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Archiv für die Nachwelt Barbarastollen – Deutsches Kulturgut im Bergwerk

Der Barbarastollen ist vermutlich der sicherste Ort in ganz Deutschland. In dem ehemaligen Silberbergwerk in Oberried nahe Freiburg, lagert das kulturelle Gedächtnis Deutschlands. Unsere Reporterin Lena Ganschow hat sich das Endlager deutschen Kulturgutes angeschaut und nachgefragt, welchen Sinn das Ganze macht.

In den Behältern werden rund 30.000 km Schwarzweiß-Film gelagert.

In den Behältern werden rund 30.000 km Schwarzweiß-Film gelagert.

Erste Frage: was ist so wichtig, dass die Vereinten Nationen den Stollen unter ihren besonderen Schutz stellen? Das dreifach angeordnete, blauweiße Schutzzeichen am Eingang signalisiert: hier lagert Kulturgut, das unter die höchste Sicherheitsstufe der UNESCO fällt. Es ist das einzige Objekt in Deutschland, das diesen Sonderstatus genießt. Ein bis zweimal im Jahr rollen LKW über den holprigen Waldweg bis vor den Eingang und laden rund 30 Edelstahlfässer ab.

Das dreifach angeordnete, blauweiße Schutzzeichen am Eingang signalisiert: hier lagert Kulturgut, das unter die höchste Sicherheitsstufe der UNESCO fällt.

Das blauweiße Schutzzeichen am Eingang.

Lange war diese Aktion streng geheim, erfährt Lena von Lothar Porwich, Mitarbeiter beim zuständigen Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Die gut gesicherte Eingangstür wird geöffnet und die erste Palette mit der geheimnisvollen Fracht rollt in den Stollen, begleitet von einem Sicherheitsdienst und Mitarbeitern des Bundesamtes. Überall sind Bewegungsmelder und Überwachungskameras. Auch die recht kühlen 10 Grad Temperatur und 70 Prozent Luftfeuchtigkeit sind gewöhnungsbedürftig. Ideale Lagerbedingungen für die Edelstahlbehälter, erklärt Lothar Porwich.


Was ist in den Edelstahl-Fässern?
Der Tross bewegt sich 400 m tief ins Berginnere. Am Ende plötzlich eine massive Stahltür.

Die Edelstahlbehälter werden mit dem LKW zum Stollen gebracht und dort eingelagert.

Die Edelstahlbehälter werden in den Stollen gebracht.

Nur eine Handvoll Menschen kennen den 13-stelligen Code, um den Zugang zum Allerheiligsten zu öffnen. Dann blickt unsere Reporterin in einen langen Lagerstollen: alles voll von Edelstahl-Behältern. 1.500 sind es mittlerweile, fein säuberlich in Regalen aufgereiht. Aber was ist da eigentlich drin? Lothar Porwich holt einen Musterbehälter hervor, öffnet ihn und zieht zu Lenas Überraschung mehrere große Filmspulen heraus. "Insgesamt lagern hier rund 30.000 km Schwarzweißfilm", erklärt der Fachmann vom Bundesamt. Unter Kulturgut hatte sich Lena etwas anderes vorgestellt. Ein genauerer Blick auf einen Filmstreifen zeigt jedoch: es handelt sich um abfotografierte Schriftstücke. "Alles abgelichtete Dokumente aus Archiven der ganzen Republik", erläutert Lothar Porwich, "wichtige Zeugnisse der Deutschen Geschichte." Die, das leuchtet unserer Reporterin ein, schon aus Platzgründen nicht im Original gesichert werden können, sondern nur als Kopie.


 

Staatsarchiv Ludwigsburg
Lena Ganschow will herausfinden, wer darüber entscheidet, welche Dokumente als Kopie im Stollen landen und woher sie kommen.

Das Staatsarchiv in Ludwigsburg.

Staatsarchiv in Ludwigsburg

Im Staatsarchiv Ludwigsburg trifft sie Archivdirektor Peter Müller. Wie viele seiner Amtskollegen in den Bundesländern wählt er die Schriftstücke aus, die gesichert werden sollen. Auf mehreren Etagen lagern Unmengen Dokumente Deutscher Geschichte. Für unsere Reporterin zieht der Chef ein paar besonders wertvolle Stücke aus dem Regal: unter anderem eine Papsturkunde aus dem Mittelalter und einen Brief von Martin Luther.

Archivdirektor Peter Müller zeigt Lena Ganschow ein paar besonders wertvolle Stücke aus dem Regal: unter anderem eine Papsturkunde aus dem Mittelalter.

Archivdirektor Peter Müller mit Lena Ganschow.

Kein Zweifel: hier lagern echte Schätze. Aber auch kilometerweise Gerichts- und Verwaltungsakten. Lena will von Peter Müller wissen, nach welchen Kriterien ausgewählt wird. "Zuerst die Objekte, die akut vom Verfall bedroht sind, dann Dokumente die für die überregionale Geschichte Deutschlands von Bedeutung sind, z.B. aus der Zeit des Dritten Reiches, wo schon durch den Krieg viel verloren gegangen ist", erläutert der Archivar.


