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Mehr als jeder und jede Zehnte mutiert mittlerweile zum Workaholic. Doch Studien zeigen, Arbeitssucht entsteht nicht durch externen Druck, sondern aus einem inneren Antrieb heraus.

Arbeitssucht: Ein kurzer Test

Man glaubt gar nicht, wie schnell man zum Workaholic wird. Hier ein kleiner Test. Nehmen Sie sich kurz Zeit für die folgenden Fragen:

  • Können Sie sich für Ihre Arbeit mehr begeistern als für Ihre Familie oder irgendetwas anderes?
  • Nehmen Sie Arbeit mit ins Bett? Ins Wochenende? In die Ferien?
  • Ist Ihre Arbeit die Tätigkeit, über die Sie am liebsten und am meisten reden?
  • Arbeiten Sie mehr als 40 Stunden pro Woche?
  • Übernehmen Sie für die Ergebnisse Ihrer Arbeit die komplette Verantwortung?
  • Übernehmen Sie oft weitere Arbeit, weil Sie befürchten, sie bliebe sonst liegen?
  • Finden Sie es in Ordnung, lange zu arbeiten, wenn die Arbeit Spaß macht?
  • Sind Sie mit Menschen ungeduldig, die neben ihrer Arbeit noch andere Prioritäten haben?

Haben Sie mehr als diese drei Fragen mit Ja beantwortet, sind sie auf dem Weg zur Abhängigkeit - das jedenfalls sagen die Anonymen Workaholics.

Das Phänomen Arbeitssucht

Im Jahr 2015 verstehen wir unter Arbeit etwas anderes als noch unsere Vorfahren, die Jäger und Sammler. Zwar geht es immer noch um die Absicherung der Lebensgrundlagen. Aber als Gegenleistung für unsere Arbeit ist uns nicht nach Wildschweinen oder Maiskolben, sondern nach Geld. Das wiederum hat zu einem Phänomen in unserer modernen Arbeitswelt geführt: zur Arbeitssucht. Mehr als jeder Zehnte von uns – so schätzen Psychologen – ist mittlerweile zum Workaholic mutiert. Solche Menschen schießen mit ihrem Arbeitspensum weit über das zum Leben nötige hinaus. Und das kann verschiedene Gründe haben.

Stefan Poppelreuter ist Wirtschaftspsychologe und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Workaholics und ihrem Problem der Arbeitssucht. Dieses Phänomen betrifft nicht nur Schreibtischtäter, sondern genauso Fabrikarbeiter am Fließband. Auch die monetäre Komponente spielt bei der Arbeitssucht höchstens eine untergeordnete Rolle.

Workaholic: Arbeit ohne äußere Belohnung

In einem Unterrichtsraum sitzen Studenten, die gebeten wurden, ein Puzzle zu legen. Die eine Hälfte bekam für jedes fertige Bild Geld versprochen, die andere Hälfte nicht. Nach Ende des Experiments werden die Probanden gebeten, bis zur Auswertung im Klassenzimmer zu bleiben. Es liegen noch ein paar Puzzles im Raum, aber auch Zeitungen und Zeitschriften.

Mann sitzt am Tisch. Vor ihm türmt sich ein Haufen Aktenordner auf. (Foto: © Colourbox.com - Kombo: SWR.de)
Arbeitssucht betrifft nicht nur Schreibtischarbeiter, sondern genauso Fabrikarbeiter am Fließband © Colourbox.com - Kombo: SWR.de

Erst jetzt beginnt das eigentliche Experiment. Es besteht darin herauszufinden, wer sich wie verhalten wird. Die Studenten, denen für das Lösen der Puzzles eine Belohnung versprochen wurde, wenden sich von den Puzzles ab und den Illustrierten zu. Die anderen jedoch legen freiwillig, um die Wartezeit zu überbrücken, noch ein paar Puzzles.

Außerdem werden im Nachhinein die bezahlten Test-Teilnehmer das Experiment als weniger interessant einstufen als ihre ehrenamtlichen Kommilitonen. Ein Versuch, für den der Psychologie-Professor Edward Deci von der University of Rochester im US-Bundesstaat New York verantwortlich zeichnet.

Alternative Sichtweise

Er erklärt, die meisten Menschen denken, um jemanden zu motivieren, müsse man etwas tun, zum Beispiel eine Belohnung in Aussicht stellen oder mit Bestrafung drohen – so als ob es in unserer Verantwortung stünde, jemanden von außerhalb zu stimulieren. Eine alternative Sichtweise jedoch besteht darin, dass es eben nicht wir sind, die andere anregen. Die einzige Triebfeder ist die, die man aus sich heraus hat.

Burnout (Foto: © Colourbox.com -)
Es gibt einen Selbst-Test, mit dem man herausfinden kann, ob man von Arbeitssucht betroffen sein könnte © Colourbox.com -

Analog zu den Anonymen Alkoholikern haben sich mittlerweile die Anonymen Arbeitssüchtigen gegründet, zum Beispiel in Hannover, Kiel, Stuttgart und Mainz. Diese Selbsthilfegruppen haben einen Selbst-Test für jedermann entworfen - "bin ich abhängig?"

Auch Arbeitssüchtige arbeiten nicht immer

Gene Calvert ist Management Trainer in der US-Hauptstadt Washington. Er will herausgefunden haben, dass von der Arbeitszeit, die wir als solche angeben und als solche empfinden, wir tatsächlich nur etwa zwei Drittel wirklich mit Arbeiten verbringen. Das übrige Drittel hat damit nichts zu tun. Und von diesem Drittel wiederum verwenden wir rund 25 Prozent für das ziellose Starren ins Nichts.

Tagträumer auf der einen und Workaholics auf der anderen Seite - zwei unvereinbare Gegensätze? Nein, meint Gene Calvert. Er weiß aus Versuchen, dass Menschen anfangen zu träumen, wenn sie unter Stress geraten - obschon das eigentlich die Zeit sein sollte, zu der wir uns am meisten konzentrieren. Wir sind am produktivsten, wenn wir einem mittleren Stresslevel ausgesetzt sind. Empfinden wir gar keinen Stress, arbeiten wir auch nicht unter Hochdruck. Herrscht zu viel Stress, ist es für uns schwer, zur Höchstleistung aufzufahren.

Arbeitssucht als Etikett

Trotz der damit verbundenen Nachteile ist die Eigenschaft, arbeitssüchtig zu sein, für die Betroffenen ein Etikett, das sie sich gerne anheften. Wer das von sich selbst sagt, der will damit auch andere beeindrucken. Doch wenn jemand sagt ‘ich bin süchtig nach Arbeit’ dann sollten eigentlich alle Alarmglocken schrillen. Denn auch für die Arbeit, ob am Schreibtisch oder am Fließband, gilt: Weniger ist manchmal mehr.

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