Ukraine-Krieg

Appell an Russland: Atombombenopfer Japan fordert Kampfstopp an AKWs

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Kathrin Erdmann

Einst Opfer einer Atombombe, berieten Nagasakis Wissenschaftler*innen die Ukraine seit dem Reaktorunglück in Tschernobyl im Umgang mit verstrahlten Opfern.
Jetzt mahnt Japan Russland: Nagasaki solle die letzte Stadt sein, die je von einer Atombombe getroffen wurde.

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Angriffe auf Atomkraftwerke in der Ukraine schüren Ängste in Nagasaki

Seit mehr als einer Woche gehen die Menschen weltweit für Frieden auf die Straße, auch in Japan haben am Wochenende Tausende demonstriert. Ganz besonders betroffen sind dort unter anderem die Menschen in Nagasaki, der Stadt, die 1945 neben Hiroshima Opfer eines Atombombenangriffs wurde. Dort rufen die Kämpfe um die Atomkraftwerke in der Ukraine nochmal ganz andere Ängste hervor.

Nagasaki-Universität und Ukraine arbeiten seit 1991 zusammen

Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl war 1986. Fünf Jahre später begann die Zusammenarbeit der Nagasaki-Universität mit der Ukraine. Man untersuchte gemeinsam die gesundheitlichen und Umweltauswirkungen.

„Wir haben Spezialisten und Doktoren zu uns eingeladen, die rund um Tschernobyl tätig waren. Wir haben sie geschult, wie man Opfer langfristig am besten medizinisch versorgt.“

Noburo Takamura, der an der Nagasaki-Universität zu solchen Krankheitsfolgen forscht, ist den vergangenen 25 Jahren immer wieder selbst in der Ukraine gewesen. Er habe viele Freunde dort.

„Direkt nachdem dieser Krieg begonnen hat, habe ich meine Kollegen in der Ukraine kontaktiert. Zum Glück geht es ihnen allen bisher gut, aber natürlich hat sich ihr Leben drastisch verändert, und ich mache mir große Sorgen über ihr künftiges Leben.“

Zwar sei die Ukraine weit weg von Japan, dennoch wolle man zumindest Studierenden eine Perspektive bieten, sagt Universitätspräsident Shigeru Kohno.

„Wir bereiten jetzt ein besonderes Aufnahmeprogramm für ukrainische Studierende vor, die wir dann so versorgen müssen, dass sie ihre Studien fortsetzen können. Wissen war damals essentiell für den Wiederaufbau Nagasakis.“

Und das werde man auch für den Wiederaufbau der Ukraine brauchen, wenn dieser furchtbare Krieg zu Ende sei, so Universitätspräsident Kohno.

Ex-Premier Shinzo Abe schlug Stationierung von US-Atombomben in Japan vor

Die Invasion Russlands ist in Japan, wie in vielen anderen Ländern auch, ein Anlass, das Verhältnis zu Russland zu überdenken. Der rechtskonservative Ex-Premier Shinzo Abe hat kürzlich gesagt, es dürfe keine Denkverbote geben. Er brachte, auch mit Blick auf die Bedrohung aus China, die Stationierung von US-Atombomben in Japan ins Spiel.

Japanischer Wissenschaftler hält Abe-Vorschlag für unmoralisch

Fumi Yoshida, Direktor des Forschungszentrums für die Abschaffung von Nuklearwaffen an der Nagasaki Universität, hat das fassungslos zurückgelassen.

„Wenn wir uns die tragischen Ereignisse von 1945 anschauen, dann wissen wir, dass solche Waffen niemals zum Einsatz kommen dürfen. Das ist keine Option, sondern nur inhuman. Das ist also ein völlig abwegiger und unmoralischer Vorschlag, zu sagen, man sollte solche US-Waffen auf japanischem Boden installieren.“

Denn wenn sie erst einmal da seien, würden sie auch irgendwann zum Einsatz kommen, so Yoshida. Im Gegenteil mache der Krieg doch klar, dass man die Atomwaffenarsenale zurückfahren sollte. Und man sollte die Sanktionen gegen Russland weiter verschärfen, zur Not eben auch die Gas-und Öllieferungen stoppen.

