Neue Bildungs-Studie

Wer siezt, ist besser in der Schule

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SWR2 Impuls im Gespräch mit Germanistik-Professor Wolfgang Steinig. Online Anja Braun

Wer seine Grundschullehrerin siezt, bringt im Schnitt bessere Leistungen. Zu lässige Kommunikation in der Schule dagegen geht mit geringeren Leistungen einher. So lautet die These des Germanisten Wolfgang Steinig.

Wissenschaftler der Universität Siegen untersuchten bundesweit an 600 Schulen, ob Grundschüler ihre Lehrer duzen oder siezen und wie sich das auf ihre Leistungen auswirkt. Fazit: Das Duzen oder Siezen steht in engem Zusammenhang mit dem späteren Bildungserfolg. So bringen z.B. kleine Magdeburger oder Leipziger, die ihren Lehrer oder ihre Lehrerin siezen, in der Regel die besten Leistungen: In Duz-Ländern wie Bremen und Hamburg schneiden die Grundschüler dagegen am schlechtesten ab.

Am Du und Sie scheiden sich die Länder

Dabei wird eine deutliche Teilung Deutschlands klar. Viertklässler im Norden und Western duzen ihre Lehrkräfte häufig. Im Süden und Osten dagegen werden die Kinder schon früh zum Siezen angehalten. In Zahlen ausgedrückt: In Niedersachsen, Bremen und Hamburg liegt die Duz-Rate zwischen 70 und 90 Prozent, in Bayern und Baden-Württemberg liegt sie bei etwa 40 Prozent, in Sachsen fällt sie unter 16 Prozent, und in Sachsen-Anhalt tendiert sie gegen null.

Parteipolitik prägt Sprach- und Lernkultur der Grundschule

Ob Kinder in der Schule Du oder Sie sagen, hängt auch eng mit der parteipolitischen Prägung ihrer Umwelt zusammen. In Regionen in denen die Grünen, die FDP und vor allem die SPD stark ist, dominiert das Duzen. In Regionen, in denen die Partei die Linke Erfolge einfährt, wird streng gesiezt. Das scheint ein Erbe aus der DDR-Zeit zu sein, damals wurde stark auf die Einhaltung des Siezen an Schulen geachtet. Nur Schulen in CDU/CSU-dominierten Wahlkreisen liegen irgendwo in der Mitte. Es gibt also deutliche Bezüge zwischen der politischen Orientierung einer Region und der Schulkultur vor Ort.

Doch Siezen hilft nicht pauschal die Schulleistungen zu verbessern

Siezen ist ein Symptom dafür, wie Lehrkräfte Leistungen von den Schülern einfordern. Siez-Schulen legen von Anfang an mehr Wert auf Rechtschreibregeln. Ihr pädagogisches Konzept fordert schon früh klare Bildungsstandards ein. Es dominieren die Anforderungen der Lehrer und das Leistungsdenken.

Die Duz-Schulen dagegen rücken die Bedürfnisse des Kindes in den Mittelpunkt. Die Grundschüler sollen sich an ihrer Schule wohlfühlen und ihnen sollen vorrangig soziale Kompetenzen vermittelt werden. Auch beim Schreiben haben Kinder dort oft mehr Freiheiten.

Kinder, die ihre Lehrkraft siezen, formulieren anspruchsvoller

Das Fazit: Kinder, die siezen, müssen sich sprachlich wie auch kognitiv stärker anstrengen. Sie müssen ihre Sätze stärker strukturieren, planen und eher der Schriftsprache anpassen. Je früher Kinder das lernen, desto leichter fällt es ihnen, angemessen zu formulieren und Texte zu schreiben.

Das Siezen der Lehrkraft fördert die Chancengleichheit

Der Germanist Wolfgang Steinig, der Studie geleitet hat, weist daraufhin, dass Kinder aus bildungsfernen Familien früh das Siezen lernen sollten, damit sie später bessere Chancen haben. Kinder aus höheren sozialen Milieus lernten auch außerhalb der Schule, sich mühelos auf der Sie-Ebene zu äußern. Für Kinder aus bildungsfernen Familien, die oft auch einen Migrationshintergrund haben, sei es deshalb besonders wichtig, dass sie in der Schule lernen, vom Du zum Sie umzuschalten. Steiner betont: "Wenn es im Unterricht zu freundschaftlich zugeht, hilft das keinem etwas, am wenigsten den Migrantenkindern, denn gerade sie müssen ja noch die formellen Aspekte der fremden Sprache lernen, und das geht eher mit dem „Sie". "Wenn alle von Anfang an lernten, sich sprachlich angemessen auszudrücken, führe das zu mehr Chancengleichheit.

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