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Gespräch mit Ulrike Till, SWR Wissenschaftsredaktion

Krebs ist in den Industrieländern die zweithäufigste Todesursache – doch in zehn oder zwanzig Jahren könnte die Statistik anders ausfallen. Immuntherapien gelten als besonders schlagkräftige Waffe.

Sind Immuntherapien wirklich der Durchbruch in der Krebsbehandlung?
Es sind keine Wundermittel, aber bei einigen Patienten haben Immuntherapien schon verblüffend gut gewirkt; vor allem beim schwarzen Hautkrebs. Manche Melanompatienten mit Metastasen haben damit schon Jahre überlebt – früher sind diese Kranken meist innerhalb von Monaten gestorben.

Möglich machen das Infusionen mit bestimmten Antikörpern, die das Immunsystem stimulieren – die Medikamente tricksen die Abwehrmechanismen des Tumors aus, der Krebs wird verwundbar. Inzwischen sind auch die ersten Immuntherapien bei Lungenkrebs zugelassen; auch bei Nierentumoren gibt es Erfolge. Allerdings sind die Nebenwirkungen zum Teil sehr heftig, außerdem schlägt die Behandlung längst nicht immer an; selbst bei Kombitherapien mit mehreren Antikörpern profitieren im Schnitt nur 40 Prozent der Patienten.

Lässt sich die Wirksamkeit noch weiter steigern, gibt es da vielversprechende neue Ansätze?

Ja, da setzen Krebsforscher vor allem auf die sogenannten T-Zell-Therapien: dabei werden den Patienten Abwehrzellen entnommen und dann außerhalb des Körpers im Reagenzglas so umprogrammiert, dass die Abwehrzellen Tumore gezielt angreifen und vernichten. Diese genveränderten Killerzellen bekommt der Patient dann zurück – bisher meist direkt ins Blut. Bei verschiedenen Arten von Leukämie hat diese experimentelle Behandlung schon erstaunlich gut geklappt; in Kalifornien ist gerade erstmals auch ein Patient mit einem bösartigen Hirntumor damit behandelt worden. Das hat den Krebs über Monate gebremst. Noch ist das ein spektakulärer Einzelfall, aber er zeigt, dass genveränderte Immunzellen nicht nur im Blut, sondern auch an anderen Stellen des Körpers ans Ziel gelangen und Tumorzellen zerstören können.

Wie sieht es mit den Risiken aus? In den USA wurde doch gerade erst eine Studie mit solchen Designer-T-Zellen abgebrochen, weil Probanden gestorben waren?

Das hat in der Fachwelt auch für große Aufregung gesorgt und ist in der Tat sehr beunruhigend. Die amerikanische Arzneimittelbehörde hatte die sogenannte „rocket“-Studie der Pharmafirma Juno Therapeutics im Sommer schon mal vorübergehend gestoppt – damals waren drei Studienteilnehmer an Hirnschwellungen gestorben. Es hieß dann aber, das liege wohl an einer begleitenden Chemotherapie, die Tests durften dann mit einer anderen Chemo weiterlaufen. Vor zwei Monaten gab es aber zwei weitere Todesfälle, wieder nach Hirnödemen – deshalb hat das Unternehmen jetzt von sich aus die Versuche gestoppt.

Durch die Forschung der Medizin-Nobelpreisträger können neue Krebstherapien entwickelt werden.  (Foto: SWR, SWR -)
Es gibt immer mehr Alternativen zur klassischen Chemotherapie. SWR -

Trotzdem setzen Forscher weiter große Hoffnungen auf maßgeschneiderte Killerzellen gegen Krebs, so fatale Nebenwirkungen sind bei anderen Studien nicht aufgetreten. Aber der Fall zeigt auch, dass bei neuen Immuntherapien ganz besondere Vorsicht nötig ist. Vor allem dann, wenn die umstrittene Genschere Crispr Cas zum Einsatz kommt: in China wird diese Methode gerade erstmals bei einer Pilotstudie mit zehn Lungenkrebspatienten genutzt.

Das ist alles vom klinischen Alltag der Krebstherapie noch weit entfernt – gibt es neue Erkenntnisse, von denen Patienten schon bald profitieren können?

Es gibt unter anderem einen vielversprechenden neuen Ansatz für Kranke mit fortgeschrittenem Prostatakrebs: Heidelberger Krebsforscher haben einen Wirkstoff entwickelt, der sich speziell mit Tumorzellen der Prostata verbindet – PSMA-617 heißt diese Substanz. Das Spannende ist, dass man den Wirkstoff radioaktiv beladen kann, dann werden die Krebszellen von innen heraus zerstört. Allerdings gelingt das bisher nur bei knapp der Hälfte der Patienten.

Außerdem kann man den Wirkstoff auch mit harmlosen radioaktiven Teilchen anreichern, dann lassen sich präzise Aufnahmen des Tumors machen, und die Ärzte wissen genau, wie groß der Krebs ist. So lässt sich auch besser als bisher kontrollieren, ob die Behandlung anschlägt. Außerdem funktionieren Blutuntersuchungen auf Krebs immer besser, davon profitieren Kranke mit ganz unterschiedlichen Tumorarten. Liquid biopsy heißt das im Fachjargon – zur Früherkennung taugt der Ansatz noch nicht, aber er ist sinnvoll bei einer laufenden Therapie.

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