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SWR2 Wissen. Von Margrit Braszus

Jeder dritte Deutsche über 40 Jahren leidet unter Durchblutungsstörungen, vor allem an Beinen oder Armen. Die Ursache sind häufig verkalkte Gefäße. Die "Periphere Arterielle Verschlusskrankheit" (PaVK) kann einen Herzinfarkt oder Schlaganfall auslösen. Weil die Krankheit häufig zu spät diagnostiziert wird, entwickeln Gefäßexperten neue Methoden, um Durchblutungsstörungen früher erkennen und besser behandeln zu können.

Durchblutungsstörungen an Beinen und Armen

Die Krankenschwester legt Manschetten an Arme und Beine des Patienten, der  ausgestreckt auf der schmalen Liege ruht. Mit der Doppler-Sonde misst sie bei ihm den Blutdruck der Oberarmarterien und der Arterien im Knöchelbereich der Beine. Dann vergleicht sie die Werte miteinander und  ermittelt den so genannten Knöchel-Arm-Index. Liegt der Wert unter 0,9 hat der Patient mit hoher Wahrscheinlichkeit arterielle Engstellen. Außerdem wird der Puls mit einem Stethoskop gemessen. Pulsschwankungen in den Beinen sind als pochendes verzerrtes Geräusch deutlich zu hören. Ein Hinweis für Verengungen, denn sie verursachen turbulente Strömungen im Blutgefäß. Weil nicht ausreichend Blut durch seine Beine fließt, bekam der 45-jährigen Patient massive Probleme beim Laufen. Zunächst dachten alle Ärzte an ein orthopädisches Problem, dann stellte sich heraus: es muss mit der Durchblutung zu tun haben.

Durchblutungsstörungen werden unterschätzt

Er leidet an Durchblutungsstörungen der Becken- und Beinarterien, medizinisch periphere arterielle Verschlusskrankheit genannt, kurz PAVK. Diese Erkrankung  wird allgemein als Schaufensterkrankheit bezeichnet. Denn typischerweise bleiben die betroffenen Menschen  - wie bei einem Schaufensterbummel - nach einer bestimmten Laufstrecke kurz stehen, weil sie starke Schmerzen in den Waden bekommen.  Etwa 4,5 Millionen Menschen in Deutschland sind an PAVK erkrankt schätzt die Deutsche Gesellschaft für Angiologie und Gefäßmedizin.  Die Krankheit ist bedrohlich, weil sie zur Beinamputation führen kann. Oft wird die Krankheit zu spät diagnostiziert. Jeder fünfte Patient  stirbt innerhalb von fünf Jahren. Die Lebenserwartung von PAVK- Patienten ist im Vergleich zu gefäßgesunden Patienten um zehn Jahre verkürzt. Das liegt daran, dass bei diesen Patienten häufig  Arterienverkalkungen im gesamten Gefäßsystem zu finden ist.

Der Facharzt erkennt Durchblutungsstörungen

PAVK ist in Deutschland unterdiagnostiziert. Dies belegt auch die großangelegte bundesdeutsche Praxisstudie getABI, deren Ergebnisse 2004 in der Ärztezeitschrift veröffentlicht wurden: Bei 6.880 Patienten ab 65 Jahre bestimmten Hausärzte den Knöchel-Arm-Index,  kurz ABI. Bei jedem fünften Patienten wurde PAVK festgestellt, zwei von drei Patienten wussten nichts von ihrer Erkrankung. PAVK nimmt nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Angiologie und Gefäßmedizin zu. Ursache dafür ist Arteriosklerose, auch Gefäßverkalkung genannt. Dabei lagern sich Fett-, Eiweißbestandteile und Bindegewebe – sogenannte Plaques – an der Gefäßwand ab und schränken den Blutfluss ein. Die verengten Gefäße können durch chirurgische Eingriffe behandelt  werden.

Da hilft nur noch die Chirurgie

Zunächst versuchen die Chirurgen, die verstopfte Arterie einfach wieder freizuschaben. Wenn sich der Verschluss aber nicht entfernen lässt, muss ein Bypass oder Ballonkatheter gesetzt werden, der die Ader langfristig weit hält. Leider bemerken auch die Patienten oft über lange Zeit nichts von ihrer Krankheit. Es treten noch keine Beschwerden auf; die Beine können auffallend kalt sein. Nicht selten ist jedoch bei Männern die Erektionsstörung ein erstes Krankheitszeichen. Die typischen Beschwerden im zweiten Stadium, nämlich Schmerzen in den Waden, werden häufig ignoriert und unterschätzt. Oder die Patienten laufen einfach nicht mehr so viel, anstatt zum Arzt zu gehen.

