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Die Entführungsfälle von Hanns-Martin Schleyer und der Lufthansa-Maschine "Landshut" sind an einem Punkt angelangt, wo die Journalisten in Baden-Baden und Bonn viel Zeit mit wenig Informationen und einigen Spekulationen verbringen.

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Sondersendung unterbricht Abendprogramm des SWF

Mit dieser Abendsendung unterbricht der Südwestfunk um 19.30 Uhr sein laufendes Programm mit einer Sondersendung. Die Moderatoren betonen zu Beginn, dass es nichts wirklich Neues in den beiden Entführungsfällen gäbe und sie mit ihren "geringen Möglichkeiten" informieren wollen, "so gut wir können". "Die Verbindung nach Mogadischu", wo die entführte Lufthansa-Maschine steht, sei "sehr schlecht". Von den Entführern Hanns-Martin Schleyers habe man lange nichts gehört. Man müsse jetzt andere Sendungen verschieben, um Sendezeit für die aktuellen Ereignisse freizuhalten.

Die Dreiviertelstunden-Live-Sendung ist geprägt vom Warten und spärlichen Informationen. Die Ruhe vor dem Sturm.

Verlängertes Ultimatum läuft

Seit sechs Stunden läuft das erneut verlängerte Ultimatum. Seit über 100 Stunden ist die Boeing jetzt entführt. Staatssekretär Hans-Jürgen Wischnewski verhandelt vor Ort. Im Saudi-Arabischen Riad hat Franz Josef Strauß den Prinzen um Hilfe gebeten. Bundeskanzler Helmut Schmidt hat dem somalischen Staatschef in einem einstündigen Telefonat die Gefährlichkeit der elf Terroristen erklärt, die freigepresst werden sollen. Der somalische Informationsminister gab bekannt, die Boing habe sich dem Flughafen am Morgen genähert, ohne sich zu identifizieren. Man hätte sie alternativ nur abschießen können.

Pilot Jürgen Schumann ist tot

Die Leiche, die am Morgen in Mogadischu aus dem Flugzeug geworfen wurde, war vermutlich der Pilot Jürgen Schuhmann. Regierungssprecher Klaus Bölling hatte angedeutet, dass es wohl einen Streit zwischen ihm und den Entführern gegeben habe. Jetzt ist der Co-Pilot der einzige, der die Maschine weiterfliegen könnte. Wie Schuhmann war er bei der Luftwaffe ausgebildet worden.

Hanns-Martin Schleyers Familie erhebt Vorwürfe

Die Kontrollen auf Flughäfen, auch für Charterflüge, sollen verschärft werden. Keine Nachricht und keine Spur von Hanns-Martin Schleyer. Sein ältester Sohn Eberhard hat über den Genfer Anwalt Denis Payot vergeblich versucht, Kontakt mit den Entführern aufzunehmen. Morgen erscheint in einer Tageszeitung ein Appell der Familie an die Entführer. Die Moderatorin liest ihn im Wortlaut vor. Darin wirft die Familie Schleyers der Regierung vor, "immer noch keine Entscheidung gefällt" zu haben. Schleyers zweitältester Sohn Arnd (28) beklagte sich der Deutschen Presseagentur gegenüber, das meiste aus dem Radio und Fernsehen zu erfahren, etwa das Video von ihrem Vater. Das Bundesverfassungsgericht hat am vergangenen Sonntag einen Eilantrag der Familie abgelehnt, die Regierung dazu zu zwingen, auf die Forderungen der Entführer einzugehen.

Einer der drei Korrespondenten im Studio Bonn spricht von "gespenstischen Dimensionen", die der Fall damit angenommen habe. Die Familie Schleyer stelle sich "außerhalb der allgemeinen Solidarität". Er nimmt die Bundesregierung in Schutz: Manche Dinge müssen geheim bleiben. Emotionen dürfen den Fall nicht überlagern.

Ausländische Regierungen erklären Solidarität

Der Moderator fasst Reaktionen des Auslands zusammen: Solidarität der britischen, norwegischen und französischen Regierung mit der Bundesregierung. Der englische Premier musste vor sechs Wochen seinen Besuch wegen der Schleyer-Entführung aufschieben; jetzt soll dieser Besuch trotz Verschärfung der Lage stattfinden. Ein Reporter in Bonn kommentiert, dass er es schon vor sechs Wochen nicht für richtig hielt, dass Schmidt seine Polenreise wegen der Schleyer-Entführung abgesagt habe. Außenminister Genscher, mit dem er selbst in China unterwegs gewesen sei, habe sich "dieselbe Frage gestellt" und trotzdem die Reise fortgesetzt. Gut so, denn "Terroristen wollen ja unser allgemeines Leben auf Null bringen."

