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Hinter regelmäßigen Schmerzen im Bein kann auch eine Gefäßerkrankung stecken

Arterielle Verschlusskrankheit Rückenmarksstimulator hilft gegen Schmerzen

Menschen mit arterieller Verschlusskrankheit (PaVK) in den Beinen haben höllische Schmerzen, oftmals muss das Bein wegen zu schlechter Durchblutung amputiert werden. Alternative: ein eingepflanzter Rückenmarksstimulator, der die Wahnsinnsschmerzen eindämmt und die Durchblutung ankurbelt.

Ein Patient berichtet: "Das ging im Urlaub los, dass ich vom Hotelzimmer nicht mehr ans Buffet habe laufen können. Ich bin dann zum Schluss nur noch 200 Meter weit gekommen, habe stehen bleiben müssen mit leichten Krämpfen. Und dann habe ich gedacht, das wäre ein orthopädisches Problem. Ich bin punktiert worden an der Wirbelsäule, man hat alles mögliche probiert, bis dann der dritte Orthopäde gesagt hat, „das ist kein orthopädisches Problem, das ist ein Durchblutungsproblem bei Ihnen“.

Der Patient leidet an Durchblutungsstörungen der Becken- und Beinarterien, medizinisch periphere arterielle Verschlusskrankheit genannt, kurz PAVK. Das Tückische an dieser Krankheit ist, dass sie unbemerkt, schleichend auftritt. Im ersten Stadium merken die Patienten meist gar nichts davon. Es treten noch keine Beschwerden auf; die Beine können auffallend kalt sein. Nicht selten ist jedoch bei Männern die Erektionsstörung ein erstes Krankheitszeichen.

Lieber therapieren als vermeiden

Die typischen Beschwerden im zweiten Stadium –krampfartige Schmerzen in den Waden - werden häufig ignoriert und unterschätzt, so die Erfahrung von Oberarzt Arndt Dohmen am Gefäßzentrum der Universitätsklinik Freiburg: "Wer diese Schmerzen nach etwa 500 oder 800 Metern Gehstrecke bekommt, geht damit nicht zum Arzt, sondern ändert seine Lebensweise. Das ist etwas ganz Typisches bei diesen Patienten, die laufen nicht mehr, die haben ihr Auto in der Garage, fahren zum Einkaufen, fahren zum Briefkasten und überall hin mit dem Auto, und dann merken Sie es in ihrem Alltag nicht mehr so sehr."

Durchblutungsstörungen ernst nehmen

Schmerzen beim Laufen sollte man ernstnehmen, rät Arndt Dohmen, und sich vom Hausarzt an einen "Angiologen" überweisen lassen. Der Gefäßspezialist kann durch Duplexsonographie, eine Art Ultraschall, sichtbar machen, wo sich die Durchblutungsstörungen befinden und wie stark die Blutgefäße verengt sind. Je weiter die Erkrankung unerkannt fortschreitet, desto größer werden die Schmerzen und die körperlichen Schäden.

Dann folgt die dritte Stufe der schleichenden Krankheit: "Das dritte Stadium ist, wenn man schon Ruheschmerzen bekommt. Nachts im Bett kann man nicht mehr schlafen, man wacht auf, weil es in den Füßen heftig wehtut , und eine Besserung kann man nur erzielen, wenn man die Beine raushängen lässt, nach unten hängen lässt. Und das vierte Stadium, da sterben richtig Gewebeteile ab, es kommt zu Nekrosen beziehungsweise offenen Beingeschwüren."

Risikofaktoren vermeiden

Wenn dieses letzte Stadium erreicht ist, muss nicht selten amputiert werden. Amputationen bei PAVK nehmen ständig zu, stellt die Deutsche Gesellschaft für Angiologie und Gefäßmedizin fest. Neben der Früherkennung ist es daher wichtig, die Risikofaktoren für diese Erkrankung zu kennen und zu behandeln. Dazu zählen bestimmte Stoffwechselstörungen aber auch Lebensgewohnheiten: "Es gehört einmal dazu die Zuckerkrankheit, es gehört dazu der Bluthochdruck, es gehört die Fettstoffwechselstörung dazu, die Cholesterinerhöhung und leider sehr häufig natürlich auch das Rauchen. Und wenn man diese Erkrankung erkannt hat, dann ist das für den Einzelnen ein Warnzeichen, dann heißt das: „bei mir ist das Ganze schon soweit fortgeschritten, dass ich etwas tun muss, damit es nicht schlimmer wird“."

Ausgedrückte Zigarette

Risikofaktor Nikotin

Vor allem Nikotin und Bluthochdruck schädigen die Gefäße dauerhaft und beschleunigen PAVK. Diabetiker haben ein vierfach erhöhtes Risiko, an arterieller Gefäßverengung zu erkranken. So berichtet ein 57-jähriger Patient, der seit Jahren an schlecht durchbluteten Beinarterien leidet: "Nachts im Bett wacht man auf mit höllischen Schmerzen, man geht rum, versucht irgendwie was. Aber es nützt nix mehr, dann haut man sich Medikamente immer mehr rein, man geht zum Hausarzt, der verschreibt und verschreibt, aber ganz wegmachen kann man diese Schmerzen nicht. Ich hab immer Schmerzmittel genommen, ich musste sehr viele Schmerzmittel nehmen bis hin zum Morphin."

