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Wir werden nicht nur deutlich älter als die Generationen vor uns, sondern das Älterwerden funktioniert heute ganz anders. Wie, das erklärt der Alternsforscher und Buchautor Prof. Hans-Werner Wahl in seinem neuen Buch: " Die Psychologie des Alterns".

Herr Wahl, ist das typisch für Menschen die die 50 überschritten haben - fühlen die meisten sich innerlich jünger?
Das ist auf jeden Fall der Fall. Wir haben das in eigenen Studien und auch in anderen Studien immer wieder bestätigen können. Die meisten Menschen über 40, 50 Jahren fühlen sich deutlich jünger. Und das Wichtige dabei ist, dass dieses Sich-jünger-Fühlen auch statistisch bedeutsam einhergeht mit höherer Lebenszufriedenheit, mit besserer kognitiver Leistung, mit höherer Gesundheit und sogar in einigen Studien mit einer längeren Lebensdauer. Also, es ist etwas dran an der Aussage: "Ich fühle mich jünger" - und das ist gut.

Sie sind Alternsforscher an der Universität Heidelberg: Ihr neues Buch heißt: "Die neue Psychologie des Alterns". Was ist denn diese neue Psychologie?
Die Psychologie hat in den letzten 15-20 Jahren eine ganz neue Befundlage, eine Ergebnislage bereitgestellt. Das hat auch etwas zu tun mit neuen Längsschnittstudien. Die haben angefangen in den 80er, 90er Jahren, sind aber dafür schon über 50 Jahre gelaufen. Und wir verstehen heute deutlich mehr über das Altern - in den unterschiedlichsten Bereichen: Nicht nur in der Kognition, also im Denken, auch in den Sozialkontakten, aber auch im subjektiven Sich-alt-Fühlen oder in den Bereichen des Wohlbefindens, der Depressivität, dem Altern in seinen Stärken, aber auch in seinen Verletzlichkeiten. Mit dieser neuen Befundlage verstehen wir meiner Meinung nach den Prozess des Alterns so gut wie noch nie vorher.



Bleiben wir bei der Kognition, also beim Denkvermögen. Das nimmt doch im Alter ab -zum Beispiel solche Phänomene wie Kurzzeitgedächtnis, Arbeitsspeicher, oder?
Das nimmt auf jeden Fall ab. Dieser Prozess beginnt schon mit Ende 20, ist also ein sehr langfristiger Prozess. Was wir auch sehen müssen: Es gibt riesige Unterschiede zwischen älteren Menschen. Beispielsweise gibt es ja eine kleine Gruppe von älteren Menschen, die hat in den Bereichen Arbeitsgedächtnis, Schnelligkeit des Denkens nur relativ geringe Abfälle zwischen 50 und beispielsweise 70 oder 75 Jahren. Wir müssen extrem differenzieren. Das wussten wir schon seit einigen Jahrzehnten, können es aber heute mit neuen Längsschnittdaten wirklich auch im Prozess belegen. Wir können auch zeigen, dass ältere Menschen viele Möglichkeiten haben, ihre geistige Leistung, die natürlich schon zurückgeht, auch zu kompensieren. Sie können einfachere Handlungen ausführen, sie können die Dinge machen, die ihnen noch gut möglich sind. Und diese "Vereinfachung" ihrer Welt hilft eben sehr stark, auch mit einer reduzierten kognitiven Leistung noch zu leben.

Wie ändert sich die Wissensbasis? Kann man das sagen?
Insgesamt in der Alternspsychologie?

