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Mädchen, die partout kein Kleid anziehen wollen oder Jungs, die für ihr Leben gern mit Puppen spielen, sind keine Seltenheit. Doch bei manchen Kindern steckt mehr dahinter: Sie haben das Gefühl, mit dem falschen Geschlecht geboren zu sein. Bei Erwachsenen spricht man von Transsexualität, bei Kindern von Geschlechtsidentitätsstörung.

"Mama, würdest Du mich noch mögen, wenn ich ein Mädchen wäre?"

Für Sanne ist klar: Sie möchte nie wieder ein Junge sein. Die zehnjährige Belgierin hat seit sie denken kann lieber Kleider als Hosen getragen und zum Geburtstag nur Mädchen eingeladen. Sanne hieß eigentlich mal Senne und wurde als Junge geboren. Doch schon mit fünf hat sie beschlossen, ein Mädchen zu sein, erzählt ihre Mutter: "Sie kam aus der Schule zurück und fragte mich: 'Mama, würdest Du mich noch mögen, wenn ich ein Mädchen wäre?' – Ich antwortete: 'Aber natürlich, du bleibst ja mein Kind. Wie du auch bist, aber du bist natürlich ein Junge.' – 'Das ist wahr', sagte sie." Doch Sanne setzt sich durch. Sie darf den Namen ändern, Kleider anziehen, die Mädchentoilette benutzen.

Mädchen versteckt ich hinter Couch (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Foto: Colourbox.de -

Geteilte Meinungen

Wilhelm Preuss weiß aus Studien: Wenn man vorpubertäre Kinder engmaschig begleitet, kann der frühe Wandel für einige eine Riesen-Erleichterung sein. Der Psychiater kümmert sich an der Uniklinik Hamburg Eppendorf um Kinder und Jugendliche mit gestörter Geschlechtsidentität: "Wenn sie begleitet wurden, hat man festgestellt, dass sie sich psychopathologisch kaum von anderen ganz normalen Kindern unterschieden. Sie sind nicht depressiver. Sie sind ein kleines bisschen ängstlicher. Aber das kann man verstehen, weil sie sich auch behaupten müssen."

Karlien Dhont empfiehlt dagegen allen Kindern, erst mal bei ihrem angeborenen Geschlecht zu bleiben – zumindest in der Öffentlichkeit. Die Kinderpsychiaterin hat vor zehn Jahren eine Spezialsprechstunde am Uniklinikum Ghent in Flandern gegründet, und rät davon ab, dass Kinder ihren Namen und ihre Identität vor dem dreizehnten oder vierzehnten Lebensjahr ändern. "Unser Team ist der Meinung, dass eine Person zunächst einmal in die Pubertät kommen sollte. Vorher weiß niemand, in welche Richtung es gehen wird. Manche Kinder denken, sie stecken im falschen Körper und ändern ihre Meinung dann wieder."

Auch Alexander Korte rät davon ab, sich vor der Pubertät auf ein anderes Geschlecht festzulegen. Der Psychiater betreut Kinder und Jugendliche mit einer Geschlechtsidentitätsstörung an der Münchner Uniklinik. Nach seiner Erfahrung, bleibt nur ein geringer Teil der Kinder dauerhaft bei ihrem Wunsch, zum anderen Geschlecht zu gehören. "Bei nicht wenigen Kindern löst sich das im Laufe der weiteren Entwicklung und der Pubertät in Wohlgefallen auf." Manche merken während der Pubertät, dass sie homosexuell sind und "nur ein geringer Anteil bleibt dauerhaft geschlechtsidentitätsgestört." Maximal 25 Prozent der Kinder, schätzt Korte.

Selbstbewusste Entwicklung

Umso wichtiger ist es, die Kinder intensiv zu begleiten und ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Darin sind sich die drei Psychiater einig. Kinderpsychiaterin Karlien Dhont betont, dass es wichtig ist, einen "Raum zu schaffen, in dem die Kinder sich neutral entwickeln können – nicht als Junge, nicht als Mädchen." Ein Ort in dem "sie sich einfach wohlfühlen, ohne gleich das Geschlecht wechseln zu müssen."

Mit der Pubertät steht der nächste Schritt an: Wenn Jungen in den Stimmbruch kommen und bei Mädchen die Brüste wachsen, empfehlen manche Ärzte sogenannte Pubertätshemmer. Das sind Hormone, die die Entwicklung bis zu zwei Jahre lang hinauszögern. Sind sich die Kinder danach immer noch sicher, können die Ärzte den Mädchen anschließend männliche Hormone und den Jungen weibliche spritzen. Doch auch hier mahnt der Münchner Sexualmediziner Alexander Korte zur Vorsicht: "Wir wissen nicht, was die Pubertätsblockade möglicherweise anrichtet oder ob durch diese Pubertätsblockade die Geschlechtsidentitätsstörung nicht sogar aufrechterhalten wird und der Wunsch nach Geschlechtswechsel dadurch eher größer wird."

Der Hamburger Psychiater Wilhelm Preuss dagegen sieht die Pubertätsblocker keineswegs als Sackgasse, da es nach zwei Jahren der Behandlung auch den Weg zurück gibt: "Wenn sich herausstellt, dass es nicht in eine klare transsexuelle Richtung geht, kann man die Hormonblocker weglassen und es kommt die natürliche körperliche Pubertät in Gang."

Frau kann nicht in ihr SPiegelbild schauen (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
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Hauptsache glücklich

Sanne und ihren Eltern steht diese Entscheidung noch bevor. Noch reicht es der Zehnjährigen, dass sie Kleider tragen darf und ihre Mitschüler sie mit ihrem Mädchennamen ansprechen. "Wir sind für alles offen," sagt ihre Mutter. "Wenn sie in der Pubertät sagt: 'Das ist nicht das, was ich will,' dann kann sie immer wieder umdrehen. Dann geh ich sofort mit ihr einkaufen und sie bekommt Jungs-Klamotten. Aber dann ist sie in den Jahren bis dahin glücklich gewesen."

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