8.10.1964

Die Rolle der Ärzte in den Gaskammern

STAND
AUTOR/IN
SWR2 Archivradio

Erster Frankfurter Auschwitzprozess

Audio herunterladen (16,2 MB | MP3)

Ehemaliger Häftling berichtet: Ärzte waren bei den Vergasungen dabei

In diesem Ausschnitt vom 8. Oktober 1964 erzählt der ehemalige Auschwitz-Häftling Filip Müller von seinen Beobachtungen. Er schildert, wie Ärzte im Umfeld der Gaskammern und Verbrennungsöfen agierten.

Der Richter fragt: „Waren Ärzte bei der Vergasung dabei?“ – „Ja.“ – „Trugen sie Gasmasken?“ Der Slowake Müller, übersetzt von seinem Dolmetscher, berichtet, dass sich die Ärzte die Masken allenfalls manchmal beim Öffnen der Gaskammer aufsetzten, um hineinzusehen und zu prüfen, ob alle tot waren. Der Richter will wissen, ob Zahnärzte den Toten die Zähne herauszogen. Müller verneint: Diese Arbeit hätten Häftlinge, nicht Zahnärzte erledigt.

Er befand sich in Block 13, als zwei neue Häftlinge ankamen, der eine davon ein Zahntechniker aus der Slowakei.  Die beiden rückten am nächsten Tag ins Krematorium I und II aus, Müller folgte ihnen einige Stunden später und beobachtete, wie sie in einen leeren Raum ein Bett und einen Schrank trugen. Er erläutert den Zusammenhang nicht; möglicherweise war der Raum dafür vorgesehen, das Zahngold herauszulösen. Denn Filip Müller erzählt weiter, einige Tage später sei ein Auto vom Roten Kreuz in einen Teil des Krematoriums II hineingefahren, ein SS-Offizier stieg aus. Er forderte ihn auf, einiges aus dem Auto auszuladen: einige Schamottringe, Behälter mit Alkohol/Benzin, weißes Pulver. In einer Flasche war eine Säure. Außerdem gab es einen Koffer mit Pinzetten und anderen Instrumenten. Anschließend musste er den Raum verlassen.

Otto Molls Verbrechen an Kindern

Der Richter fragt, ob Müller beobachtet hätte, dass häufig Kinder nach dem Vergasen bewusstlos aus den Kammern gezogen wurden und das Herz noch schlug. Müller bestätigt das: Das wurde gemeldet, die Kinder wurden anschließend erschossen. „Gab es andere Arten, Kinder zu töten?“ fragt der Richter. „Soll ich das wirklich schildern?“ Und Müller berichtet von 1944: Der Leiter der Verbrennungsanlage Otto Moll sei ein Mensch, der häufig Kinder von Müttern wegnahm. Vor Krematorium IV habe es zwei große Gruben mit dem kochenden Fett der Verbrannten gegeben, in die er die Kinder dann lebend hineinwarf. Anschließend ging Moll zu seinem Kalfaktor (Diener) und sagte: „Es ist möglich, mich satt zu essen; meine Pflicht habe ich erfüllt.“

Zeuge Filip Müller schildert weitere Grausamkeiten

Ebenfalls 1944 traf Filip Müller auf zwei neu angekommene ungarische Häftlinge, von Beruf Patholgen, einer davon Dr. Miklos Nyiszli. Die beiden hatten schon mehrere medizinische Experimente unternommen, offenbar von Josef Mengele, dem Lagerarzt, angeleitet. Am Krematorium IV beobachtete Müller, wie die beiden Pathologen zusammen mit einem weiteren Häftling  einen buckligen Mann in ein Fass drückten und mit Säuren und Salzen übergossen, „um sein Skelett zu gewinnen“. Außerdem habe er beobachtet, wie zwei SS-Leute auf dem Motorrad mit Beiwagen von Erschossenen Schenkelfleisch herausschnitten, in Eimern taten und damit wegfuhren.