Wenn ich an alte Menschen denke, denke ich immer daran, dass sie ein ungeheures Reservoir an Erfahrungswissen und Orientierungswissen haben.
Das stimmt. Und das ist der zweite Punkt dem man auch hier machen muss, im Bereich der "Pragmatik", also des Lebenswissens, darüber, wie das Leben geht, einen guten Rat geben, auch die Frage der Sinnhaftigkeit von Leben. Darin sind ältere Menschen, sie haben eben auch eine jahrzehntelange Erfahrung, sehr sehr gut. Und ist ja ein Bereich der geistigen Leistung, der bisweilen ein bisschen in unserer Welt - es geht um Schnelligkeit des Denkens, um fehlerfreie logische Abläufe - etwas unterschätzt wird. Wir haben eine riesige Gruppe in Deutschland an älteren Menschen in Deutschland. Die haben sehr viel zu bieten und sind im Grunde auch besser als viele der jüngeren in diesen Bereichen - einfach weil sie im Laufe ihres Lebens diesen Wissensschatz aufgearbeitet und aufgebaut haben. Und das müssen wir nutzen, natürlich mehr noch auch als Gesellschaft.



Die Neurowissenschaft hat uns ein neues Stichwort geliefert, d.h. "Plastizität des Gehirns". Sie sagt, das Gehirn ist sehr formbar. Es wird eigentlich so, wie wir es benutzen. Was ist mit dieser Plastizität ab 50? Ändert sich das Gehirn dann wirklich noch?
Die Plastizität gibt es, das stimmt. Sie geht aber im Laufe des Älterwerdens, sagen wir ab 50, zurück. Aber sie geht nie in den Bereich einer Nichtplastizität. Wir können beispielsweise mit Studien zeigen, dass auch noch 95-Jährige trainierbar sind in ihren geistigen Leistungen. Also man macht eine Schulung, man macht ein Training. Das gilt für die geistige Leistung, das gilt für soziale Kompetenz und das gilt auch für die körperliche Leistungsfähigkeit.

Also man kann mit einem guten Krafttraining auch 95-jährige - ich spreche von einem Training, was Freude macht, was auf ältere Menschen auch gut zugeschnitten ist - unglaubliche Kraftreserven mobilisieren, die dazu führen, dass man den Rollator zumindest eine Zeit lang in der Ecke stehen lassen kann. Wir haben solche Studien auch im Pflegeheim gemacht. Also ja, wir haben diese Plastizität, aber ein ganz großes "aber", diese Plastizität wird in unserer Gesellschaft, und da kann auch die Psychologie was beitragen, noch zu wenig genutzt. Also meine These wäre auch in diesem Buch: Wenn wir all das, was im Alter gestaltbar ist machen, dann kriegen wir eine ganz neue Gesellschaft.

Nerven Neuronen 1 (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Das Gehirn bleibt auch im Alter formbar Foto: Colourbox.de -



Ist gutes Altern, glückliches Altern, auch gesehen als Herausforderung, ist das genetisches Schicksal oder kann man das beeinflussen?
Mittlerweile gibt es dazu auch Längsschnittstudien an eineiigen Zwillingen - Schweden hat da sehr viel zu bieten. Das sind Studien, die es seit über 20 Jahren gibt, bei denen man das Wohlbefinden gemessen hat und gleichzeitig auch genetische Informationen. Die Studien zeigen uns, dass Wohlbefinden zwar nicht genetisch determiniert, aber mitbestimmt ist, so etwa zu 50 Prozent. Aber die anderen 50 Prozent können wir gestalten und ausleben. Und das müssen wir heute auch tun. Und die meisten älteren Menschen scheinen das auch ganz gut hinzukriegen- was mich sehr beeindruckt.

Wird sich unser Bild vom Altern vollständig ändern?
Ja, da bin ich ganz sicher. Wir werden natürlich das Altern künftig gar nicht mehr nur als das Leben der über 70-Jährigen oder so verstehen, sondern das Ganze mehr als einen Lebenslaufprozess sehen. Wir werden möglicherweise mehrfach im Leben noch mal etwas Neues lernen, einen neuen Beruf lernen, den wir noch mal eine Zeit lang ausüben. Also unser Lebenslauf und Lebensablauf und auch das höhere Lebensalter werden Dank dieser neuen Technologien, wenn wir alle Plastizitäten nutzen, in Zukunft deutlich anders aussehen. Meine These wäre: Wir werden in 50 Jahren auch 80- bis 90-Jährige als junge Menschen betrachten, mit sehr vielen Kompetenzen.

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