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SWR2 Archivradio - 35 Jahre Deutscher Herbst Archivgespräch mit Georg Polster (SWR)

Der auf die Studentenbewegung der 60er Jahre spezialisierte SWR-Dokumentar Dr. Georg Polster erläutert anhand eines konkreten Tonbandmitschnitts von 1977 die Wege der Archivierung, der Erschließung und der Digitalisierung von Originaltönen.

Tonband

Tonband

In diesem Archivgespräch erzählt Georg Polster, Historiker und Archivar in der Wortdokumentation im SWR Stuttgart, über die Entstehung und Archivierung des im Archivradio anlässlich des Themas "30 Jahre Deutscher Herbst 1977" hier gesendeten 12-minütigen Beitrags über die Entführung der Lufthansa-Maschine durch Terroristen.

Es handelt sich dabei um ein Mitschnittband, das ursprünglich zusammen mit den Mitschnittbändern eines ganzen Monats von den Redaktionen ins Archiv kam. Diese Bänder waren, wie alle Mitschnitte, mit 19 cm/s aufgenommen und erhielten deshalb ein blaues (statt rotes) Vorlaufband. Der Sendebetrieb selbst fand damals aber längst mit 38 cm/s statt. Die Dokumentare nahmen sich die zu den Mitschnitten gehörenden Sendelaufpläne vor und entschieden, was man aufhebt und was nicht. Georg Polster hält diese Bewertung für die „Königsaufgabe des Archivars“. Anschließend wurden diese Takes auf Sammelbändern hintereinander gehängt und mit Gelbbändern getrennt. Erst diese hörte sich dann ein Archivar an und begann mit der „Erschließung“: Er beschrieb den Inhalt des Bands zusammen mit Schlagworten in einem „Kapselkatalog“.

Die Archivnummer unseres konkreten Bands über die Flugzeugentführung steht nicht nur aufgestempelt auf dem Karton, sondern auch handschriftlich auf dem Vorlaufband selbst. Zweck: damit man später die Bänder wieder den Kartons zuordnen kann. Bei einem Klopftest stellen wir fest: Das inzwischen 30 Jahre alte Band ist noch intakt; es fällt kein Magnetstaub ab. Bei alten Hörspielen kann das durchaus passieren, dass der Bandkarton rostrot ist. Georg Polster sagt, es gehört zu einer Routine, wenn man alte Bänder auflegt, diese einmal komplett umzuspulen. Damit vermeidet man den Kopiereffekt, der durch magnetische Übertragung passiert, wenn ein Band viele Jahre lang gleich gewickelt im Regal steht. Um diesen Effekt von vornherein zu vermeiden, lagern viele Hörspiele in Kartons mit einer Art internen Bandaufhängung.

Aufgewickelt sind alle Rundfunkbänder, und auch dieses, auf Metallbobby, die früher als teuer galten, heute, im digitalen Zeitalter aber nicht mehr nötig sind. Auf dem Karton prangt das Logo des Süddeutschen Rundfunks mit dem Funkturm, „typisches 60er Jahre Design“. Die Bandnummer beginnt mit 63, um den kleinen Karton vom größeren (mit Bandnummer 60) zu unterscheiden. Die Bänder lagern in verschieden hohen Regalen. „63“ mag seltsam anmuten, es war aber schon ein Fortschritt gegenüber dem noch älteren „P“ bei politischer und „K“ bei kultureller Redaktion. Die aktuelle Nummer das Band beginnt nicht mehr mit „63“, sondern lautet: W24560, wobei W für „Wort“ steht. Darunter befindet sich ein Strichcode, den man beim Ausleihen des Bands nutzte. Das passiert aber bei diesem Band nicht mehr, denn es ist inzwischen digitalisiert, gekennzeichnet durch „AMS“ – Audiomassenspeicher. Es kann damit von allen Standorten des SWR aus abgehört werden.

Auf dem Karton wurde der Text „Registriert im Deutschen Rundfunkarchiv – nicht löschen“ aufgestempelt. Grund: Viele dieser Bänder gingen damals in Kopie ans DRA. Das DRA hat dann quasi nach-entschieden, was von überregionaler Wichtigkeit war und auf keinen Fall gelöscht werden durfte. Diese Bänder bekamen dann diesen Sonderstempel.

