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Elli Barczatis berichtet, dass sie die Treffen von ihrem Freund Laurenz mit Clemens Laby bis zu ihrer Verhaftung für rein kollegial hält. Als Vertraute Otto Grotewohls konnte Barczatis Dokumente aus seinem Büro an Laurenz weitergeben. Sie glaubte, ihm so bei seiner journalistischen Arbeit zu helfen.

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Richter Ziegler fragt, woher der DDR-kritische Einfluss gekommen sei? "Auch von Laurenz," sagt sie und von westdeutschen Zeitungen. Damit endet die Vernehmung.

Die unwissende Spionin?

Elli Barczatis berichtet über ihre Kindheit, Jugend und die Karriere in der DDR. Sie betrachtet ihre Erziehung als „kleinbürgerlich“ und „nicht proletarisch“. 1949 lernt sie Karl Laurenz in der „Hauptabteilung Kohle näher kennen“. Laurenz schied dort wenig später aus, erzählt sie, weil es „Unklarheiten in seiner Vergangenheit“ gegeben haben soll. Welche, sei ihr nicht bekannt. [Im Laufe des Prozesses klingt mehrmals an, dass Laurenz mit den Nationalsozialisten sympathisiert haben soll, es wird ihm aber an keiner Stelle nachgewiesen. Im Raum steht ebenfalls der Vorwurf, sich auf die KPD eingelassen zu haben; viele KPD-Anhänger fielen bei der später gegründeten SED in Ungnade. ]

Ende 1952 trifft Barczatis auf dem Weg ins Kino im Westen scheinbar zufällig am U-Bahnhof Wittenbergplatz den früheren Kohle-Kollegen Clemens Laby. Laby gibt zu erkennen, dass er von Barczatis‘ Liebesbeziehung zu Laurenz weiß. Nach dem Kino treffen sich die drei auf eine Stunde in einer Weinstube. [Clemens Laby ist der Westspion, der Laurenz anwirbt. Davon weiß Barczatis aber noch nichts.]

Die Treffen von Laurenz mit Laby hält sie für rein kollegial: Zwei ehemalige Kollegen sprechen, um über die gemeinsame Vergangenheit zu plaudern. Der Richter fragt, wie lange sie das glaubte? Barczatis antwortet: „Bis zu meiner Verhaftung.“

Der Richter fordert sie auf, ihre Beziehung zu Laurenz näher zu schildern. Das Paar traf sich meistens in „Restaurationen und Caféhäusern“. Barczatis erzählte dabei auch deshalb von Dingen, die sie aus dem Ministerium wusste, weil sie ihrem „Freund Laurenz“ [der Richter besteht darauf, dass sie sagt: „dem Angeklagten Laurenz“], der angeblich journalistisch für Westzeitungen arbeitete, einen Gefallen zu tun. Auf die Frage, ob sie sich nicht hätte denken können, dass hier etwas nicht stimmt, antwortet sie: „Ich habe es mir nicht klar gemacht.“ Der Richter: „Sie wollten es sich nicht klar machen!“

Angst und Vertrauen - Rosinen für den Stollen

Barczatis spricht von Angst. Sie hatte Angst, Laurenz immer mehr Informationen zu liefern. Dass sie es dennoch tat, hatte zwei Gründe: „Das mangelnde Vertrauen zur Politik der Regierung, zur Kraft der Arbeiterklasse“. In ihrer nächsten persönlichen Umgebung seien viele Menschen unzufrieden mit der DDR gewesen.

Der Richter wirft ein, Unzufriedenheit könnte ja auch dazu verwendet werden, sich aktiv zu betätigen. Barczatis sagt, sie habe sich „blenden lassen von der Konsumgüterindustrie in Westdeutschland“. Auch die vielen Reisen ihrer Freundinnen im Westen hätten sie beeindruckt. Als zweiten Grund, als ihr „Hauptmotiv“ nennt sie aber „die große Zuneigung zu meinem Freund, und das Vertrauen“ ihm gegenüber.

Sie sagt, es habe Streit gegeben, weil Laurenz Papiere aus Grotewohls Büro verlangte, sie ihm aber höchstens Informationen mündlich geben wollte. Sie erzählt von Versorgungsengpässen in der DDR, von denen sie in ihrer Arbeit erfuhr, von den vielen Briefen, die sie als Chefsekretärin beantworten musste, wo Bürger ihre Probleme und ihr Leid beschrieben. Selbst die Rosinenverteilung für den Weihnachtsstollen habe nicht funktioniert: Dresden habe so viel wie die anderen Regionen zugeteilt bekommen, obwohl die Stadt für den berühmten Dresdner Stollen besonders viele Rosinen gebraucht hätte.

Auch über Besuche von Politikern bei Grotewohl und die Standgrößen bei der Leipziger Messe berichtete sie Laurenz. „Ich habe mir Sand in die Augen gestreut.“ Aus der DDR-Berichterstattung über den Zwickauer Prozess 1953 [gegen Otto Fleischer; dazu gibt es eine reichhaltige Dokumentation im Archivradio] hat sie erstmals erfahren, dass Laby Spion war. Sie lieferte Laurenz aber weiterhin Informationen, obwohl sie wusste, dass er sich mit Laby traf.

DDR-Kritik und Einblicke durch westdeutsche Medien

Der beisitzende Richter Heinrich Löwenthal fragt vertiefend nach Laby. Der Flug Laurenz‘ zu seinem Bruder sei von Laby finanziert gewesen, ob Barczatis das nicht gewusst hätte? Sie verneint. Sie dachte, Laurenz‘ Bruder hätte den Flug bezahlt.

Staatsanwalt Lindner fragt, wie es sein könne, dass Barczatis aus der Presse von Labys Spionagetätigkeit erfahren habe und dennoch keinen Verdacht schöpfte? „Ich habe den Angaben unserer demokratischen Presse keinen Glauben geschenkt. Ich kannte Laby als meinen ehemaligen Kollegen, und ich habe ihm das einfach nicht zugetraut.“ Sie vermutete, das Gericht in Zwickau bzw. die DDR-Presse habe einiges auf Laby abgeschoben, der im Westen lebte und deswegen nicht greifbar war.

Richter Ziegler fragt, woher der DDR-kritische Einfluss gekommen sei? „Auch von Laurenz,“ sagt sie. Sie habe zudem westdeutsche Zeitungen und Zeitschriften gelesen, den amerikanischen deutschsprachigen Rundfunksender RIAS gehört. Das alles habe ihre kritische Haltung bestärkt.

Damit endet die Vernehmung von Elli Barczatis.

Zur nächsten Folge der Reihe: Der Spion, den sie liebte.

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