Ein Affe sitzt traurig guckend in einem Käfig. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

Umstrittene Tierversuche

Schluss mit Forschung an Affen in Tübingen

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SWR2 Impuls. Von Urike Mix. Online: Meta Wolfsperger & Ralf Kölbel

Im April geht im Tübinger Max Planck Institut für Biologische Kybernetik eine Ära zu Ende: Die Forscher beenden ihre Versuche mit Affen – genauer gesagt: mit nicht-menschlichen Primaten. Die Veröffentlichung eines Tierschützers im Jahr 2014 von Aufnahmen aus dem Max Planck Institut lösten eine landesweite Debatte darüber aus, ob die Tiere unter den Versuchen leiden.

Der international renommierte Professor Nikos Logothetis hatte über viele Jahre Affenhirne untersucht. Um neue Erkenntnisse zu erhalten, operieren die Wissenschaftler den Affen eine Halterung in die Schädeldecke. Mit der werden sie später mehrere Stunden täglich in einem Apparat fixiert, so dass sie den Kopf nicht bewegen können. Durch eine Öffnung im Schädel werden ihnen Elektroden ins Hirn eingeführt. Die messen, welche Nervenzellen aktiv sind.

Wie funktioniert das dreidimensionale Sehen? Wie verändert sich das Gehirn, wenn wir etwas lernen? Diese Grundlagenforschung soll dazu beitragen, neue Erkenntnisse zu gewinnen. Erkenntnisse, mit deren Hilfe sich vielleicht einmal Krankheiten wie Schizophrenie oder Demenz behandeln lassen.

Tierversuchsgegner kritisieren, dass die Tiere stundenlang fixiert werden, dass an den Öffnungen im Schädel immer wieder problematische Infektionen auftreten und dass die Tiere durch Durst zur Mitarbeit gezwungen werden. Als Belohnung für eine gelöste Aufgabe erhalten sie Wasser oder Fruchtsaft. Außerdem steht die Frage im Raum, ob die Erkenntnisse aus Affenversuchen wirklich auf den Menschen übertragen werden können.

Das Ende der Affenversuche in Tübingen

Im April soll Schluss sein mit diesen Versuchen. Der Grund: Videoaufnahmen. Bilder von blutüberströmten, leidenden Affen, die sich nur unter Zwang in die Versuchsapparaturen setzen, in denen sie täglich über Stunden fixiert werden. Die Aufnahmen hat ein Tierschützer geheim im Max Planck Institut gedreht. Veröffentlicht wurden sie 2014 und lösten eine Welle der Empörung, deutschlandweite Debatten und die ersten von SOKO Tierschutz organisierten Demonstrationen in Tübingen aus – teilweise mit über 1000 Teilnehmern. Die Tierschutzbeauftragte des Instituts betont: Das Videomaterial zeige nicht den Alltag im Labor. Ansonsten sind die Wissenschaftler zugeknöpft.

Demo gegen Tierversuche in TÜbingen (Foto: SWR, SWR - Rolf Maurer)
Tierschützer demonstrieren in Tübingen gegen Affen- und Tierversuche SWR - Rolf Maurer

Sind tatsächlich alle Aufnahmen der Tierschützer echt? Das werden die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft hoffentlich klären. Die Behauptung der Pressesprecherin der Max Planck Gesellschaft, die Affen müssten nicht leiden, scheint nicht haltbar. Das Regierungspräsidium Tübingen, das die Tierversuche genehmigt, stuft die Affenexperimente als mittelschwere bis schwere Belastung ein.

Drohungen gegen die Wissenschaftler

Einige Monate nach der Veröffentlichung des Videomaterials spitzt sich die Debatte Affenversuche zu. Es gibt sogar Morddrohungen. Auch Affenforscher der Universität Tübingen sind betroffen. Die SOKO Tierschutz distanziert sich von den Drohungen und spricht von Trittbrettfahrern. Obwohl Tierversuche demokratisch vom Bundestag genehmigt sind und das derzeit geltende Recht auf der Seite der Forscher ist, kapituliert Institutsleiter Nikos Logothetis: Er beendet seine Affenversuche, geht in ein Sabbatjahr und will künftig an Nagetieren weiter forschen. In einer Erklärung betont er noch einmal: Die Tiere leiden bei den Versuchen nicht.

Heikel ist dabei: Die unterschiedlichen Einschätzungen zum Leid der Tiere. Wo die einen entspannte Affen und Kooperation sehen, sehen andere Leid. Immer wieder wird Forschern und Genehmigungsbehörden vorgeworfen, dieses Leid der Tiere als zu gering einzustufen. Auch Barbara Grune, die als Direktorin am Bundesinstitut für Risikobewertung nach Alternativen zu Tierversuchen sucht, ist überzeugt, dass dem Leid der Tiere zu wenig Rechnung getragen wird: „Wir müssen sehr viel mehr investieren in die Erforschung von Schmerzen, Leiden, Schäden, Ängsten – es gibt ja sogar Ängste im Tierschutzgesetz. Wie wird das bewertet? Da ist noch viel zu tun.“

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