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Wenn Frauen die Pille nicht vertragen oder keine Lust mehr haben auf die tägliche Extradosis Hormone, wird es schwierig. Was aber ist mit Verhütung über eine App im Smartphone? „Natural Cycles“ verspricht genau das – und wirbt noch dazu damit, dass die App weltweit als erste sogar vom TÜV zertifiziert wurde. Angeblich soll das Programm so sicher sein wie die Pille – Experten bezweifeln das aber. Unsere Medizinredakteurin Ulrike Till hat sich die App angeschaut.

Wie funktioniert diese Verhütungs-App?

Im Grunde ist es die gute alte Temperaturmethode: das heißt, die Nutzerinnen der App messen jeden Morgen noch vor dem Aufstehen unter der Zunge ihre Körpertemperatur, das sollte immer etwa zur gleichen Zeit passieren. Nach dem Eisprung steigt die Temperatur um ein viertel bis halbes Grad an – daraus errechnet die App dann die fruchtbaren Tage, die werden rot angezeigt, das heißt Achtung, kein ungeschützter Sex! Gefährlich sind vier Tage vor dem Eisprung bis einen Tag danach – also eigentlich nur sechs Tage im Monat. Mit Sicherheitspuffer kommt die App im Schnitt aber auf zehn rote, also riskante Tage pro Zyklus. An denen muss man dann enthaltsam bleiben oder doch Kondome nehmen. Im Prinzip könnte man sich das ganz altmodisch auch selbst auf dem Papier ausrechnen – in der App kostet es 5,40 Euro im Monat.

Die Entwickler der App werben damit, die Methode sei genauso sicher wie die Pille…

Wenn Frauen einen ganz regelmäßigen Zyklus haben und auch sonst einen eher ruhigen Alltag, kann die Methode prima funktionieren – schwierig wird’s, wenn das Leben eher turbulent ist. Die Macher der App weisen selbst daraufhin, dass das Messen nichts bringt, wenn man sich krank fühlt, am Abend vorher Alkohol getrunken hat oder zwei Stunden früher oder später aufsteht als sonst. Die Temperatur schwankt auch, wenn Frauen Stress haben, auf Reisen sind oder vor dem Schlafengehen noch Sport treiben. Der Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte hat die App daher auch als „hochgradig unsicher“ bezeichnet und regelrecht davor gewarnt, sich allein darauf zu verlassen. Die Behauptung, dass die App so sicher schützt wie die Pille beruht auf einer klinischen Studie, die aus meiner Sicht das Papier nicht wert ist, auf dem sie gedruckt ist.

Die App „Natural Cycles“ errechnet anhand der eingetragenen Temperaturwerte die fruchtbaren Tage. (Foto: https://www.naturalcycles.com/de -)
Die App „Natural Cycles“ errechnet anhand der eingetragenen Temperaturwerte die fruchtbaren Tage. https://www.naturalcycles.com/de -

Warum haben Sie Zweifel an dieser Studie? 

Auf den ersten Blick klingen die Daten prima, es sind viele Teilnehmerinnen, immerhin rund 4000 Frauen und die Studie lief über ein ganzes Jahr. Aber nur ganz wenige Frauen haben tatsächlich ein Jahr lang mitgemacht. Sieben von hundert Frauen wurden schwanger, allerdings waren die meisten auch an den eigentlich verbotenen „roten“ Tagen sexuell aktiv. Die Entwickler von „Natural Cycles“ rechnen das raus und kommen so auf viel bessere Werte: nur fünf von 1000 Frauen sollen an einem von der App für sicher erklärten grünen Tag schwanger geworden sein. Der Riesenhaken bei der tollen Statistik: der Zeitraum ist viel zu kurz und damit überhaupt nicht aussagekräftig. Selbst Paare, die gar nicht verhüten, werden oft erst nach einem halben Jahr oder auch noch deutlich später schwanger. Bei älteren Frauen dauert es noch sehr viel länger – und die Studie hat Frauen zwischen 18 und 45 erfasst, auch das verwässert die Daten.

Bauch einer Schwangeren (Foto: © Colourbox.de -)
Das Temperaturmessen kann nicht nur einer Schwangerschaft vorbeugen, es ist auch eine hilfreiche Methode für Frauen mit Kinderwunsch. © Colourbox.de -

Die Verhütungs-App ist vom TÜV zertifiziert, sogar weltweit als erste App dieser Art. Ist das nicht ein wichtiges Qualitätssiegel?

Das war auf jeden Fall eine brillante Marketingidee. Als Laie denkt man dann gleich, dass das TÜV-Siegel bedeutet, dass man mit der App perfekt verhüten kann – das aber haben die Prüfer gar nicht untersucht. Sie haben in erster Linie geschaut, dass die europäische Richtlinie für Medizinprodukte eingehalten wird. Die klinischen Studien des Herstellers wurden laut Pressestelle auf „Sinnhaftigkeit, Übereinstimmung mit den zugrundeliegenden Normen und Korrektheit der Dokumentation“ überprüft. Im TÜV-Deutsch geht es interessanterweise auch nur um Empfängnisregelung, nicht um Empfängnisverhütung.

Laut Hersteller soll die Verhütungs-App „Natural Cycles“ genau so sicher sein wie die Pille. Experten bezweifeln das. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Laut Hersteller soll die Verhütungs-App „Natural Cycles“ genau so sicher sein wie die Pille. Experten bezweifeln das. picture-alliance / dpa -

Muss man Frauen abraten von der App oder lässt sie sich auch sinnvoll nutzen?

Das kommt ganz auf die persönliche Situation an: die Hersteller sagen selbst, dass sie vor allem Frauen in festen Langzeit-Beziehungen ansprechen wollen. Also Frauen, für die eine Schwangerschaft eher keine Katastrophe wäre. Wer dazu noch einen verlässlichen Zyklus und auch sonst einen regelmäßigen Alltag hat, für den kann das schon eine praktische Form der natürlichen Verhütung sein. Bisher haben wir nur über Frauen gesprochen, die nicht schwanger werden wollen – aber natürlich ist Temperaturmessen, egal ob mit oder ohne App, auch eine gute Methode für Frauen mit Kinderwunsch: die nutzen dann vor allem die Tage, die laut App als gefährlich gelten.

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