Angiologen wissen mehr – der Gang zum Facharzt

Sie sollten aber zum Angiologen gehen: Der Gefäßspezialist kann durch Duplexsonographie, eine Art Ultraschall, sichtbar machen, wo sich die Durchblutungsstörungen befinden und wie stark die Blutgefäße verengt sind. So kann beispielsweise frühzeitig medikamentös behandelt werden mit Thrombozyten-Funktionshemmern wie Aspirin, die verhindern, dass Blutblättchen sich an die Gefäßwand heften und den Durchfluss verhindern. Je weiter die Erkrankung unerkannt fortschreitet, desto größer werden die Schmerzen und die körperlichen Schäden. Dann folgt die dritte Stufe der schleichenden Krankheit: es folgen die Ruheschmerzen.

Schon das Nichtstun schmerzt

Nachts im Bett kann man nicht mehr schlafen, man wacht auf, weil es in den Füßen heftig wehtut. Besser wird es nur, wenn man die Beine aus dem Bett nach unten hängen lässt. Im vierten Stadium sterben Gewebeteile ab, es kommt zu Nekrosen und offenen Beingeschwüren. Wenn dieses letzte Stadium erreicht ist, droht der Verlust des Beines. Amputationen bei PAVK nehmen ständig zu, stellt die Deutsche Gesellschaft für Angiologie und Gefäßmedizin fest:  2001 musste 45.000 Mal amputiert werden,  2011 bereits über 60.000 Mal. Neben der Früherkennung ist es daher wichtig, die Risikofaktoren für diese Erkrankung zu kennen und  zu behandeln. Dazu zählen bestimmte Stoffwechselstörungen wie Diabetes oder Bluthochdruck, aber auch Lebensgewohnheiten.

Vier Risikofaktoren fördern Durchblutungsstörungen

Vor allem Nikotin und Bluthochdruck schädigen die Gefäße dauerhaft und beschleunigen die Durchblutungsstörungen, betonen Wissenschaftler einer amerikanischen Studie der Universitätsklinik Boston aus dem Jahr 2012. Forscher Michael Joosten und sein Team werteten Daten von über 50.000 Studienteilnehmern aus. Das Ergebnis: die Erkrankungen an PAVK ließen sich um 75 Prozent verringern, wenn die vier Risikofaktoren Bluthochdruck, Rauchen, hoher Cholesterinspiegel und Diabetes vermieden würden. 

Chronische Schmerzen in Beinen und Füßen

Besonders beeinträchtigend für die Patienten sind im Alltag die starken Schmerzen. Sie entstehen, weil  durch die verengten Arterien nicht mehr ausreichend Blut bis hin zu den Füßen transportiert werden kann. Es kommt zu einer Sauerstoffunterversorgung - dann ziehen die Gefäße sich zusammen. Das führt dazu, dass viele Patienten nicht mehr am normalen Sozialleben teilnehmen können, oder nachts nicht mehr durchschlafen können, weil sie vor Schmerzen aufwachen. Irgendwann helfen die Schmerzmittel nicht mehr, dann müssen manche Patienten eine Sonde in den Rücken eingepflanzt bekommen.

SCS-Therapie noch wenig eingesetzt

Dann spüren sie statt der Schmerzen ein leichtes Kribbeln in den Beinen. Die so genannte epidurale Rückenmarksstimulation, auch Spinal Cord Stimulation - kurz SCS-Therapie genannt -, wird seit den 1970er Jahren in Deutschland  gegen chronische Schmerzen eingesetzt. Sie basiert darauf, dass Nerven am Rückenmark, die Schmerz weiterleiten, über Stromimpulse gehemmt werden. Die Patienten können sie selbst steuern und wieder normal leben. Epidurale Rückenmarksstimulation kann Schmerzen verringern und Amputationen verhindern, das wiesen holländische Wissenschaftler der Universitätsklinik Amsterdam bereits 1999 in einer kontrollierten klinischen Studie nach. Bei Patienten mit implantierter Sonde hatten sich nach wenigen Wochen die Beingefäße geweitet und der Blutfluss erhöht. Dadurch heilten Geschwüre ab, die Schmerzen reduzierten sich. Bei Sondenträgern waren nur halb so viele Amputationen notwendig wie bei der Vergleichsgruppe.  Zu ähnlichen Ergebnissen kommt die österreichische kontrollierte  SCS- EPOS Studie von 2003. Trotz der Erfolgsnachweise wird die SCS-Therapie in Deutschland nur wenig genutzt - und wenn erst sehr spät.

Vorsorge ist besser als Nachsorge

Je früher ein Patient die Anzeichen eines Verschlusses selbst erkennt, desto besser. Typisch ist meist ein ziehender Schmerz, ein Brennen, das in den Hals ausstrahlt, manchmal auch in den linken Arm; wenn die Herz-Hinterwand betroffen ist, auch in den Rücken. Arteriosklerose, arterielle Verschlusskrankheit  ist eine chronische entzündliche Erkrankung, ein fortschreitender und vielschichtiger Krankheitsprozess. Eine der wirksamsten Maßnahmen gegen die Erkrankung ist, die bekannten Risikofaktoren wie Rauchen zu vermeiden, sich gesund zu ernähren und regelmäßig zu bewegen.

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