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"Die Havarie im Kernkraftwerk Tschernobyl, die Reaktion darauf, wurden zu einer Art Prüfstein für die politische Moral"

Am 14. Mai 1986 erfolgte die erste öffentliche Stellungnahme der Sowjetunion zum Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl. Michail Gorbatschow reagierte darin auf die Kritik der westlichen Länder an der Sowjetunion und rief zur internationalen Zusammenarbeit in Kernenergiefragen auf.

Michail Gorbatschow (im April 1986) (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Michail Gorbatschow (im April 1986) picture-alliance / dpa -

Zwei Wochen nach der Havarie schilderte Michael Gorbatschow die sowjetische Sicht der Katastrophe im Kernkraftwerk Tschernobyl. In einer knapp halbstündigen Fernsehansprache wies er auf den "außerordentlichen und gefährlichen Charakter der Geschehnisse" vor Ort hin. Er erläuterte, wie es zu dem Unfall kommen konnte und versicherte, dass alle Anstrengungen unternommen worden sind, um die Menschen zu informieren, die Havarie zu beseitigen und die schweren Folgen zu begrenzen.

Erste Bilanz der Katastrophe

Trotz der eingeleiteten Maßnahmen seien bei der Havarie zwei Menschen ums Leben gekommen. 299 lägen mit Strahlenerkrankungen unterschiedlichen Grades in Krankenhäusern, davon seien bereits sieben Menschen in Folge der Verstrahlung gestorben. Gorbatschow sprach allen Betroffen sein Mitgefühl aus und versicherte, dass die sowjetische Regierung für die Familien der Todesopfer und Geschädigten sorgen werde.

Er könne "Mit Fug und Recht [...] sagen, bei aller Schwere des Geschehenen konnte der Schaden in entscheidendem Maße, dank des Mutes und des Könnens der Menschen, dank ihrer Pflichttreue, Dank der Dynamik der Handlungen aller, die sich an der Beseitigung der Folgen der Havarie beteiligten, in Grenzen gehalten werden."

Kritik an der "Hetze" des Westens

Gorbatschow würdigte die Anteilnahme des Auslands, in aller erster Linie von Seiten der sozialistischen Länder. An den "Regierungen, Politiker und Massenmedien einiger Nato-Länder, besonders der USA" übte er heftige Kritik. Sie hätten eine "zügellose antisowjetischen Hetze entfacht. Was sie in diesen Tagen nicht alles redeten und schrieben, von tausenden Opfern, Massengräbern, vom ausgestorbenen Kiew, davon dass der ganze Boden der Ukraine vergiftet ist. Alles in allem haben wir es für wahr mit einem aufgetürmten Berg gewissenloser und böswilliger Lügen zu tun."

In Bezug auf die vom Westen kritisierte Informationspolitik der Sowjetunion verwies Gorbatschow an die Adresse der USA:

"Alle erinnern sich noch daran, dass die amerikanischen Behörden zehn Tage brauchten, um den eigenen Kongress zu informieren und Monate um die Weltöffentlichkeit davon in Kenntnis zu setzen, welche Tragödie sich 1979 im Kernkraftwerk Three Miles Island ereignet hatte."

Ost-West-Dialog in Gefahr

Durch dieses Vorgehen behinderten die USA und ihre engsten Verbündeten den Dialog zwischen Ost und West und hätten eine Möglichkeit gefunden, das nukleare Wettrüsten zu rechtfertigen. Im Gegensatz dazu verstehe die Sowjetunion den Unfall im Kernkraftwerk als "weiteres Alarmsignal dafür, dass die nukleare Epoche ein neues politisches Denken erfordere." Der außenpolitische Kurs der Sowjetunion, der auf dem 27. Parteitag der KPdSU ausgearbeitet worden war, sei der richtige: Die vollständige Beseitigung der Kernwaffen und die Schaffung eines allumfassenden Systems der internationalen Sicherheit.

Gorbatschow führte weiter aus:

"Heute sind in verschiedenen Ländern der Welt mehr als 370 Kernreaktoren in Betrieb. Das ist die Realität. Man kann sich die Zukunft der Weltwirtschaft ohne die Entwicklung der Kernenergie schwer vorstellen. In unserem Land sind heute 40 Reaktoren mit einer Gesamtkapazität von mehr als 28 Millionen Kilowatt in Betrieb. Bekanntlich bringt das friedliche Atom den Menschheit nicht wenig Nutzen. Es versteht sich aber, dass wir alle verpflichtet sind, mit noch größerer Umsicht vorzugehen und die Anstrengung von Wissenschaft und Technik auf die Gewährleistung einer sicheren Meisterung der gewaltigen und ungeheuren Kräfte zu konzentrieren, die im Atomkern stecken."

Das Atomzeitalter fordere mit Macht ein neues Herangehen an die internationalen Beziehungen. Es gehe um die Beendigung des "todbringende Wettrüsten" und eine radikale Verbesserung des internationalen Klimas.

Reaktionen auf die Rede

Die verspätete Rede fand im Westen unterschiedliche Aufnahme. Das Echo aus Washington war vergleichsweise milde. Führende amerikanische Zeitungen gestanden dem Parteichef sogar zu, daß seine Kritik an den maßlosen Übertreibungen verschiedener westlicher Medien ihre Berechtigung habe.

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