Schlaflos durch Schmerzen

Die starken Schmerzen können den nächtlichen Schlaf stark beeinträchtigen

Die starken Schmerzen können den nächtlichen Schlaf stark beeinträchtigen

Die starken Schmerzen entstehen, weil durch die verengten Arterien nicht mehr ausreichend But bis hin zu den Füßen transportiert werden kann. Es kommt zu einer Sauerstoffunterversorgung - dann ziehen die Gefäße sich zusammen, erklärt Dr. Kristin Kieselbach vom Schmerzzentrum der Uniklinik Freiburg. Patienten, die zu ihr kommen, sind Leid geplagt: "Die Schmerzen, die bei einer peripheren Durchblutungsstörung auftreten, das sind ganz schlimme Schmerzen. Sie müssen sich vorstellen, dass diese Patienten vor lauter Schmerzen ja auch nicht mehr schlafen können, das heißt die können nicht mehr liegen, die Beine nicht mehr hochlagern, und das senkt die Lebensqualität erheblich. Viele Patienten können am Sozialleben nicht mehr teilnehmen. Es tritt bei der kleinsten Belastung sofort dieser verheerende Schmerz auf, was macht der Mensch dann, er wartet zu Hause, dass die Zeit vergeht. Und das ist kein wirkliches Leben mehr."


Elektrische Impulse statt Morphium

Rückenmarkstimulator

Rückenmarkstimulator, der auch starke Magnetfelder (z.B. MRT) übersteht. Foto: (c) Medtronic

Schließlich bekommen die Patienten dann starke Morphium-Tabletten. Doch ist das eine Dauerlösung? Im Freiburger Schmerzzentrum wird solchen Patienten eine Sonde zwischen Wirbel und Wirbelkanal eingepflanzt, die elektrische Impulse an das Gehirn weiterleitet und dadurch Schmerzen überdeckt. Dr. Kristin Kieselbach:
Diese Sonde wird den Patienten eingepflanzt in lokaler Betäubung, weil wir den Patient während der Operation brauchen. Der Patient muss dann sagen, "ja es kribbelt jetzt z.B. im Bein, dort wo es mir sonst eigentlich weg tut, oder: nein, das kribbelt eigentlich im Oberschenkel, da will ich das gar nicht", da müssen wir die Sonde korrigieren. Und das wird dann gemacht, und zwar nicht unter Schmerzen, sondern wirklich gut erträglich, so lange, bis die Sonde richtig sitzt. Und danach testet man das ganze System.


Schmerzfrei mit Fernbedienung

Mit der Sonde spüren die Patienten statt der Schmerzen ein leichtes Kribbeln in den Beinen. Die so genannte epidurale Rückenmarkstimulation, - kurz SCS-Theraie genannt -, wird seit den 1970er Jahren in Deutschland gegen chronische Schmerzen eingesetzt. Sie basiert darauf, dass Nerven am Rückenmark, die Schmerz weiterleiten, über Stromimpulse gehemmt werden.
Der Patient oder die Patientin trägt die kleine Fernbedienung stets bei sich, mit der er oder sie die elektrischen Signale der Sonde verstärken oder abschwächen kann. Es fällt leicht, mit dieser Technik umzugehen. Da der Nervenstimulator unter die Haut implantiert ist, kann man weiterhin alles so machen wie bisher - auch ins Schwimmbad oder in die Sauna gehen.

Neue Hoffnung durch Rückenmarkstimulator

So funktioniert der Rückenmarkstimulator

So funktioniert der Rückenmarkstimulator. Foto: (c) Medtronic

Mittlerweile wird Patienten im Gefäßzentrum der Universitätsklinik Freiburg bei Bedarf ein Rückenmarkstimulator implantiert, mit dem sie auch ohne Gefahr in einem Magnetresonanztomographen, MRT, untersucht werden könen. Bislang war das nicht möglich, weil nicht auszuschließen war, dass das Implantat durch die großen Magnetfelder zu stark erhitzt würde und das Gewebe geschädigt werden könnte.

Trotz der Erfolgsnachweise wird die SCS-Therapie in Deutschland nur wenig genutzt - und wenn erst sehr spät, bedauert Schmerzspezialistin Kristin Kieselbach: "Es ist schade wenn jemand in einem sehr desolaten Zustand ankommt, die Füße sind schon dunkel verfärbt, die Schmerzen sind ganz furchtbar, die Depression hat schon um sich gegriffen. Also, wenn die Gehstrecke eingeschränkt ist z.B., und der Angiologe sagt, „bei Ihnen haben wir schon viele Gefäße aufgedehnt, bei Ihnen haben wir auch schon ein Gefäßtransplantat gemacht, aber das ist jetzt nicht mehr möglich, da sind die Methoden von unserer Seite ausgereizt“, das wären Patienten, die wir gerne hier sehen würden, um die dann umfassend schmerztherapeutisch zu behandeln."

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