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Weiße Kittel sind zum Fürchten Wenn der Arzt Angst macht

Mediziner berichten, dass bis zu zehn Prozent aller Menschen panische Angst vor Ärzten haben: Sie meiden Vorsorgeuntersuchungen und notwendige Operationen, gehen nicht zum Zahnarzt oder zur Zahnärztin, versuchen sogar schwere Krankheiten selbst zu kurieren. Hilfe könnte jetzt der "Angstfreie Operationssaal" bieten.

Angst vor dem Arzt?

Viele Menschen fürchten den Gang zum Arzt

Vorbereitende Gespräche mit Ärzten und Ärztinnen sind wichtig: Welche Risiken birgt der Eingriff? Wie läuft die Operation ab? Wann und wo wache ich wieder auf? Die Patientinnen und Patienten werden ruhiger, wirklich abbauen lassen sich tiefsitzende Ängste damit aber nicht.

Einmal freimachen, bitte

Ärzte in OP-Kitteln mit Spritzen beugen sich über Patienten

Zehn Prozent aller Menschen haben panische Angst vor Ärzten

Hilfe könnte der "Angstfreie Operationssaal" bieten, ein Projekt, das die Klinik am Park gemeinsam mit dem "Fraunhofer-Institut für Software und Systemtechnik Dortmund" und einigen Industriepartnern entwickelt.

Das Prinzip ist einfach: Sind alle Sinne mit positiven Reizen belegt – mit sanfter Musik, schönen Bildern, angenehmen Düften – bleibt dem Patienten und der Patientin kaum noch Raum für aufsteigende Ängste. Alles in einem angenehm eingerichteten Raum in der "Klinik am Park Lünen": warme Farben dominieren, an den Wänden hängen Bilder und in dem Raum steht ein schwarzer Sessel. In unregelmäßigen Abständen vibriert der Sessel, massiert Beine, Rücken und Nacken; und während der Patient fast wie in einem Wellnesshotel verwöhnt wird, nimmt ihn eine sanfte Stimme mit auf eine Fantasiereise.

Urlaub im Sprechzimmer

Videobrille gegen die Angst vor der OP

Videobrille gegen die Angst vor der OP

Wer sich in der "Klinik am Park Lünen" operieren lässt, erfährt eine Rundumbetreuung, wie sie nur selten Deutschlands Krankenhäuser anbieten. Der Aufwand – selbstredend ist er mit höheren Kosten verbunden – verfolgt aber ein pragmatisches Ziel: Er soll mittelfristig helfen, Geld einzusparen. Je entspannter und angstfreier die Patienten und Patientinnen, desto besser die Therapieerfolge, desto geringer das Risiko von Nebenwirkungen, desto preiswerter die Behandlung – eine Logik, der sich keine Krankenkasse verweigern kann.

Kliniken und Arztpraxen versuchen bereits ansatzweise für Entspannung zu sorgen. Doch trotz aller Wellness-Angebote sind sie nie wirklich angenehme Orte: die fremden Gerüche, abweisende Funktionsräume, gleißendes Licht, grün-vermummte Ärzte und Schwestern, blinkende und piepende Überwachungselektronik – wer davor Angst hat, zeigt an sich sogar eine gesunde Reaktion, um sich selbst zu schützen.

Und jetzt schön weit aufmachen

Doktor mit Aktenblatt

Fremde Gerüche, abweisende Funktionsräume, gleißendes Licht...

Von Herzklopfen und Schwindel berichten Patientinnen und Patienten, von Schwitzen und Magen-Darm-Problemen, von Zittern und Unruhe, manchmal auch davon, dass sie wie erstarrt daliegen und sich nicht mehr bewegen können. Zu den körperlichen Symptomen kommen Zwangsgedanken: Der Arzt oder die Ärztin operiert das falsche Körperteil! Die Narkose wirkt nicht! Nach dem Eingriff treten große Schmerzen auf! Fluchtimpulse sind in einer solchen Situation normal.

Ängste sind das Resultat biochemischer Prozesse, die jenseits jeder intellektuellen Steuerung ablaufen. Das ist auch gut so! Reaktionen auf Angreifer – seien es nun wilde Tiere oder operierende Ärzte – dauern zu lange, würden sie zunächst rational durchdacht. Der Organismus wird höchst effizient binnen weniger Millisekunden auf Kampf oder Flucht vorbereitet. Der Vorteil ist aber auch ein Nachteil.

Kind hält sich Hände vors Gesicht

Viele Patienten leiden unter den Symptomen der Angst

Der Organismus reagiert immer – was Internistinnen aus ihrer täglichen Praxis kennen: Selbst wenn sie Patientinnen und Patienten nur den Blutdruck messen, sind die Werte in vielen Fällen zu hoch. Schon beim Anblick des weißen Kittels schüttet das Nebennierenmark Adrenalin aus, um den Körper auf Kampf zu trimmen. Neben diesen automatisch ablaufenden Ängsten gibt es aber auch erlernte Angstreaktionen.

