STAND
AUTOR/IN

In den 1950er Jahren gab es Pläne für eine europäische Verteidigungsgemeinschaft - eine Idee, die jetzt von Merkel und Macron wiederbelebt wird. Damals jedoch scheiterte das Projekt an Frankreich. Das führte zu ziemlichen Verstimmungen und war ein Dämpfer für die deutsch-französische Annäherung. Der Europapolitiker Robert Schuman versucht mit seiner Rede im Ludwigsburger Schloss die Wogen zu glätten. Ein leidenschaftliches Plädoyer für Europa.

Audio herunterladen (46,5 MB | MP3)

Robert Schuman stellt unmissverständlich fest: Die Aufgabe von Deutschland und Frankreich bestehe nicht nur in der Aussöhnung, sondern in der Zusammenarbeit auf politischem, wirtschaftlichen und kulturellem Gebiet.

Das, so der Politiker, sei entscheidend für die wirtschaftliche und soziale Gesundung Europas. Erreicht werden könne dieses Ziel nur über eine die jetzigen Grenzen der beiden Staaten hinausgehende europäische Organisation. Und: Im Vordergrund stehe die Wiedervereinigung Deutschlands. Nicht das ob, sondern das wie und das wann sei diskutabel.

Das Verhältnis zu Russland

Mit Russland geht der Europapolitiker hart ins Gericht. Die Spaltung Europas sei nicht durch den Westen verschuldet. Die Ansprüche Russlands seien maßlos. Trotz der vielen Notenwechsel sei die Annäherung an Russland fruchtlos geblieben. Er, Schuman, höre zwar die Botschaft, es fehle ihm jedoch der Glauben. Für eine Aussprache und Verständigung stehe er jederzeit bereit. Dies aber nicht unter der Rückstellung und Preisgabe der europäischen Verständigung.
Russland wolle kein starkes, unabhängiges Europa, sondern ein zerstückeltes, schwaches Europa. Die Europapolitik der Westmächte bedeute genau das Gegenteil: Die Schaffung einer überstaatlichen Instanz, Freihandel und Freizügigkeit.

Bundeskanzler Konrad Adenauer (l) und Robert Schuman (r) am 10.12.1951 in Straßburg auf der Tagung des Europa-Rates (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Bundeskanzler Konrad Adenauer (l) und Robert Schuman (r) am 10.12.1951 in Straßburg auf der Tagung des Europa-Rates picture-alliance / dpa -

„Für uns Europäer gilt folgendes: Wir wollen bei allen europäischen Völkern eine Zurückstellung der nationalistischen Engherzigkeit. Jeglichen Anspruches auf Vormacht und Vorrang. Gleiche Rechte und Pflichten für jeden, gleiche Garantien. Keinerlei Diskriminierung, keine Scheidung nach Siegern und Besiegten. Nicht nur Aussöhnung, sondern Zusammenarbeit. Vertrauen. Das ist unsere Lösung. Dazu gehört ein europäischer Geist.“

Die Gegensätze zwischen den Westmächten und Russland bestünden in wirtschaftlichen, kulturellen, politischen und militärischen Fragen. Am Ende der Analyse zieht er folgenden Schluss: Eine Entspannung und Normalisierung des Verhältnisses müsse angestrebt werden. Eine friedliche Koexistenz und ein ungestörtes Nebeneinander sei möglich. Unmöglich dagegen sei ein Miteinander, eine gemeinsame Zielsetzung, eine Zusammenarbeit mit der Sowjetunion. Das sei Utopie.

Den toten Punkt überwinden

Europa aufbauen, so Schuman, hieße nationale Belange in Frage stellen. Europa werde nicht an einem Tag aufgebaut. Europa sei eine Forderung der Vernunft. Europa müsse gefühlsmäßig erfasst und erlebt werden.

Dies nennen wir den europäischen Geist, der Europa als ein Ideal begreift, in Frankreich mehr im Volk als im Parlament. Der Franzose ist empfänglich für großmütige Ideen, begeisterungsfähig, das Durchhalten fällt ihm manchmal schwer, Stillstand bedeutet Rückschritt für ihn.“

Deshalb müssten nun Mittel gefunden werden, um den toten Punkt zu überwinden. Die Londoner und Pariser Verträge müßten weiterentwickelt werden, die europäische Integration müsse, trotz des Scheiterns der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, weiter gehen.

Aus Feinden wurden Verbündete Deutsch-französische Freundschaft

Aus Feinden wurden Verbündete - ein langer Prozess.  mehr...

STAND
AUTOR/IN