Die Sicherungsverfilmung
Gleich nebenan, am Institut zur Erhaltung von Archiv- und Bibliotheksgut, werden die ausgewählten Stücke abgelichtet.

Gleich nebenan, am Institut zur Erhaltung von Archiv- und Bibliotheksgut, werden die ausgewählten Stücke abgelichtet.

Hier werden die ausgewählten Stücke abgelichtet.

An mehreren so genannten Reprokameras drücken die Mitarbeiter jedes Jahr millionenfach auf den Auslöser: Deutsche Geschichte, abfotografiert im Akkord. Sicherungsverfilmung nennen sie das hier. Reporterin Lena Ganschow darf einen bescheidenen Beitrag zur Sicherung wichtigen Kulturgutes leisten. Sie fotografiert Militärakten aus dem Ersten Weltkrieg, die aktuell gerade dran sind. Am Ende kommt ein Schwarzweiß-Mikrofilm dabei heraus – mit Kopien der Originale.

Lena Ganschow betrachtet den belichteten Schwarzweiß-Mikrofilm.

Lena Ganschow betrachtet den belichteten Schwarzweiß-Mikrofilm.

Lena erfährt vom Institutsleiter Frieder Kuhn, dass diese Methode im Digitalen Zeitalter zwar antiquiert erscheinen mag, aber durchaus Sinn macht: im Gegensatz zu digitalen Speichermedien ist der Film nahezu unbegrenzt haltbar. Und zum Lesen benötigt man kein technisches Gerät, sondern nur Licht und eine Lupe! Bestehen die belichteten Filme den Qualitätscheck am Lesegerät, werden sie zu großen Filmspulen gewickelt und von einer Spezialfirma in München in den schon bekannten Edelstahlbehältern luftdicht verschlossen.

 

Krieg und Zerstörung vorbeugen
Entstanden ist die Idee der Sicherungsverfilmung unter dem Eindruck der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Man wollte für die Zukunft verhindern, dass wichtige Dokumente der Deutschen Geschichte vernichtet werden und damit für immer verloren sind. Der nachfolgende Kalte Krieg mit seiner atomaren Bedrohung verstärkte die Anstrengungen der Vereinten Nationen, wichtige Kulturgüter international zu schützen.

Der Eingang zum Barbarastollen.

Der Eingang zum Barbarastollen.

Die Konferenz über ein Kulturschutzabkommen fand 1954 in Den Haag statt. Am 14. Mai 1954 wurde die "Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten" von den meisten der 56 Teilnehmerstaaten, darunter die Bundesrepublik Deutschland, unterzeichnet. Daraus resultiert der besondere Schutz, unter dem der Barbarastollen heute steht. 20- 30 Millionen Aufnahmen werden in den Sicherungsverfilmungsstellen des Bundes und der Länder pro Jahr hergestellt und im Stollen eingelagert. Darunter die Baupläne des Kölner Doms, der Einigungsvertrag, Schriften von Hermann Hesse und vieles mehr. Doch nicht nur Kriege sind eine Bedrohung für unsere Kulturgüter, betont Frieder Kuhn. Als Beispiele nennt er den Einsturz des Kölner Stadtarchivs und den Brand in der Weimarer Anna Amalia-Bibliothek. Beide Häuser beklagen den Verlust wertvoller Originale, aber ein großer Teil lagert immerhin noch als Kopie in den Stahlfässern.


Kulturgut gesichert – für wen?
Zurück im Barbarastollen. Lena hilft dabei, die letzten Fässer mit Mikrofilmen zu verstauen. Rund eine Milliarde Aufnahmen mit abfotografierten Dokumenten haben sich hier bis heute angesammelt – atombombensicher, tief im Berg verstaut. Unsere Reporterin fragt sich, wer irgendwann mal etwas damit anfangen soll.

Lothar Porwich, Mitarbeiter beim zuständigen Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, im Stollen.

Reporterin Lena Ganschow und Lothar Porwich im Stollen.

Lothar Porwich hat sofort eine Erklärung parat: "Das ist natürlich eine berechtigte Frage, gibt er zu, "aber denken Sie mal an diese alten Wandmalereien die wir heute auch noch finden." Und so stellt sich der Mann vom Bundesamt vor, dass irgendwann, in ein paar Hundert Jahren, unsere Nachfahren auf diese Fässer stoßen werden und den Inhalt entziffern und betont: "Man interessiert sich immer für die Vorfahren, aus welchem Leben komme ich, wie bin ich entstanden. Diese Neugier die der Mensch ja hat, wird immer bleiben."

 

In ferner Zukunft
Lena Ganschow hat erfahren, dass ein enormer technischer und finanzieller Aufwand betrieben wird, um Deutschlands kulturelles Gedächtnis zu bewahren.

Hinter dieser Tür lagert deutsches Kulturgut.

Die Tür zum Kulturgut.

Ob das Ganze aber tatsächlich einmal von Nutzen sein wird, so wie es sich die Verantwortlichen vorstellen, weiß heute natürlich niemand. Doch wer auch immer in ein paar Hundert Jahren die schwere Stahltür zum Lagerstollen öffnen wird, so der Plan, soll sich ein Bild vom ehemaligen Deutschland machen können.

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