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4. bis 9.9.1962 Charles de Gaulles Deutschland-Tournee

Charles de Gaulle ist auf Einladung von Kanzler Konrad Adenauer zu einem sechstägigen Besuch nach Deutschland gekommen. Auf dem Programm stehen mehrere Städte: Bonn, Düsseldorf, Duisburg, Hamburg, München, Stuttgart und Ludwigsburg. Die Reise ist die Antwort auf Adenauers Frankreichbesuch vom 2. bis zum 8. Juli desselben Jahres.

Mitten im Kalten Krieg: Die Berliner Mauer, die im Vorjahr errichtet wurde, hat die Teilung Deutschlands besiegelt. Den europäischen Binnenmarkt, Vorläufer der europäischen Union, gibt es seit 1957. Die Deutschen empfangen General de Gaulle mit Begeisterung. Er wird auf dieser Reise 14 Reden halten. Auf Französisch, aber auch - und vor allem - auf Deutsch. Er hält sie jedesmal frei, ohne Notizen. Sechs davon sind im Archivradio zu hören:

1. Tag: Ankunft am Köln-Bonner Flughafen

4. September 1962. Archiv des Saarländischen Rundfunks. Länge: 25 Minuten.

Feierlich empfängt Bundespräsident Heinrich Lübke den französischen Staatspräsident bei seiner Ankunft am Köln-Bonner Flughafen. Ein historischer Augenblick. Eine Batterie der Bundeswehr feuert 21 Salutschüsse ab. Das Deutschlandlied ertönt. Am Flughafen sind um die 1000 Menschen versammelt.
Der Reporter und sein Kommentator beobachten das Geschehen. Das Prestige de Gaulles beruhe auf seinen 1,94 m Körpergröße, merkt der Kommentator an. Er bemängelt, dass die deutsch-französischen Gegensätze in den letzten Tagen untertrieben worden seien. De Gaulle scheine sich mit der deutschen Teilung abgefunden zu haben. Nicht so die Deutschen, wie der Kommentator meint. Er erwartet, dass de Gaulle während seines Staatsbesuches keine sensationellen Ideen in seinen Reden präsentieren wird. Man werde nur in kleinen Details erfahren, was er vorhabe.

Die erste Rede hält Bundespräsident Heinrich Lübke. Er zeigt sich froh und glücklich, dass de Gaulle der Einladung gefolgt ist. Das sei ein willkommenes Zeichen für das wachsendes innere Verständnis und den wachsenden Willen zur Zusammenarbeit. Lübke schließt mit den Worten:
„Es lebe Frankreich, es lebe Deutschland und die Freundschaft beider Länder.“
Anschließend wird die Rede Lübkes ins Französische übersetzt.

Staatspräsident de Gaulle antwortet auf französisch. Er fühle sich geehrt über die Einladung. Frankreich sei Gast Deutschlands zu einer Stunde der Geschichte, in der die Vorhut der freien Welt bedroht ist. Die Botschaft des französischen Volkes lautet: Es lebe die BRD, es lebe die deutsch-französische Freundschaft.
Im Anschluss wird die Rede ins deutsche übersetzt.

Charles de Gaulle (l) und Konrad Adenauer stehen vor dem Bonner Rathaus in Bonn und werden von den Bürgern bejubelt

Charles de Gaulle (l) und Konrad Adenauer stehen vor dem Bonner Rathaus in Bonn und werden von den Bürgern bejubelt

2. Tag: Marktplatz vor dem Bonner Rathaus

5. September 1962. Archiv des Saarländischen Rundfunks. Länge: 24 Minuten.

Die erste deutsche Rede hält de Gaulle auf dem Balkon des Bonner Rathauses. Zehntausende sind auf dem Marktplatz versammelt. Dem Reporter ist bekannt, dass sich der französische Staatspräsident selten ans Protokoll hält. De Gaulle liebt die Nähe zum Volk, seinen Wagen verlässt er frühzeitig, um durch die Menschenmenge zu schreiten und Hände zu schütteln.
Zunächst begrüßt der Bonner Bürgermeister das französische Staatsoberhaupt.

