Generation Nabelschnur Elternbindung von jungen Erwachsenen

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Mehr als die Hälfte der über-18-jährigen Deutschen hat jede Woche Kontakt zu den Eltern. Aber nicht nur regelmäßiger Telefonkontakt ist an der Tagesordnung. Denn nicht nur während der Ausbildung, auch danach bleibt die enge Verbindung zwischen den Generationen oft erhalten. Viele Eltern unterstützen ihre Kinder finanziell weit bis ins Erwachsenenalter hinein. Wo liegt die Grenze zwischen Solidarität und Zuneigung und Unselbständigkeit?

Manchmal sind Arbeitslosigkeit oder andere wirtschaftliche Schwierigkeiten der Kinder schuld an der langjährigen Abhängigkeit von den Eltern. Aber durchaus nicht immer. "Nesthocker" zum Beispiel, die auch als Erwachsene noch bei den Eltern wohnen und sich dort versorgen lassen, tun das oftmals nicht aus Not. Sie kommen typischerweise aus gut situierten Elternhäusern.

Wechsel von Grundschule zu weiterführenden Schulen (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Die Konzepte von Kindheit und Jugend sind erst im letzten Jahrhundert entstanden und verändern sich weiterhin - ab wann ist man heute erwachsen? Thinkstock -

Die Entwicklungspsychologin Inge Seiffge-Krenke hat sich in verschiedenen Studien mit den sogenannten "emerging adults" beschäftigt. Das heißt übersetzt so viel wie: "Menschen auf der Schwelle zum Erwachsenwerden". Es ist eine Art verlängerter Adoleszenz, etwa im Alter zwischen 20 und Mitte 30.

Alles Nesthocker?

Entstanden sei ist die neue Lebensphase des "emerging adulthood", weil sich gesellschaftliche Rahmenbedingungen in der letzten Zeit stark gewandelt hätten. Ähnlich im Übrigen wie vor hundert Jahren. Damals kam der Begriff "Jugend" als Bezeichnung für eine eigenständige Lebensphase auf.

In der vorindustriellen Zeit hatte man nämlich nur zwischen Kindheit und Erwachsenenalter unterschieden. Doch dann hatten sich auch damals Wirtschaft und Gesellschaft stark geändert. Die zunehmende Industrialisierung und Technisierung hatte eine längere Lern- und Ausbildungsphase der Kinder nötig gemacht. Deshalb mussten diese länger vom Erwerbsleben freigestellt werden und in Abhängigkeit von den Eltern leben.

Kinder bleiben zu Hause

Seit 1980 hat sich die Zahl der zu Hause lebenden, volljährigen Kinder unter 25 verdoppelt. Aber auch wer ausgezogen ist, lebt nicht unbedingt ein Leben auf Distanz. Es gibt viel mehr erwachsene Kinder als früher, die vom Ausbildungsort jedes Wochenende zu ihren Eltern pendeln oder Urlaube mit ihnen verbringen.

Auch erwachsene Kinder, die bereits vollzogene Entwicklungsschritte temporär wieder rückgängig machen, sind an der Tagesordnung. Weil es so viele sind, die zum Beispiel nach einer gescheiterten Beziehung oder abgebrochenen Ausbildung wieder Unterschlupf im leeren Nest der Eltern suchen, haben sie von U.S.-amerikanischen Soziologen sogar schon einen eigenen Namen erhalten: Die "Boomerang Kids".

Große Zukunftssorgen

Nicht nur die gestiegene Lebenserwartung, auch Zukunftssorgen sind mitverantwortlich dafür, dass junge Erwachsene sich immer später von den Eltern lösen. Die Klimaveränderung zeigt erste bedrohliche Auswirkungen, die Renten sind in Gefahr, internationale politische Krisen und Terrorismusbedrohung sind allgegenwärtig. Außerdem wachsen junge Menschen in eine globalisierte Arbeitswelt mit vielen prekären und befristeten Arbeitsverhältnissen hinein.

Studenten an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen verfolgen eine Vorlesung im Fach Maschinenbau (Archivfoto vom 12.04.2006). (Foto: picture-alliance / dpa / Thinkstock - Montage: SWR.de)
Laut Statistischem Bundesamt ist die Altersgruppe zwischen 18 und 24 schon jetzt die Ärmste in Deutschland picture-alliance / dpa / Thinkstock - Montage: SWR.de

Laut Statistischem Bundesamt ist die Altersgruppe zwischen 18 und 24 schon jetzt die Ärmste hierzulande. Viele Unsicherheitsfaktoren kommen hier also zusammen. Da erscheint es nur logisch, wenn man sich auf die eigene Familie als Ressource stützt.