"Wir sollten die letzte Stadt sein, die je von einer Atombombe getroffen wurde"

Am Schluss wendet sich Präsident Kohno noch mit einem flammenden Appell an Russland:

„Wir fordern Russland auf, seine militärischen Aktivitäten so schnell wie möglich einzustellen. Militärische Aktionen, die zu schweren Unfällen in den Atomanlagen führen können, sollten ebenfalls sofort beendet werden. Die Botschaft aus Nagasaki ist klar und deutlich. Wir sollten die letzte Stadt sein, die je von einer Atombombe getroffen wurde.“ 

Die Welt habe in den letzten zwei Jahren bereits mit Covid zu kämpfen gehabt:

„Aber dieser Angriff jetzt wird noch schwerwiegendere Folgen für die Zukunft aller haben. Deshalb sollte auch die ganze Welt auf die russische Invasion reagieren.“ 

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9.8.1945 / 1959 Atombombe auf Nagasaki – Fliegeroberst Cheshire erinnert sich

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August 1945 "We don't mind about 100.000 Japs": Otto Hahn irritiert über Reaktion eines Engländers auf Hiroshima

August 1945 | Der Chemiker Otto Hahn erfährt vom Atombombenabwurf in Hiroshima als Gefangener in einem britischen Internierungslager. Dort saß er zusammen mit anderen hochrangigen deutschen Naturwissenschaftlern wie Carl Friedrich von Weizsäcker. Später erinnert er sich an diesen Moment im August 1945.  mehr...

28.4.1986 Das Reaktorunglück in Tschernobyl wird bekannt

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29.4./7.5.1986 Berichterstattung über das Reaktorunglück in Tschernobyl in der DDR

29.4./7.5.1986 | Auch die Medien in der DDR berichteten über die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Zunächst die Erklärung des Sprechers des Staatlichen Amts für Atomsicherheit und Strahlenschutz in der DDR vom 29. April 1986. Es folgt ein Gespräch der DDR-Wissenschaftler Prof. Dr. Günther Flach und Prof. Dr. Karl Lagius im Radio DDR am 30. April 1986. Beide Wissenschaftler können die Kritik an der Sowjetunion nicht nachvollziehen. Sie sehen darin eine üble Hetzkampagne des Westens. Anschließend ein Kommentar vom 2. Mai 1986 von Klaus Dieter Kröber zur Berichterstattung der westlichen Medien. Und schließlich die Nachrichten des Berliner Rundfunks vom 7. Mai 1986. Es geht darin um die Absage eines Jugendaustauschs; eine Gruppe Jugendlicher aus Baden-Württemberg hatte die DDR besuchen wollen.  mehr...

14.5.1986 Stellungnahme von Gorbatschow nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl

14.5.1986 | In der ersten öffentlichen Stellungnahme der Sowjetunion nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl reagierte Michail Gorbatschow auf die Kritik des Westens. Er forderte zur internationale Zusammenarbeit in Kernenergiefragen auf.  mehr...

14.5.1986 Bundestagsdebatte zu Tschernobyl und Atomkraft

14.5.1986 | Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist am 14. Mai 1986 Thema im Bundestag. Die Debatte ist für 2 Stunden angesetzt und dauert mehr als doppelt so lang. Sie zeigt, welche Zäsur das Ereignis bedeutete. Auf der einen Seite Union und FDP, die sich durch Tschernobyl nicht davon abbringen ließen zu beteuern, dass in Deutschland die sichersten Atomkraftwerke der Welt stehen und sich auch sonst Umweltprobleme am besten mit Technik lösen lassen – Helmut Kohl spricht gar von umweltfreundlichen Autos. Er meint die mit Katalysatoren. Auf der anderen Seite die Grünen, die sich durch Tschernobyl in ihrer Anti-Atom-Haltung bestätigt sehen, und die SPD, die, wie die Rede des damals noch jungen Gerhard Schröder zeigt, nun auch auf diesen Kurs einschwenkt. | Helmut Kohl: 01:22  mehr...

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