Gerüchte und Spekulationen machen die Runde

Die Moderatorin spricht ein Gerücht an, nachdem Schleyer auf einem Schiff vor Frankreich gefangen gehalten wird. Die Kollegen in Bonn zitieren eine Zeitungsschlagzeile, der zu Folge Baader und Ensslin gejubelt hätten, als sie von Entführung hörten. Die haben zu früh gejubelt, kommentiert der Reporter. Freipressungen führten schließlich zu neuen Entführungen: "Die heute Befreiten verüben morgen neues Blutvergießen." Er zitiert dazu den Regierungssprecher, der es für unrealistisch hält, dass Terroristen dort bleiben, wohin man sie ausfliegen lässt. Sie kehren zurück.

Um das weiter zu untermauern, spekuliert ein Kollege in Bonn, die einzige Frau unter den Entführern sei Frau Kröcher-Tiedemann. Diese im Austausch mit dem Berliner Politiker Peter Lorenz freigepresste Terroristin sei also ins alte Metier zurückgekehrt. [Gaby Kröcher-Tiedemann war nicht bei den Entführern der Maschine.]

Weiter wird spekuliert, dass den Schleyer-Entführern von der Schleyer-Familie vermutlich so viel Geld geboten würde, dass die Entführer davon "eine eigene Flugzeuglinie" auf die Beine stellen könnten. Ein anderer Kollege hält die "harte Lösung" für die "einzig richtige". Staatssekretär Klaus Bölling habe zwar eine militärische Lösung abgelehnt. Aber schon die Tatsache, dass GSG-9-Soldaten in die Richtung abgeflogen sind, spreche dafür, dass die Bundesregierung zwar für friedliche Austauschmöglichkeiten eintritt, aber andere Optionen in Betracht zieht. Dann bremsen sich die drei Korrespondenten selbst: "Das sind nur Spekulationen von uns dreien hier in Bonn."

Lufthansa hat Krisenstab eingerichtet

Der Moderator berichtet vom Krisenstab, den die Lufthansa in ihrer Zentrale eingerichtet hat. Man habe dort Erfahrung mit Krisenstäben, denn als 1974 in Nairobi ein Lufthansa-Jumbo abgestürzt war, wurde auch schon ein Krisenstab gebildet. Seit die Lufthansa "Telefonkontakt mit Mogadischu" hat, müssen die Journalisten draußen bleiben. Pilotenvereinigung raten vom Start der Boeing mit nur einem Piloten ab. Andere fordern eine drastische Reduzierung des Handgepäcks.

Die Moderatorin zitiert eine spanische Zeitung, in der ein Hotelier erzählt, dass die Entführer ihr Werk unter falschen Namen in seinem Hotel in Palma/Mallorca geplant hätten. Zwei der Entführer hätten, so ein Kollege in Bonn, ihre Tickets in Menorca gekauft.

Fürbitten und Meinungsumfrage

In Bonn sind inzwischen Angehörige einiger Flugzeug-Geiseln angekommen. Ein Kind mit dem Transparent "Herr Bundeskanzler, ich will meine Mutter wieder haben". Sie wurden empfangen und werden in Bonn übernachten. Die Kirchen fordern zu Fürbitte-Gottesdiensten, morgen um 18 Uhr auf. Einer Meinungsumfrage von Allensbach nach sind 42 Prozent der Deutschen für Nachgeben in den Entführungsfällen, dieselbe Zahl für hart bleiben. Der Psychoanalytiker Mitscherlich meint, den Kindern in der entführten Maschine gehe es vermutlich besser als den Erwachsenen, weil sie am anpassungsfähigsten seien.

Pressereaktionen aus dem Ausland

Ein weiterer Kollege kommt ins Studio und fasst die Pressereaktionen des Auslands zusammen. Der Figaro spricht bei den Terroristen von einem "neuen Faschismus" in Deutschland. Eine schwedische Tageszeitung sieht darin einen 2Abgrund von sinnloser Grausamkeit2. Während die jugoslawische und polnische Presse die Entführungen verurteilt, schweigt die Sowjetpresse darüber. Die DDR-Medien berichten zwar über die Entführungen, verzichten aber auf Kommentare.

Papst Paul VI. bietet sich als Geisel an

Papst Paul VI. schreibt an deutsche Kardinäle: "Wäre es von Nutzen, so würden wir sogar unsere eigene Person anbieten." Die Moderatorin beschließt die Sendung mit der Meldung von 20.10 Uhr, die gerade hereinschneit: Der Papst hat sich den Entführern als Geisel angeboten. Sie schließt mit den Worten: "Wir haben unser Möglichstes getan."

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