Auf die Frage, ob bei der Entscheidung, was archiviert und was nicht archiviert wird, auch mal gravierende Fehler passieren, meint Georg Polster, dieses Verfahren habe über Jahrzehnte ohne große Fehler geklappt. „Es fand in der Regel eine gute Auswahl statt.“

Auf dem Band ist für das Archivradio der erste Take – die Flugzeugentführung – relevant. Er ist laut Bandkarton 11’20 Minuten lang. Auf dem Karton steht außerdem, mit Schreibmaschine getippt und aufgeklebt, der Erschließungstext, also das, was auf dem Band zu hören ist, z.B. dass Regierungssprecher Klaus Bölling spricht. Die Erschließung passierte bei diesem Band in zwei Phasen. Im Kapselkatalog fand eine erste Beschreibung statt, später eine zweite.

Jetzt wird es Zeit, noch einmal ins Archiv rüberzugehen und den Kapselkatalog zu holen, der Jahrzehnte lang das Zentrum des Wissens über die Inhalte der Bänder war, bevor sie digital erfasst wurden. Der Kapselkatalog ist ein Aktenordner in klein, der horizontal im Regal liegt. Die Texte darin sind mit blauem Durchschlagband getippt.

Der Text im Kapselkatalog ist weniger umfangreich als das, was tatsächlich beim Band liegt und in der Computerdatenbank steht. „Offenbar hat jemand noch mal reingehört.“ Ist das normale Archivarsarbeit, und funktioniert diese Zweiterschließung mancher Bänder eher nach Zufall oder mit System? Nach System, meint Georg Polster. Er hält es für am besten, aktuelle Beiträge bereits inhaltlich und formal vollständig zu erschließen und auch zu „verschlagworten“. 1977 hatte jeder Sender seine eigene Liste an Schlagwörtern. Inzwischen arbeitet die ARD an einer gemeinsamen, Sender übergreifenden Hörfunkdatenbank.

Die Unterlagen zu dem Beitrag auf dem Band wurden damals mehrfach an verschiedenen Stellen in Katalogen abgelegt, vermutlich vier oder fünf mal, unter jeweils unterschiedlichen Schlagwörtern, „Bölling“ etwa oder „RAF“. In der analogen Welt waren diese verschiedenen Zugriffsmöglichkeiten nötig.

Auf Zettel zum Band steht auch der Name des Moderators Ralf Uhlemann. Ihn kannte Georg Polster persönlich. Herr Uhlemann verstarb bereits in seiner Lebensmitte.

SWR-Dokumentar Dr. Georg Polster

Georg Polster (SWR)

Im SWR hat Georg Polster in den späten 1980er Jahren einen archivarischen Meilenstein gesetzt, als er in einem ARD-internen Buch der Reihe „Sonderhinweisdienst“ alles zusammensuchte, was es in ARD-Wortarchiven über die Studentenbewegung und die APO gibt. Das Buch ähnelt einer Doktorarbeit, Polster hält es für „normale Recherchearbeit“ eines Archivars. Bereits 1987 war es eine historische Spurensuche. Es gab in einigen ARD-Anstalten auch Vorbehalte gegen dieses Projekt, weil man nicht als „linker“ Sender dastehen wollte. Weil letzten Endes jedoch alle ARD-Archivleiter zustimmten, konnte Polster alle Anstalten anrufen und sich dann alles Material zuschicken lassen. Daraus entstand das Buch. Während der Arbeit daran musste der Archivar viel nachhören. Dazu stand ein ganzer Bandwagen voll mit Überspielungen in seinem Büro. Später entstand daraus ein einstündiges Feature unter dem Titel „Die Apo fordert Sendezeit.“

Informationen zum Tondokument:
Interviewer: Maximilian Schönherr
Aufnahmedatum: 24.05.2007
Aufnahmeort: Wortarchiv Stuttgart
Länge: 20’02

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