Bitte warten...

Atomenergie Kein Steuergeld für Reaktorforschung!

Kommentar von Jürgen Döschner

Deutschland steigt aus der Kernenergie aus - als Folge des Reaktorunglücks von Fukushima. Doch die Atomforschung geht weiter - wozu?

Wissen hilft. Immer. – Wegen dieses einfachen Prinzips gibt es in Deutschland und der freien Welt insgesamt die Freiheit von Forschung und Lehre. Jeder darf forschen, woran er möchte. Und wer meint, er müsse Zeit und Geld in die seit Jahrzehnten in der Praxis längst entschiedene, in der Theorie mancher hingegen immer noch offene Frage investieren, ob ein Schneller Brüter sicher und wirtschaftlich funktioniert, ob der Traum vom geschlossenen Nuklearkreislauf, von der schier unerschöpflichen Quelle der Atomenergie vielleicht doch kein Traum ist, der möge das tun. Der möge Unternehmen, Mitstreiter und Investoren suchen und meinetwegen auch finden, die ebenfalls bereit sind, den längst verlorenen Milliarden noch weiteres Geld hinterher zu werfen. Nur bitte nicht mein Geld, unser Geld, das Geld der Steuerzahler.

Denn es gilt bei allen staatlichen Ausgaben das Prinzip, dass mit jedem einzelnen Euro verantwortungsvoll umzugehen ist. Aber ist es etwa verantwortungsvoll, wenn in Zeiten von immer effizienteren und immer preiswerteren Solar- und Windkraftanlagen, von rasanter Entwicklung bei der Stromspeichertechnik Millionen an öffentlichen Geldern in die vagen Visionen einer Technik von gestern gesteckt werden? Einer Technik, die erwiesenermaßen extrem teuer und extrem riskant ist?

Demonstration gegen Castor-Transport

Viele Deutsche sehen Atomkraft kritisch.

Der "Schnelle Brüter" in Kalkar wurde genau aus diesen Gründen 1991 eingemottet. Nach elf Jahren Bauzeit und Investitionen in Höhe von umgerechnet sechs Milliarden Euro taugt das Monstrum heute gerade noch zum teuersten Freizeitpark der Welt.

Da darf man sich schon verwundert die Augen reiben, wenn 26 Jahre nach diesem Desaster fast ein Dutzend deutsche Wissenschaftler zur einem Welt-Brüter-Kongress mit dem Titel "Fast Reactors and Related Fuel Cycles" reisen, sich im wissenschaftlichen Beirat an der Vorbereitung beteiligen und Vorträge halten. Das ist kein Ausrutscher. Die Bundesregierung bestätigt, aktuell und direkt finanziell an insgesamt elf Forschungsprojekte zur Entwicklung neuer Atomkraftwerksgenerationen beteiligt zu sein. Hinzu kommen indirekte Beteiligungen über die EU, die IAEA und EURATOM.

Natürlich ist es auch im Atomausstiegsland Deutschland sinnvoll, sich auf dem Gebiet der Kernphysik und der Reaktortechnik Fachkompetenz zu bewahren. Schließlich haben wir selbst noch einige Reaktoren am Netz und sind umgeben von teils hoch gefährlichen Atommeilern. Die Beispiele Fessenheim, Doel und Tihange zeigen, wie wichtig hier die Expertise deutscher Fachleute, etwa aus der GRS oder dem zuständigen Umweltministerium ist, um die Risiken zu erkennen und dabei mitzuwirken, sie abzustellen.

AKW Fessenheim

AKW Fessenheim

Aber warum in aller Welt soll Deutschland, das für sich das Kapitel der Atomkraft längst abgeschlossen hat, sich an der Entwicklung der vermeintlichen "Atomreaktoren der Zukunft" beteiligen? Die geldgebenden Ministerien argumentieren, die mit Staatsgeldern unterstützten Forscher würden sich ja nicht an der Entwicklung der Reaktoren selbst, sondern "nur" an der Erforschung von deren Sicherheit beteiligen. Eine Unterscheidung, die nicht nur Laien schwer nachvollziehen können. Denn es ist ja gerade der Anspruch der vermeintlich absoluten Sicherheit, mit dem die Apologeten der sogenannten "Generation-Vier-Reaktoren" ihre Forschungen rechtfertigen.

Wie gesagt, mögen diese Forschungen – finanziert und im Auftrag von wem auch immer – weiter betrieben werden. Aber es ist ökonomisch, umweltpolitisch und ethisch unverantwortlich, solche Irrwege mit Steuergeldern zu finanzieren. Die Altlasten der drei bisherigen Generationen von Atomkraftwerken sind schon gewaltig genug. Niemand braucht weitere Belastungen durch eine "Vierte Generation". Wenn die Bundesregierung es ernst meint mit dem Atomausstieg, dann sollte sie auch schleunigst aus der Atomforschung aussteigen.

Weitere Themen in SWR2