Quelle: Fritz-Bauer-Institut

Hintergrund

Archivradio-Gespräch Die Tonbandmitschnitte des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses 1963 bis 1965

Die „Auschwitz-Tonbänder“ sind die übrig gebliebenen Tonbandmitschnitte vom ersten Auschwitz-Strafprozess 1963 bis 1965 in Frankfurt am Main. Das Gericht ließ primär die Zeugenaussagen mitschneiden, um später Unentschiedenheiten beim Erstellen des Gerichtsprotokolls auszuräumen. Denn die Zeugen waren Überlebende des Vernichtungsterrors und sprachen leise, manche in gebrochenem Deutsch. Warum ausgerechnet diese zwei Regalmeter an Bändern von einem fast 200 Tage dauernden Marathonprozess übrig blieben, kann auch der Experte für dieses Tonmaterial im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Johann Zilien, nicht erklären. Maximilian Schönherr im Gespräch mit Johann Zilien am 20. März 2014.

Originalaufnahmen

28.8.1964 Auschwitzprozess: Ärzte im "Zigeunerlager" – Der Name "Mengele" taucht auf

28.8.1964 | Der erste Auschwitzprozess fand zwischen 1963 und 1965 in Frankfurt am Main statt. Zu den zentralen Themen des ersten Auschwitzprozesses gehörte die Frage, welche Ärzte die „Selektion“ betrieben haben. Damit ist die Aussonderung von kranken und alten Gefangenen gemeint, die unmittelbar der Tötung zugeführt werden sollten. Bei den Selektionen waren meist Ärzte dabei; ihnen oblag die Entscheidung über Leben oder Tod.
Die Vernehmung des Zeugen und späteren Nebenklägers Aron Bejlin durch Richter Hans Hofmeyer am 28. August 1964 dreht sich um diese Frage. Bejlin war selbst Arzt und lebte in seiner Häftlingsbaracke mit anderen Ärzten zusammen. In unmittelbarer Nachbarschaft befand sich das „Zigeunerlager“, wo laufend Selektionen stattfanden. Innerhalb kurzer Zeit, so der Zeuge, waren alle Zigeuner vernichtet. Im Lagerjargon gab es den „Goebbels-Kalender“ – ein makabrer Begriff für jüdische Feiertage, an denen die SS besonders viele Vergasungen unternahm.
Aron Bejlin wurde, wie viele Ärzte unter den Häftlingen, zu pflegerischen Aufgaben abgestellt und berichtet von 40 griechischen Jungs, die er mit seinen primitiven Verbandsmaterialien nicht versorgen konnte. Den Kindern hatte der Lagerarzt Horst Schumann mit Röntgenstrahlen die Hoden verbrannt.
Bejlin erwähnt mehrmals in der Vernehmung den Lagerarzt Josef Mengele. Er ist heute für seine medizinische Experimente an Gefangenen berüchtigt und rückte erst durch diesen Prozess ins Bewusstsein der Strafverfolgung. Mengele starb unbehelligt 1979 in Südamerika.

17.9.1964 Der erste Frankfurter Auschwitz-Prozess: Vernehmung

17.9.1964 | Am 20. Dezember 1963 begann im Frankfurter Römer der größte Strafprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte. Angeklagt waren 23 Mitglieder der Lagermannschaft im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz. Initiator dieses ersten Auschwitz-Prozesses war der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Ausgangspunkt waren aufgetauchte Erschießungslisten, die Bauer zugespielt worden waren. Der Mitschnitt dokumentiert die Vernehmung von Mitgliedern der Fahrbereitschaft am 17. September 1964.

Trotz Auschwitz Jüdisches Leben in Deutschland nach 1945

Die Befreiung von Auschwitz bedeutete Neubeginn und Wiederaufbau einer lebendigen jüdischen Gemeinschaft.

STAND
AUTOR/IN
SWR2 Archivradio