Die Zeichnung eines Autos von innen, der Fahrer hat keine Hände mehr am Lenkrad. (Foto: SWR, SWR - ZF)

Voll vernetzt Auto als Datenkrake

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Für jeden Autofahrer ist das ein Alptraum, was im November vergangenen Jahres in dem ARD-Tatort "Echolot" gezeigt wurde: Eine Frau ist mit einem modernen Auto unterwegs, sie nutzt Fahrassistenzsysteme. Da übernehmen Hacker von außen die Kontrolle über das Fahrzeug. Prinzipiell, sagen die Experten, könnte das Horror-Szenario aus dem "Tatort" zur grausamen Wirklichkeit werden - ganz abgesehen davon, dass durch die neuen Vernetzungstechnologien das Auto schnell zur 'Daten-Krake' werden kann. Allerdings: Die Hersteller beugen vor, durch neue Sicherheitssysteme. Wie genau, das berichtet Thomas Wagner vom Internationalen Automobilsalon in Genf.

Vernetztes Fahren - was wird in Zukunft möglich sein? Dieter Zetsche, Vorstandschef der Daimler AG sagt dazu: "Fahrzeuge werden vollautonom fahren können, so genannte 'Robo-Taxis.' Ich kann sie mit meinem Smartphone rufen. Oder das Fahrzeug merkt schon von alleine, wenn ich es brauche, weil es in meinem Kalender sieht, dass ich zum nächsten Termin muss. Dann brauche ich nur einsteigen, kann arbeiten, mich erholen, schöne Musik hören, was immer mir einfällt, und ich brauche dann nur am Bestimmungsort wieder auszusteigen und mein Smartphone zeigt mir, wohin die letzten fünf Meter zu laufen sind."

Big Brother im vernetzten Auto

Vernetztes Fahren - was ist bereits heute möglich? Fatimeh Safari, Expertin für "Connected Drive" bei BMW: "Sie sind zuhause, im Restaurant oder im Cafe, und suchen eine Adresse raus, wie sie hin gleich fahren möchten. Diese Adresse lässt sich direkt ans Fahrzeug senden."

Das Auto berechnet dann nicht nur die schnellste Route voraus, sondern es schlägt auch noch vor, an welcher Raststätte auf dem Weg das Lieblingsgericht des Fahrers angeboten wird. Und nicht nur das: Sollte ein Problem am Auto auftauchen, werden die Daten automatisch an eine Diagnose-Zentrale des Herstellers gesendet. Safari erklärt: "Falls etwas Technisches nicht in Ordnung sein könnte an Ihrem Fahrzeug, wird Ihnen das auf jeden Fall angezeigt. Und natürlich schickt Ihr Auto diese Daten an eine Zentrale, die alles auswertet und weiß, was da nicht funktioniert."

Und dann kann dem Pannendienst direkt mitgeteilt werden, welche Ersatzteile er mitnehmen muss. Längst sind neue Fahrzeugmodelle durchgehend 'online', übermitteln Bewegungsdaten, Fahrziele an eine Cloud, nehmen ununterbrochen Daten von außen auf, die, wenn die Vision vom vollautonomen Fahren irgendwann einmal Wirklichkeit wird, direkt in die Steuerung der Fahrzeuge einfließen.

Doch so groß die Vorteile, die sich daraus ergeben, auch sein mögen, die Risiken sind nicht von der Hand zu weisen: Das Auto der Zukunft ein fahrender Rechner - ist das nicht ein wunderbares Betätigungsfeld für Hacker? Carolin Rabe, ebenfalls Connected-Drive-Expertin bei BMW, hält das für ein realistisches Szenario; Hacker hätten sich schon bei fast allen Autoherstellern in die Elektronik der Wagen eingeschleust. Dass Hacker tatsächlich Einfluss nehmen auf die Fahrassistenztsysteme eines Autos, ist allerdings die Ausnahme. Häufiger kommt vor, dass die Fahrzeug- und Bewegungsdaten von Unbefugten ausgelesen werden. Die großen Fahrzeughersteller sehen es daher als große Aufgabe an, die Systeme vor dem Zugriff Unbefugter zu schützen, betont Carolin Rabe. Man bräuchte beim BMW drei verschiedene Codemöglichkeiten, um an das Fahrzeug zu kommen. Und die auszulösen, sei quasi unmöglich, weil die von verschiedenen Stellen kommen würden.

Cyberattacken aufs Auto abwehren

Allerdings: Je besser die Daten verschlüsselt und je sicherer die Systeme konzipiert werden, desto größer der Ehrgeiz der Hacker, all das zu knacken. Dvir Reznik ist, wenn man so will, ein professioneller Hacker, allerdings im Dienste von Harmann, einem der größten Entwickler für Fahrzeugelektronik mit Sitz im badischen Karlsbad. Dvir Reznik hatte ursprünglich in Tel Aviv ein eigenes Start-Up-Unternehmen für IT-Sicherheit gegründet, das Harmann im vergangenen Jahr übernommen hat mit dem Ziel, voll vernetzte Fahrzeuge abzusichern gegen Hacker-Attacken jedweder Art. Dvir Reznik und seine Kollegen denken sich in die Welt der Hacker hinein. Man treffe sich –so Reznik- und man spiele intensiv Kriegsspiele. Also da spiele man wirklich elektronische Angriffs-Szenarien durch, da lerne man sehr viel über Angriffe. Und dann sitze man mit den Experten der Autohersteller zusammen, um Schritt für Schritt herauszufinden, was bei einem Cyberangriff zu tun sei.

Testfahrzeug für das autonome Fahren (Foto: SWR, SWR - Volker Wüst)
Testfahrzeug für das autonome Fahren SWR - Volker Wüst

Das können Cyber-Angriffe beispielsweise auf die Cloud-Aplikationen der Hersteller sein, in denen die Fahrzeugdaten und Bewegungsprofile der Kunden abgelegt sind, aber auch auf die Fahrzeuge selbst. Die werden, je weiter der Vernetzungsgrad voranschreitet, in ihrer Computer-Architektur immer komplexer. Das habe zur Folge, betont Reznik, das man eine spezielle Software benötige, die natürlich ständig upgedatet werden müsse, je nach dem, was sich Hacker gerade wieder haben einfallen lassen. Er und seine Kollegen müssten alle Schnittstellen sicher machen: für Sticks, für Hard-Disks, für mobile Endgeräte. Das müsse die Autoindustrie beherzigen.

Kundendaten von Autofahrern schützen

Doch werden, sagen die Fachleute auf dem Auto-Salon in Genf, in Zukunft nicht alle Autohersteller gleichermaßen das Thema Datensicherheit so wahrnehmen, wie man sich das als Kunde wünschen mag. Manche könnten sogar ein Geschäftsmodell daraus entwickeln und die im Fahrzeug anfallenden Daten für individuelle Werbung nutzen oder gar verkaufen. Deshalb: "Augen auf!" beim Autokauf in Zukunft, so der Rat von Ferdinand Duddenhöfer, Fachmann für Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen. Er befürchtet, dass das Auto zur Datenkrake mutieren könne, und die Autokonzerne sollten sich absetzen etwa von Google und eigene Datensysteme aufbauen, wo Kundendaten gut geschützt seien.

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