Neue Studienmöglichkeiten

Steigende Verunsicherung herrscht auch auf einem Sektor, der für die postindustrielle Wissensgesellschaft überaus wichtig geworden ist: auf dem Bildungssektor. Die Zahl der Studiengänge zum Beispiel ist in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen. Allein zwischen 2007 und 2013 sind in Deutschland etwa 5400 neue Studienmöglichkeiten hinzugekommen.

Aktuell gibt es in Deutschland fast 17.000 Studiengänge. Hinzu kommen hunderte von Ausbildungsberufen. Außerdem sind Arbeitgeber heute anspruchsvoller als früher. Sie fordern mehr Zusatzqualifikationen wie Fremdsprachenkenntnisse und Praxiserfahrung.

Männer und Frauen in Anzügen halten einen Pfeil in der Hand, der nach oben zeigt (Foto: © Colourbox.com -)
Steigende Verunsicherung herrscht auch auf einem Sektor, der für die postindustrielle Wissensgesellschaft überaus wichtig geworden ist: auf dem Bildungssektor © Colourbox.com -

Generation Nabelschnur

Wo aber hört Hilfe zur Selbsthilfe auf und wo fängt Unmündigkeit und Abhängigkeit an? Die Zeitschrift "Neon" bezieht 2011 in einem Artikel Position: Ihre Leserschaft zwischen 20 und Mitte 30 sei eine "Generation Nabelschnur", denn sie sei bequem und unselbständig und habe sich in eine Abhängigkeit von den Eltern hineinmanövriert.

In den Zeiten der 68er Bewegung war die Distanz zwischen Eltern und ihren jugendlichen oder erwachsenen Kindern größer. Es war die Zeit der Auseinandersetzung mit der Rolle der eigenen Eltern im Nationalsozialismus. Kleidungsstil, Musikgeschmack, ja die gesamte Lebensweise unterschied sich oft in vielen Punkten von dem der Eltern.

Investition in Kinder

Eltern investieren stattdessen heute weit mehr Zeit, Ressourcen und Emotionen in ihre Kinder. Das zeigen alle Untersuchungen der letzten Jahre aus dem Bereich der Familienforschung. Einerseits erscheint das logisch, denn in den heutigen Kleinfamilien konzentriert sich alle Liebe und Fürsorge auf wenige Kinder.

Wäscheleine mit Kinderkleidern und einem Korb voll Geld (Foto: picture-alliance / dpa / © Colourbox.com - Montage: SWR)
Während früher Kinder von ökonomischen Nutzen für die Eltern waren, so kosten sie heute enorm viel und haben eher einen psychologischen Wert für die Eltern bekommen picture-alliance / dpa / © Colourbox.com - Montage: SWR

Andererseits hat sich die Familienarbeitszeit in den letzten 5 Jahrzehnten deutlich erhöht. Man könnte also meinen, dass deshalb heute weniger Zeit für die Beziehungspflege innerhalb der Familie zur Verfügung steht. Das Gegenteil ist der Fall, denn viele Eltern haben ihre Prioritäten verschoben.

Kinder als Aushängeschild

Kinder sind auch ein Stabilisierungsfaktor für die ehelichen Beziehungen und elterliche Identitäten. Kinder, so sagt Psychoanalytikerin Inge Seiffge-Krenke, haben heute insgesamt eine viel stärkere narzisstische Bedeutung für ihre Eltern. Warum diese größer geworden ist, liegt an der Rolle von Kindern im Familiengefüge. Sie hat sich nie so stark gewandelt wie in den letzten Jahrzehnten.

Während früher Kinder von ökonomischen Nutzen für die Eltern waren, so kosten sie heute enorm viel und haben eher einen psychologischen Wert für die Eltern bekommen. Das gilt auch für Kinder im jungen Erwachsenenalter. Es ist nicht immer die pure Selbstlosigkeit, wenn Eltern ihren Kindern interessant klingende Studien finanzieren, Auslandsaufenthalte und Fernreisen ermöglichen oder einen gehobenen Lebensstil finanzieren.

Junge Hände umfassen alte, faltige Hände. (Foto: © Colourbox.com -)
Dass junge Erwachsene viel näher an ihre Eltern herangerückt sind und diese umgekehrt länger Einfluss auf ihre Kinder ausüben, ist unbestritten - doch wann sind sie wirklich erwachsen? © Colourbox.com -

Wann ist man eigentlich erwachsen?

Familienbeziehungen befinden sich im Wandel. Dass junge Erwachsene viel näher an ihre Eltern herangerückt sind und diese umgekehrt länger Einfluss auf ihre Kinder ausüben, ist unbestritten. Doch ist das gut? Wie viel Abgrenzung und Ablösung brauchen junge Menschen? Früher war es klar, ab wann man als alte Jungfer oder Muttersöhnchen galt. Doch wie ist es heute? Wann hat man heute den Zeitpunkt des Erwachsenwerdens verpasst?

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