September 1953

Der Otto Fleischer-Prozess

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Ein Schauprozess in der DDR. Angeklagt: Otto Fleischer, Professor für Bergbau in Sachsen und sieben weitere Bergbauingenieure. Die Stasi nahm den Prozess auf.

Der Vorwurf: Fleischer habe im Auftrag des Westens die ostdeutsche Kohleindustrie - und damit die DDR insgesamt - sabotiert und geheime Informationen an West-Agenten geliefert und damit den Nährboden für einen "dritten Weltkrieg" geliefert.

Die Aufnahmen im Kontext

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Alle Aufnahmen aus dem Prozess

Hintergrund:

Laut dem Gericht hatte Otto Fleischer in Oberschlesien selbst eine Kohlegrube besessen. Er machte in der jungen DDR eine steile Karriere. Er koordinierte den Grubenausbau in Sachsen und bekam seinen eigenen Lehrstuhl an der Bergakademie Freiberg.
Die Aufnahmen des Otto-Fleischer-Prozesses lagern heute in der Stasiunterlagenbehörde BStU. Unser Mitarbeiter Maximilian Schönherr ließ sie für das SWR2 Archivradio digitalisieren und rettete sie so vor dem Säurefraß.

Große Maschinen und Geld im Westen

Wie viele andere Bergingenieure der Nachkriegszeit, zog es Fleischer in den Westen, wo die großen Maschinen waren und man Geld verdienen konnte. Weil er aber trotz mehrere Vorstöße bei Nordrhein-Westfälischen Energiefunktionären keine Perspektive eröffnet bekam, ließ er sich - so Fleischers möglicherweise unter Druck gemachte Aussage - auf deren Version ein, die DDR so weit zu schwächen, bis die Amerikaner dort einmarschieren und den Kapitalismus einführen könnten.

Geheime Exportverbotsliste soll DDR ausbluten

Fleischer traf sich mit Kollegen (den sieben Mitangeklagten), um in dieser Vision zu schwelgen. Er lieferte vertrauliche Informationen an einen ehemaligen, nun im Westen lebenden Studienkollegen, Clemens Laby. Laby war inzwischen Spion für vermutlich den Vorgänger des Bundesnachrichtendiensts, die Organisation Gehlen, und interessierte sich besonders für Informationen, welche Geräte und Materialien der DDR-Bergbau besonders benötige und nicht aus der Sowjetunion geliefert bekam. Genau diese Objekte kamen auf eine Exportverbotsliste. Ziel war es, die DDR auf diese Weise auszubluten.

Ob Otto Fleischer die Kohleindustrie in und um Zwickau nachhaltig schädigte und als Hochschulprofessor seine Studenten zu anti-sozialistischem Denken animierte, ist nachträglich nicht zu klären. Das Gericht unter dem für seine harten, stets politisch motivierten Urteile bekannten Richter Walter Ziegler war sich dagegen schon vor Prozessbeginn darüber im Klaren, dass man nach dem Arbeiteraufstand am 17. Juni desselben Jahres ein Exempel statuieren musste.

Forschung in der Haft

Man ließ Fleischer in der später von 15 auf 8 Jahre reduzierten Haft großen Spielraum, zu forschen – an Raketenantrieben. Er starb kurz vor der Wende 1989 und wurde bald gerichtlich rehabilitiert.

Auffinden und Digitalisierung des Archivmaterials

In den Archivräumen der Stasi im Ministerium für Staatssicherheit in Berlin fanden die BStU-Mitarbeiterinnen Katri Jurichs und Elke Steinbach 23 Analogbänder auf Wickelkernen, Vollspur, 19 cm/s, Azetatbeschichtung. Die Gesamtlaufzeit dieser Aufnahmen beträgt 30 Stunden. Eine erste Erschließung erfolgte 1998. Die Digitalisierung geschah auf Anregung des Archivradios im Jahr 2012.

Der Prozessverlauf

Der Prozess dauerte eine Woche. Nach heutigen Erkenntnissen stand das Urteil schon vorher fest. Staatsanwalt und Richter spielten sich bei der Vernehmung gegenseitig die Bälle zu. Die 15jährige Haftstrafe war noch ein vergleichsweise mildes Urteil: Ein anderer Spionageprozess zwei Jahre später - gegen Elli Barczatis und Karl Laurenz - endete mit zwei Todesurteilen. Ein weiterer Unterschied: Der Prozess gegen Otto Fleischer war öffentlich. Er hatte somit den Charakter eines Schauprozesses. Der Prozess gegen Barczatis und Laurenz fand geheim statt - wurde aber ebenfalls mitgeschnitten.

Die Aufnahmen im einzelnen:

8.2.1950 DDR gründet „Stasi“

8.2.1950 | 5 Jahre nach dem Krieg schafft die DDR ein „Ministerium für Staatssicherheit“. Das beschließt die provisorische Volkskammer am 8. Februar 1950. DDR-Innenminister Karl Steinhoff begründet die Gründung der – wie sie bald heißen wird – Stasi mit vorausgegangenen Sabotageakten gegen volkseigene Betriebe.  mehr...

21.9.1953 Der Prozess gegen Otto Fleischer beginnt

Prozessbeginn am 21. September 1953. Oberrichter Walter Ziegler stellt das Gericht vor und ruft die Angeklagten und Zeugen auf. Dann verliest der Generalstaatsanwalt der DDR Ernst Melsheimer die Anklage.  mehr...

21.9.1953 Beginn der Vernehmung des Hauptangeklagten

Einblick in den problematischen Wiederaufbau des Bergbaus nach dem Zweiten Weltkrieg und auf zentrale Figuren in dieser Industrie in Ost- und Westdeutschland.  mehr...

21.9.1953 Generalstaatsanwalt vernimmt Otto Fleischer

Otto Fleischer gibt seine kritische Einstellung zur DDR zu und erläutert Maßnahmen, den Bergbau vermeintlich zu schädigen.  mehr...

21.9.1953 Zermürbung des Angeklagten

Fleischer gibt unter Druck zu, Spionage begangen zu haben. Er wird dazu aufgefordert, über die gute Behandlung während der Untersuchungshaft auszusagen.  mehr...

September 1953 Vernehmung des Zeugen Martin Biok

Biok war Bergingenieur und Assistent von Otto Fleischer. Biok lässt sich vom Gericht nicht bedrängen, sondern berichtet sachlich. In keiner Aussage steckt eine Belastung der Angeklagten.  mehr...

September 1953 Plädoyer des Verteidigers der Angeklagten Herbert Kribus und Conrad Kuchheida

Wie in DDR-Prozessen der 1950er-Jahre üblich, verteidigt der Verteidiger nicht seine Mandanten, sondern folgt der Anklage.  mehr...

25.9.1953 Die Angeklagten dürfen sich äußern

Die Angeklagten sind in dieser letzten Verhandlungsphase, da die Urteile längst festzustehen scheinen, zermürbt und demoralisiert.  mehr...

26.9.1953 Verkündung und Begründung des Urteils

Das Strafmaß reicht von 4,5 bis 15 Jahren Zuchthaus. Fleischer sollte in der Haft forschen und bekam dafür Mittel und Personal zugeteilt.  mehr...

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