SWR2 Archivradio: Katastrophe von Tschernobyl Berichterstattung in der DDR

Die DDR-Medien fühlten sich dem großen Bruder verpflichtet und hielten sich an die offiziellen Mitteilungen der sowjetischen Regierung. Die Berichterstattung der westlichen Medien sei aufbauschend und irreführend.

Reaktor Stendal II im Kernkraftwerk Stendal, hier Blick auf die Kühltürme (1990) (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Reaktor Stendal II im Kernkraftwerk Stendal, hier Blick auf die Kühltürme (1990) picture-alliance / dpa -

Wie in der Bundesrepublik vermeldete auch die DDR am Abend des 29.Aprils das Unglück von Tschernobyl. Der Sprecher des staatlichen Amtes für Atomsicherheit und Strahlenschutz in der DDR Dr. Wolfgang Rüder erklärte beruhigend:

"Im Gebiet der DDR erfolgt kontinuierlich eine ständige Überwachung der Radioaktivität in der Umwelt. Der Präsident des staatlichen Amtes für Atomsicherheit und Strahlenschutz, Prof. Dr. Sitzlack, hat bereits in einer Pressemitteilung betont, dass diese Messungen mit äußerster Gründlichkeit erfolgen. Die Ergebnisse zeigen: Dass im Zusammenhang mit der Havarie im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl keine Gesundheitsgefährdung für Bürger der DDR besteht. Es muss weiter darauf verwiesen werden, dass in der DDR ein ganz anderer Reaktortyp zum Einsatz kommt als in Tschernobyl. Ich kann versichern, dass die Einhaltung der für die Kernkraftwerke in der DDR geltenden strengen Sicherheitsvorschriften durch das staatlichen Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz ständig kontrolliert und strikt durchgesetzt wird. "

Die beiden DDR-Wissenschaftler Prof Dr. Günther Flach (Direktor des Zentralinstituts für Kernforschung) und Prof. Dr. Karl Lagius (Direktor des Instituts für Hochenergiephysik an der Akademie der Wissenschaften in der DDR) sprechen im Interview über den Zustand der sowjetischen Atomkraftwerke. Sie gehen in ihrer Beurteilung der Katastrophe von der offiziellen Mitteilung der sowjetischen Regierung aus. Komplexe Systeme unterlägen immer einem Risikio, der Reaktortyp sei "im Prinzip" sicher.

Beide Wissenschaftler äußerten absolutes Unverständnis an der westlichen Kritik an der Sowjetunion und betrachteten die Forderungen nach mehr Information und Aufklärung als "üble Hetzkampagne".

Drei Tage nach dem Unglück warf Klaus Dieter Kröber einen Blick in die westliche Presselandschaft. Die Berichterstattung sei unglaubwürdig, übertrieben und verleumderisch. Besonders die bundesdeutsche Zeitung "Bild" bekam ihr Fett weg:

"Hier sehen Sie, gewissermaßen wie in einem Prisma, zugegeben in einem ziemlich üblen Blatt aber mit gewisser Auflage, hinter dem Vorwand von Sorge um Menschen und ihre Gesundheit, die billige Absicht von Brunnenvergiftern, die man leider nicht nur in der bundesdeutschen Massengazette BILD findet."

Die DDR nutzte jede Gelegenheit für einen Propagandaschlag gegen die BRD: Nach dem Reaktorunglück sagte das baden-württembergische Kultusministerium einen Jugendaustausch mit der DDR ab. Das, so der DDR-Rundfunk, bekräftige den Eindruck, dass führende Kreise der BRD nicht an einer Verbesserung des Ost-West-Verhältnisses interessiert seien.

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