestizide

Wenn die Bienen diese Stoffe aufnehmen, dann wirken sie wie Drogen im Gehirn, die Bewegungsmuster werden gestört. Diese Änderungen werden erfasst und als Maß für solche "Gehirndrogen" oder die Aufnahme von Pestiziden verwendet. Wenn Bienen also zuverlässig als Indikatoren für Pestizide funktionieren, dann soll man das auch nutzen, erkannte der mittlerweile emeritierte Neurobiologe.

Randolf Menzel will mit einem crowdfunding-Projekt die Mittel zusammenbekommen, um bundesweit 10 Bienenvölker mit der entsprechenden Meßtechnik auszustatten, als Umweltspäher, wie er sagt. Die Messergebnisse sollen dann auch ins Internet gestellt werden.

Bienen helfen der Landwirtschaft

Imker oder auch Bio-Landwirte könnten so in Zukunft vielleicht sogar die Bienen selbst testen lassen, ob Feld und Flur frei von bienenschädlichen Pflanzenschutzmitteln sind.

Ein Kartoffelbauer versprüht ein Mittel gegen Pestizide.

Bienentod durch Fipronil?

Das Entscheidende ist, dass man dem Imker etwas an die Hand gibt, an dem er erkennen kann, hier kannst Du mit den Bienen bleiben oder es ist besser weiterzuziehen. Auch Biobauern wollen gerne wissen: Auf diesem Feld hat es ein Jahr lang keine Zwischenfälle mit Pestiziden gegeben, das ist dann "bienenkontrolliert".

Die Einrichtung einer Messstation mit hochsensiblen Sensoren, welche die Signale der Bienen aufnehmen und über das Internet in Echtzeit zur Auswertung weiterleiten, kostet pro Bienenstock 2.350 Euro. Mehr über das Crowdfunding dazu erfahren Sie im Internet auf der Seite Gemeinschaftscrowd.de.
Und noch eine gute Nachricht aus Frankreich: Dort hat die Nationalversammlung bereits am 19. März dieses Jahres zugestimmt, dass Neonicotinoide auf franz. Äckern verboten werden.

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