11.5.1932

Diskussion über die Reparationszahlungen

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Die 63. Sitzung behandelt den Entwurf eines Gesetzes zur Tilgung der Schulden des Reichs, also der Reparationszahlungen.

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Brüning drängt auf rasche Verabschiedung des Gesetzes

Die Aufnahme beginnt mit einer einstündigen Erklärung des Reichskanzlers Brüning (Zentrum), die von vielen im Parlament als Handreichung an die rechten Parteien verstanden wird. Er sagt, das Gold habe sich wegen des verlorenen Kriegs auf die beiden Siegerländer USA und Frankreich verteilt. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen lehnt Brüning ab, weil sie den Arbeitsmarkt verzerrten und die Währung destabilisierten. Das Verbot der SA sei nötig gewesen, weil an Stelle der staatlichen Autorität keine private treten dürfe. Er drängt darauf, den Gesetzesentwurf rasch zu verabschieden und von Polemik abzusehen. Die Rede endet mit der optimistischen Aussicht, man sei 100 Meter vom Ziel entfernt.

Weil Brüning während seinen Ausführungen offenbar ohne große Störungen der NSDAP vor allem zu diesem Flügel gesprochen und den Linken den Rücken zugekehrt hatte, meldet sich August Siemsen (SAPD) zu Wort und sieht schon eine Koalition von Zentrum und Nationalsozialisten kommen. Dieser Abschnitt reißt ab.

Nicht auf dem Mitschnitt zu hören ist, wie Siemsen darauf hinweist, dass der Herausgeber der Weltbühne, Carl von Ossietzky, gestern seine 1½-jährige Haft antrat. Dem läge ein "ausgesprochenes Racheurteil" zugrunde, weil der Journalist es gewagt hatte, die Klassenjustiz in Deutschland aufs Korn zu nehmen. Siemsen erwähnt auch das Verbot der "proletarischen Friedensorganisation" und sieht darin einen Trend, den auch die letzten Wahlen zeigten: Verluste bei den Linken, Gewinne bei den Rechten.

Der Originalton geht mit einer ausführlichen Rede des Deutschnationalen Fritz Kleiner weiter, der Brüning Schwäche vorwirft. Das Kabinett und Hindenburg stützten sich auf eine politische Mitte, die es nicht mehr gibt. Er lobt das Zentrum, dass es endlich auch einsehe, Versailles sei nichts als "Deutschlands Entrechtung". Solange der Vertrag von Versailles Gültigkeit habe, käme für seine Partei keine Außenpolitik mit Frankreich und Polen infrage.

Auch Rudolf Hilferding (SPD) möchte einen Schlussstrich unter die Reparationszahlungen setzen. Er stellt das Wort "Sozialismus" bei den Nationalsozialisten auseinander und lehnt deren Vorhaben, die "Großbetriebe der Eisenindustrie" zu vergesellschaften, ab.

Hintergrund dieser Äußerung war Hitlers Rede am 27. Januar 1932 vor dem Düsseldorfer Industrieclub. Hilferding weist darauf hin, dass Fritz Thyssen bei der Gelegenheit "Heil Hitler!" gerufen habe.

Der letzte Redner in dem Mitschnitt ist der Kommunist Theodor Neubauer. Er spricht die angebliche Bedrohung "des Ostens" durch Polen an. Diese werde ein friedliches Ende finden, wenn "das Reich der Sowjets bis zum Rhein reicht". Auch er hält Brünings Rede für die Anbahnung einer Koalition mit der NSDAP.

Die Redner:

Heinrich Brüning (Reichskanzler)
August Siemsen (SAPD)
Fritz Kleiner (DNVP)
Rudolf Hilferding (SPD)
Theodor Neubauer (KPD)

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