Hans-Volkmar Findeisen (Foto: SWR, privat)

In memoriam

Zum Tod von Hans-Volkmar Findeisen

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AUTOR/IN
Rudolf Linßen und Gábor Paál

Am 17. Januar 2021 starb unser langjähriger Autor Hans-Volkmar Findeisen. Seit 1990 produzierte er für uns regelmäßig Dokumentationen und Feature. Sein Stil und seine Art, sich Themen zu nähern, war unverwechselbar.

Hans Volkmar Findeisen  (27.3.1954 – 17.1.2021) war ein Bildungsjournalist. Aber ein ganz besonderer: Während sich andere an Schulpolitik und Bildungsreformen abarbeiten, stellte er pädagogische Fragen dort, wo sie zunächst niemand vermutet: „Was das Hand-Werk mit dem Kopf macht“ – „Der Schulhof als Spiegelbild der Gesellschaft“ – „Knecht Ruprecht & Co. – Nachruf auf die Schwarze Pädagogik des Weihnachtsfests“ oder „Schluss mit lustig: Der Abischerz" waren typische Findeisen-Themen für SWR2 Wissen oder SWR2 Leben.

Findeisen wurde 1954 in Kirchheim-Teck geboren. Seinen familiären Hintergrund umschrieb er knapp: Pietisten, Kommunisten, Pfarrer und Lehrer. Er studierte 1973 bis 1983 Evangelische Theologie, Philosophie und Geschichte in Tübingen, Marburg und Rom und promovierte 1983 in Vergleichender Religionswissenschaft.

Lernen am Fließband und in der Philosophie

Während des Studiums machte er nebenher ein Schweißer-Diplom, jobbte am Fließband, als Kammerjäger und im Gerüstbau. Philosophieren einerseits, die Dinge hautnah erleben andererseits – diese Verbindung sollte auch seine späteren Sendungen prägen: Lernen in all seinen Facetten.

Von 1984 bis 1991 war er Mitarbeiter des Oberbürgermeisters von Fellbach. Er absolvierte das Diplomstudium Journalistik in Hohenheim, bevor er als Freier Mitarbeiter beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart anfing.

Für seine vierteilige Hörfunkreihe “Das Eigene und das Fremde" (1999) wurde er mit dem renommierten CIVIS-Sonderpreis ausgezeichnet. Er schrieb für die ZEIT und die FAZ. Findeisen war ein eigenwilliger Kopf und ein freier Denker, der auch die Redakteurinnen und Redakteure seiner Sendungen gelegentlich herausforderte.

Bildung durch Beobachtung und Selbst-Erleben

Und er reiste viel. Seine Reportagen, ob aus Rumänien, Irak oder Norwegen, waren immer geprägt von ungewöhnlichen Beobachtungen und einem oft essayistischen Blickwinkel.

Er fuhr entlang der alten Reichsstraße 1 von Aachen nach Kaliningrad, war schon 2001 „unterwegs mit dem LKW auf der neuen Seidenstraße“, trampte „als Mitfahrer eine Woche quer durch die Nation“, erkundete die Nischen der Alltagskultur, den Baumarkt als „himmlisches Jerusalem“, verkaufte als Assistent eines Eismannes Tiefkühlkost, lernte Trockenmauern bauen, untersuchte die biochemischen Massenvernichtungswaffen in den Händen der Kleingärtner („Schneckentod im Morgenrot“), arbeitete mit psychisch Kranken – und dokumentierte als dies in Reportagen.

Vom Journalisten zum Institutsgründer

Spuren hat er vor allem in seiner Geburtsstadt Kirchheim/Teck hinterlassen, wo er mit seiner Frau im Jahr 2000 die Gründung des Instituts für interkulturelle und interdisziplinäre Kommunikation initiierte. Es bietet ein dreijähriges "Studium generale", um die Verständigung zwischen den Kulturen zu fördern. Das eigene Denken reflektieren – auch und gerade das Denken über Bildung – war der rote Faden, der sich durch Findeisens Werk zieht.

Sendungen von Hans-Volkmar Findeisen

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1968 gingen bei der Ulmer Hochschule für Gestaltung HfG die Lichter aus. Wer war schuld am Ende der bis heute legendären Einrichtung?  mehr...

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Der Abschied von der „autogerechten Stadt“ fällt Stuttgart schwer. In Verkehrsfragen hinkt die Kommunalpolitik anderen Städten hinterher. Dabei gab es schon immer kluge Alternativen.  mehr...

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Die Idee der religiösen Säuberung der Welt hat derzeit wieder Konjunktur. Was ist die Funktion der Rede von der religiösen Reinheit? Welcher Logik folgt sie?  mehr...

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Stalins Weißmeer-Kanal sollte ein Jahrhundertwerk werden. 50.000 Zwangsarbeiter verloren beim Bau ihr Leben und der Kanal war schließlich nicht schiffbar – ein tragischer Irrwitz.  mehr...

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Das Familienfrühstück ist out. Jugendliche essen oft nur kurz auf dem Schulweg oder gar nicht. Schwächt das ihre Leistung? Einige Schulen wollen gegensteuern.  mehr...

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Noch zu Zeiten der heutigen Großelterngeneration waren sie ein unschlagbares Team: Sankt Nikolaus belohnte die guten Kinder, Knecht Ruprecht verdrosch nach Kräften die Bösen.  mehr...

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In den 1968ern war der Abistreich Ausdruck jugendlicher Selbst-Befreiung, heute ist er eine Riesen-Party. Manche Schulen wollen ihn ganz verbieten.  mehr...

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Nationalsozialismus Mythos Napola – Das Erbe der NS-Erziehung

Welche Rolle spielten die ehemaligen Napola-Schüler nach dem Krieg beim Aufbau der Bundesrepublik? Viele bekamen öffentliche und erziehungspolitische Spitzenstellungen.  mehr...

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Rudolf Linßen und Gábor Paál