26.2.1932

Aufregung um Rundfunk-Übertragung der Brüning-Rede

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SWR2 Archivradio

Der Reichstag vor Hitler

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Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) ist empört, dass die Rede von Reichskanzler Heinrich Brüning am Vortag „offenbar“ auf Schallplatten aufgenommen und noch während der Reichstagssitzung im Rundfunk ausgestrahlt wurde – ohne Zustimmung des Ältestenrats! Doch Parlamentspräsident Löbe steht zu seiner Entscheidung.

Löbe verteidigt Mitschnitte und Ausstrahlung der Debatten im Rundfunk

Gottheimer klagt, dass dies ein Verstoß gegen eine Vereinbarung des Ältestenrats gewesen sei, keine Reichstagsdebatten zu übertragen.Paul Löbe, Parlamentspräsident, nimmt die Schuld auf sich:

"Seit geraumer Zeit werden alle Verhandlungen des Reichstags im Rundfunk aufgenommen, nicht zur augenblicklichen Übertragungen in die Öffentlichkeit, sondern zunächst für eine Bibliothek." Er habe auf Wunsch mehrerer Abgeordneter und Vertreter des Rundfunks der Ausstrahlung der Rede stattgegeben.

Misstrauensantrag gegen die Regierung wird abgelehnt

Auf der Agenda des 26. Februar 1932 stehen Misstrauensanträge gegen Regierung und Regierungsvertreter. Auch die Wiederwahl des Reichspräsidenten ist Thema. Es geht um die Sanierung der Banken und die Probleme, Arbeitslose zu versorgen.

Wilhelm Koenen (KPD) befürwortet den Misstrauensantrag gegen Löbe, worauf Tumulte entstehen und die Kommunisten die Internationale singen. Es kommt zur Abstimmung. Der Antrag wird mit nicht überwältigender Mehrheit abgelehnt. Es folgen unmittelbar die Anträge von rechts und links, den Reichstag aufzulösen. Die anschließende Abstimmung ergibt: Der Antrag wird abgelehnt, der Reichstag bleibt.

NSDAP-Abgeordnete verlassen mal wieder den Saal

Der Finanzminister Dietrich, meist eher ruhig, gerät in Rage, als man ihm vorwirft, fahrlässig mit den Staatsschulden umzugehen. Die vorangegangenen Abstimmungen und die spätere Rede des Nationalsozialisten Gregor Strasser, an diesem parlamentarischen "Affentheater" nicht teilzunehmen, führen zu tumultartigen Szenen. Unter höhnischen Sprechchören der Kommunisten verlassen die NSDAP-Abgeordneten, wie schon oft, den Saal. Johann Leicht von der Bayerischen Volkspartei konstatiert, hier seien jetzt "keine Affen" mehr im Saal. Ernst Torgler (KPD) spricht dann über Hitler, der wenige Tage zuvor vor Thyssen-Industriellen eine Rede gehalten hatte. Wilhelm Solmann (SPD) bezeichnet in Anspielung auf die Goebbels-Rede, in der jener die SPD die Partei der Deserteure des Ersten Weltkriegs genannt hatte, die Nationalsozialisten als die "Partei der Deserteure", weil sie das Parlament verlassen haben.

Die Redner:

Paul Löbe (Reichstagspräsident)
Georg Gottheiner (DNVP)
Alfred Rosenberg (NSDAP)
Wilhelm Marx (Zentrum)
Thomas Esser (Vizepräsident des Reichstags)
Wilhelm Koenen (KPD)
Ernst Torgler (KPD)
Wilhelm Frick (NSDAP)
Gregor Strasser (NSDAP)
Johann Leicht (BVP)
Wilhelm Sollmann (SPD)
Adam Stegerwald (Reichsarbeitsminister)
Anton Jadasch (KPD)
Hermann Dietrich (Reichsfinanzminister)

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