Dann spricht Charles de Gaulle:
„Von ganzen Herzen danke ich ihnen, Herr Bürgermeister. Es ist mir eine große Freude und große Ehre in ihrem Lande empfangen zu werden. (...) Denn in der Welt von heute haben unsere beiden Völker ein umfassendes und bedeutsames Werk gemeinsam zu vollbringen. Nichts jedoch kann mich besser dazu ermutigen als der glänzende Empfang, den sie mir alle bereiten. Wenn (ich) sie alle so um mich herum versammelt sehe, wenn ich die Kundgebungen höre, empfinde ich noch stärker als zuvor die Würdigung und das Vertrauen, das ich für ihr großes Volk – jawohl, für das große deutsche Volk - hege. Sie können versichert sein, dass in Frankreich, wo man beobachtet und verfolgt, was jetzt in Bonn geschieht, eine Welle der Freundschaft in den Geistern und in den Herzen aufsteigt und um sich greift. Es lebe Bonn, es lebe Deutschland, es lebe die deutsch-französische Freundschaft.“

Der Kommentator dieses Tages äußert sich beeindruckt. Trotz des „martialischen Sicherheitsgehabes“ bot sich an diesem Tag ein „eindrucksvolles, politisches Spektakel“. Die Begeisterung der 60.000 Menschen auf dem Bonner Marktplatz habe keine Grenzen mehr gekannt. Auch Journalisten und Beobachter zeigten sich beeindruckt, darin liege das Nachhallende des Staatsbesuches.

3. Tag: Vor der Staatskanzlei, Düsseldorf

6. September 1962. Archiv des Saarländischen Rundfunks. Länge:26 Minuten.

Die Kulisse ist hier eine völlig andere als in Bonn. Der Reporter steht am Mannesmann-Ufer, neben dem Haus des Ministerpräsidenten. Hier sei kein öffentlicher Platz, hier münde eine breite Verkehrsstraße ein. Wohnhäuser ständen dicht an dicht, es gebe keinen Platz für eine Massenkundgebung. Trotzdem sei eine Masse von Menschen da. Es werde schwer gesiebt. An den Fenstern der Wohnungen dürften nur Familienmitglieder stehen.
De Gaulle verspätete sich, der Reporter muss Wartezeit mit Reden überbrücken. Er schildert den Ablauf des Treffens. Ministerpräsident Franz Meyers wird de Gaulle am Landungssteg begrüßten. Dann würden sie in einer Wagenkolonne zum Haus des Ministerpräsidenten fahren.
Über den Menschen kreisten Hubschrauber. Links und rechts des Eingangs zum Hause des Ministerpräsidenten hätten Fahnendeputation der Schützenverbände Aufstellung genommen. Die Abordnungen stünden da in ihren Uniformen und setzten sich der Nässe aus. Nur die wenigsten hätten einen Regenmantel.
Schließlich komme der erste Sicherungswagen und die berühmten „weißen Mäuse“. Das war die umgangssprachliche Bezeichnung der Ehren-Eskorte für Staatsgäste, die den Zug auf dem Motorrad und in weißer Uniform anführten. De Gaulle käme „barhäuptig und ohne Mantel“ und betritt mit Ministerpräsident Meyers das Haus.
Die Reden werden vom Balkon gehalten. Zunächst Ministerpräsient Meyers, dann de Gaulle.

„Ihnen allen dank für den herzlichen und ergreifenden Empfang. Düsseldorf, diese schöne, fleissige, brüderliche Stadt, beweist nun, dass die Freundschaft genau das ist, was ihre Vernunft und ihre Gefühle betrifft. Es lebe Düsseldorf, es lebe Deutschland, die Freundschaft.“

4. Tag: Hamburg

7. September 1962. Archiv des Saarländischen Rundfunks. Länge: 21 Minuten.

Am vierten Tag seines Staatsbesuches ist der französische Staatspräsident Gast der Hamburgischen Handelskammer und des Hamburger Überseeclubs. Im Auditorium Maximum der Universität Hamburg spricht de Gaulle vor 1500 Anwesenden der Hamburger Wirtschaft und Industrie.

Hans Rudolph Freiherr von Schröder, Präsident der Handelskammer Hamburg, begrüßt de Gaulle und bezeichnet ihn als „Förderer des neuen Europa“. Ein alter Gegensatz habe sich in echte Freundschaft entwickelt. Viele junge Menschen in diesem Saale, seien sich der historischen Bedeutung dieser Stunde bewusst. Sie bejahten das neue Europa. Ein gemeinsamer Markt könne seine Funktion nur erfüllen, wenn er sich nicht nach außen abschließe.

