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US-amerikanischen Forschern ist es erstmals gelungen, frühgeborene Lämmer bis zu vier Wochen außerhalb des Mutterleibes heranwachsen zu lassen. Bedeutet das nun einen Durchbruch auch in der Versorgung von menschlichen Frühgeborenen? Eine Einschätzung unserer Medizinredakteurin Ulrike Till.

Je früher ein Baby auf die Welt kommt, desto größer ist das Risiko: wenn ein Kind schon in der 25. Schwangerschaftswoche oder noch eher geboren wird, überleben die Winzlinge meist nur mit dauerhaften Schäden. Ärzte und Medizintechniker forschen deshalb schon lange an Systemen, mit denen sich extreme Frühchen in den kritischen ersten Wochen unterstützen lassen.

Mini-Schäfchen im Plastikbeutel

Technologisch sind die Versuche der amerikanischen Forscher eine Sensation: nach vielen Fehlschlägen haben die Spezialisten der Kinderklinik in Philadelphia eine „Biobag“ konstruiert, in der sich einige frühgeborene Lämmer weitgehend normal entwickelt haben. Die Bilder sehen aus wie aus einem Science-Fiction-Film: in einem durchsichtigen Beutel schwimmen die Mini-Schäfchen in Fruchtwasser aus dem Labor; ein Gewirr von Kabeln führt von dem Plastiksack zu einem Gerät, das als künstliche Plazenta dient. Dorthin wird durch die Nabelschnur Blut gepumpt, die Maschine versorgt die Föten dann wie im Mutterleib mit Sauerstoff, Flüssigkeit und Nährstoffen.

Geringe Überlebenschancen

Im Inneren des Beutels sind die Lämmer vor Infektionen geschützt. Der Clou dabei: Anders als bei früheren Entwicklungen funktioniert das Ganze ohne externe Pumpe, angetrieben allein vom Herzschlag der Föten. Das am weitesten fortgeschrittene System konnte einige Tiere bis zu 28 Tage am Leben halten: sie reiften heran, entwickelten Wolle, auch die Lungen entfalteten sich und das Gehirn schien normal. Jetzt kommt das große Aber: Von allen Versuchstieren war nach einem Jahr nur noch ein einziges Schaf am Leben, bei den anderen gab es erhebliche Komplikationen. Blutungen aus der Nabelschnur und zu wenig Sauerstoff im Blut waren die häufigsten Probleme der Reifung im Biobeutel.

Und es zeigte sich: je jünger die Lämmer waren, desto schlechter das Ergebnis. Die Tiere waren etwa so weit entwickelt wie menschliche Föten zwischen der 23. und 25. Schwangerschaftswoche. Genau solchen Extrem-Frühchen soll die neue Technik einmal nutzen, das hoffen die Autoren der Lämmerstudie. Aber sie räumen auch selbst ein, dass vorher noch hohe Hürden zu nehmen sind.

Ergebnisse nur bedingt auf Menschen übertragbar

Unter anderem entwickelt sich das Gehirn beim Schaf schneller als beim Menschen; hier lassen sich die Ergebnisse kaum übertragen. Außerdem sind frühgeborene Lämmer dreimal so groß wie menschliche Frühchen – die komplizierte Technik lässt sich aber nicht beliebig verkleinern. Mehrere deutsche Mediziner halten es zwar prinzipiell für möglich, ein vergleichbares System für den Menschen zu entwickeln. Allerdings erst in vielen Jahren und nach intensiver weiterer Forschung. Auch dann bleibt das Problem, dass extreme Frühgeburten in der Regel spontan passieren – und eben nicht an einem Zentrum mit Biobag.

Und selbst wenn die Technik gleich verfügbar wäre – die paar Minuten vom Mutterleib in die künstliche Fruchtblase sind für den Fötus lebensgefährlich. Experten weisen auch daraufhin, dass Frühchen zwischen der 23. und 25. Schwangerschaftswoche sich auch mit weniger riskanten Methoden schon jetzt häufig retten lassen – ein echter Bedarf besteht bei Föten, die noch jünger sind. Sie wiegen dann nicht einmal 600 Gramm. Vielleicht können solche Föten tatsächlich eines Tages im Biobeutel nachreifen. Einige Fachärzte warnen aber vor schweren lebenslangen Behinderungen, wenn man so kleine Frühgeborene behandelt.

Inkubator (Foto: SWR, SWR -)
Das Westpfalzklinikum in Kaiserslautern versorgt pro Jahr etwa 40 Frühgeborene. SWR -
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