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Ist der Hipster nur ein Mode-Phänomen? Oder hat er auch ein gesellschaftspolitisches Anliegen? Ausgefallen und extravagant ist das Hipstertum auf jeden Fall nicht mehr. Er ist zum Symbol für den lässigen aber auch bindungslosen, immer flexiblen Individualisten geworden.

Vollbart, Hornbrille, Jutebeutel: Die einst klassischen Merkmale des Hipsters. Ein Phänomen, das seit den 2000er Jahren seinen Weg in den Mainstream geschafft hat. Vollbart tragen mittlerweile auch Sparkassen-Angestellte. Und die Hornbrille ist ein beliebtes Accessoire für Politiker.

Auf jeden Fall ist er omnipräsent. Der Hipster dominiert das Feuilleton, grinst von Plakatwänden. Als offizielles Hipster-Viertel gilt die Geißstraße in Stuttgart genauso wie die Berliner Torstraße oder der Brüsseler Platz in Köln. Viele stellen sich unter Hipster ganz bestimmte Personen vor. Zum Beispiel: ein junger Mann mit Bart und coolen Klamotten, der immer irgendwelche Projekte hat, aber von dem man nie genau weiß, was er Hipster eigentlich arbeitet.

Hipster sind Neo-Spießer mit Drang zur Individualität

Philipp Ikrath ist Jugendforscher und Autor des Buches "Die Hipster. Trendsetter und Neo-Spießer". Er findet, dass das Hipstertum keine Jugendkultur ist, sondern eher ein soziales Milieu. Am häufigsten finde man Hipster in Großstädten: Dort sei ihre Dichte an Orten der Alternativkultur hoch: in Bars und Cafés, Galerien und Pop up-Stores, die für einige Wochen da sind, und dann wieder verschwinden. Dort feiere der Hipster vor allem eines: seine Individualität.

Der Hipster ist ein Mittelschichtsphänomen

Der Bamberger Literaturwissenschaftler Chris W. Wilpert hat sich den Hipstern wissenschaftlich genähert. Er hält sie für ein Mittelschichtsphänomen. Es sei eine Klasse von Bürgerskindern, denen vorgeführt werde, dass die bürgerliche Entwicklung oder die Versprechen ihrer Elterngeneration der Babyboomer nicht mehr nachzuarbeiten sei und die daher auch Verlustängste entwickelten.

Hipster (Foto: Colourbox, Colourbox -)
..ein junger Mann mit Bart und coolen Klamotten, der immer irgendwelche Projekte hat, aber von dem man nie genau weiß, was er Hipster eigentlich arbeitet Colourbox -

Wilpert unterstellt Hipstern einen destruktiven Charakter. Sie seien ein Symptom unserer Gegenwart, in der sich soziale Sicherheitssysteme auflösten und sich die politische Urteilskraft in der Krise befinde. Eine Zeit, in der Ironie für viele die einzige akzeptierte Haltung sei. Der Hipster bringe das zum Ausdruck und sei damit ein Gesellschaftsphänomen.

Der Hipster steht für Bindungslosigkeit, Individualismus und Flexibilität

Dabei wird der Hipster gerne belächelt und gelegentlich auch richtig tief verachtet. Ihm wird vorgeworfen, dass er immer dem nächsten Trend hinterher hechelt, weil er immer cooler sein will als die anderen. Und dass ein Hipster keinen Begriff von Geschichte hat.
Jugendforscher Philipp Ikrath hält den Hipster für eine Art Idealtypus unserer Gesellschaft. Schließlich ist unsere Gegenwart ganz stark auf Individualität ausgerichtet. Es wird der Einzelne und das Individuum angerufen, sein Leben selber in die Hand zu nehmen. Ob das jetzt bei der Partnersuche oder in der Pensionsversicherung ist. Und der Hipster setzt all diese Ansprüche um. Er steht für die Tendenzen unserer Zeit: Bindungslosigkeit, Individualismus, Flexibilität.

Kritik am Hipster ist Kritik am aktuellen Gesellschaftssystem

Der Hipster versucht vor dem gesellschaftlichen Mainstream nach vorne zu flüchten und steht letztlich doch genau für diesen Mainstream. Deshalb bedeutet Kritik am Hipster immer Kritik am aktuellen Gesellschaftssystem, sagt Jugendforscher Ikrath. Und selbst wenn Brille, Bart und Beutel nicht mehr das äußere Erscheinungsbild des Hipsters bestimmen, die Geisteshaltung des Hipsters werde sich sicher noch länger halten. Schließlich seien gesellschaftliche Trends längerfristige Entwicklungen, die zehn, zwanzig Jahre andauern könnten.

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