Staatspräsident de Gaulle antwortet auf französisch. Seine Rede wird im Anschluss ins deutsche übersetzt. Der Wesensgrund dieses Staatsbesuches, so de Gaulle, sei die Freundschaft. Das Werk der Aussöhnung entspreche dem tiefsten Wesenswunsch der Menschen. Europa jedoch sei größer als die deutsch-französische Zusammenarbeit. Die wirtschaftlichen Grundlagen dieser Zusammenarbeit seien nicht nur zum eigenen Vorteil, sondern auch für andere. Zwar sei Europa heute zweigeteilt, eines Tages werde es wieder werden, zum Wohle der Menschen. Es sei notwendig, dieses Westeuropa zu schaffen. Man müsse anfangen mit dem Anfang. In der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, und wenn dieser Anfang bestehe und lebe, dann werde er sich auch ausweiten.
„Danke. Für die Einheit Europas und die Freiheit in der Welt.“

5. Tag: Odeonsplatz, München

8. September 1962. Archiv des Saarländischen Rundfunks. Länge: 39 Minuten.

Auf dem Odeonsplatz in der Münchner Innenstadt haben sich über 50.000 Menschen versammelt. Die Trachtengruppen und Schützenkompanien sorgen für Stimmung. Staatspräsident de Gaulle war schon mit dem Auto vorbeigefahren, um sich in das goldene Buch der Stadt einzutragen. In wenigen Minuten erwartet man den Gast auf dem Odeonsplatz.

Das Kommen de Gaulles wird mit Rufen und Pfeifen angekündigt. De Gaulle betritt das Podium gemeinsam mit dem bayrischen Ministerpräsidenten Hans Erhard. Der dankt den Münchner für ihr Kommen und sagt: „Freundschaft ist nicht nur Angelegenheit der Politiker, sondern der Völker.“ Niemals dürfe es wieder dazu kommen, dass in Frankreich oder Deutschland Birkenkreuze errichtet würden. Bayern und Frankreich seien in der Geschichte oft eng verbunden gewesen. Heute gelte aber nicht mehr das Spiel der Diplomatie oder die Zweckmäßigkeit eines Bündnisses. Heute sei man der Überzeugung, das das Schicksal unteilbar ist. Entweder eine gemeinsame Zukunft oder keine. Das sei eine Überzeugung, die von beiden Völkern getragen wird.

„Wir wissen heute, dass wir nie wieder gegeneinander stehen werden, dass der mörderische Bruderzwist begraben ist, wir wissen heute dass die Kraft unserer Freundschaft stärker ist, als alle Feinde, die gegen uns stehen.“

Die Antwort de Gaulles fällt in Münchner eher knapp aus und endet mit den Worten: „Es lebe München. Es lebe Bayern, es lebe Deutschland.“

Der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer, Yvonne de Gaulle, Wilhelmine Lübke, Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundespräsident Heinrich Lübke am Rednerpult

Der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer, Yvonne de Gaulle, Wilhelmine Lübke, Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundespräsident Heinrich Lübke am Rednerpult

6. Tag: Im Schloßhof, Ludwigsburg

9. September 1962. Archiv des Süddeutschen Rundfunks. Länge: 49 Minuten.

In Ludwigsburg spricht de Gaulle zur deutschen Jugend. Die Ansprache findet im Hof der Residenz, des Barockschlosses aus dem 18. Jahrhundert, statt - vor über 5.000 Menschen.

Bundespräsident Lübke spricht zuerst:
"Die ungewöhnlich herzliche, ja stürmische Anteilnahme, mit der unser Volk im Westen, im Norden und im Süden unseres Landes die Reisen und alle Ansprachen begleitete, machte die Fahrt des Generals de Gaulle zu einem Triumphzug. Wir wissen, dass unsere Arbeiten um die deutsch-französische Freundschaft und die europäische Einigung verstanden und mitgetragen werden von den 17 Millionen unserer Landsleute in der sowjetisch-besetzten Zone und in Ost-Berlin."

Die Erwähnung der Deutschen jenseits des Eisernen Vorhangs löst riesigen Beifall aus. Die Rede de Gaulles im Anschluss, geht in die Geschichte ein:

"Und Sie alle beglückwünsche ich, ich beglückwünsche (Sie), zunächst jung zu sein! Man braucht ja nur die Flamme in Ihren Augen zu beobachten, die Kraft Ihrer Kundgebungen zu hören und bei einem jeden von Ihnen die Leidenschaftlichkeit und in Ihrer Gruppe den gesamten Umsprung mitzuerleben, um überzeugt zu sein, dass diese Begeisterung Sie zu den Meistern des Lebens und der Zukunft auserkoren hat. (...) Ich beglückwünsche Sie ferner, junge Deutsche zu sein, das heißt (...) Kinder eines großen Volkes - jawohl, eines großen Volkes - das manchmal im Laufe seiner Geschichte große Fehler begangen hat, ein Volk, das aber auch der Welt geistige, wissenschaftliche, künstlerische, philosophische Wellen gespendet hat!“

Die Abschlussrede hält der baden-württembergische Ministerpräsident Kurt Georg-Kiesinger. Er betont die Bedeutung der Jugend für die Zukunft und spricht de Gaulle seine Würdigung aus. Em Ende ertönen die französische und die deutsche Nationalhymne.

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