Einmal A sagen, bitte

Die am weitesten verbreitete "erlernte Angst" kennt jeder: es ist die Angst vorm Zahnarzt und der Zahnärztin, vor der Spritze ins hochempfindliche Zahnfleisch, die schier unerträgliche Frequenz des Bohrers, der sich tief in die Zahnwurzel vorarbeitet, das Ruckeln und Reißen mit der Zange. Nach einer repräsentativen Umfrage des Bochumer Oralchirurgen Peter Jöhren sind zehn Prozent aller Deutschen hartgesottene "Dentalphobiker": Sie vermeiden jeden Besuch beim Zahnarzt. Ein Impuls, der weit schwächer wäre, hätten die Patienten als Kinder bessere Erfahrungen mit Zahnärzten gemacht.

Mädchen beim Zahnarzt

Früh gute Erfahrungen zu machen ist wichtig

Diese Lernerfahrung wird bestätigt und verstärkt, wenn schon der erste Besuch beim Zahnarzt oder der Zahnärztin Schmerzen verursacht. Leider ist das die Regel: Die Ärztin bohrt oder zieht einen Zahn. Wirklich vermeiden lässt sich das auf Dauer zwar nicht, vermeiden lässt sich aber, dass Kinder den allerersten Zahnarztbesuch mit "Schmerzen" verbinden. Warum nicht mal die Zahnärztin besuchen, wenn noch nichts weht tut?

Und jetzt tief einatmen

Für die Krankenkassen ist das zu teuer, mag mancher einwenden. Doch das Argument ist schwach: Die Folgekosten bei Patienten und Patientinnen, die Jahrzehnte nicht zum Arzt gehen, sind weit höher, außerdem steigen die Gesundheitsrisiken bei verschleppten Behandlungen.

Kind mit Teddybär und Medizinstudentin

Kinder müssen den Arztbesuch nicht nur mit Schmerzen verbinden

Viele Zahnärzte bieten mittlerweile einfache Entspannungsmethoden wie Duftkerzen und Wellnessmusik an; komplizierter sind Hypnoseverfahren, und richtig aufwändig wird es für den, der sich die maroden Zähne unter Vollnarkose sanieren lässt – eine Spezialität des Kölner Dentisten Dr. Thomas Pechacek. Die anfallenden Kosten von bis zu 1.000 Euro müssen die Patientinnen allerdings aus eigener Tasche zahlen.

Die Firma brainlight in Goldbach bei Aschaffenburg produziert nicht nur Geräusche, Musik und Videos zur Entspannung und zum Abbau von Ängsten; ein weiteres Arbeitsfeld ist die mentale Vorbereitung auf Sportwettkämpfe, also eine auf den Punkt gesteuerte Anspannung. Ein Renner ihres Angebotes ist aber Meeresrauschen.

Autorennen beruhigen

Die Patienten können sich außerdem mit 3-D-Brillen Filme anschauen: Kinofilme wie Avatar, aber auch Sommerwiesen, Wälder, afrikanischen Steppen oder Inseln, die sie aktiv erkunden müssen oder sie fahren ein virtuelles Rennen auf dem Nürburgring. Das zählt zu den Kuriositäten dieses noch vergleichsweise jungen Forschungsgebietes: Geräusche und Bilder, die den einen beruhigen, regen andere auf.

Zwei DTM-Rennwagen sind in einer Kurve auf Kollisionskurs

Mit 300 km/h durch die Operation

Klassische Wellness-Musik zum Beispiel ist eher etwas für ältere Menschen, Jüngere können damit nur wenig anfangen. Sie brauchen härteren Stoff, um Stress und Ängste abzubauen. In dem virtuellen Rennen zeigt ein virtueller Tacho die jeweiligen Geschwindigkeiten, hin und wieder schrammt der Fahrer knapp die 300-KMH-Grenze. Für junge Patienten und Patientinnen ein Fahrspaß mit beruhigender und blutdrucksenkender Wirkung.

Spritze: Angst, Operationssaal: Angst

Mittlerweile können Forscherinnen und Forscher detailliert zeigen, in welcher Phase der Operation die Ängste besonders groß sind. Zwei Stressspitzen gibt es: Wenn der Patient zum ersten Mal die Spritze sieht, mit der ihm das Narkosemittel verabreicht wird, und der Moment unmittelbar vor Beginn der Operation.

Ärztin misst den Blutdruck eines Patienten

Je entspannter die Patienten, desto preiswerter die Behandlung

Wer weiß, wann Ängste entstehen, kann gezielt angstmindernde Musik, Bilder und Gerüche einsetzen. Der Erfolg ist fast garantiert. Vollständig gelöst ist das Problem der Ängste vor Ärzten und Ärztinnen damit aber nicht. Unbeantwortet ist etwa die Frage nach den sozialen Ursachen.

Von der Kranken- zur Gesundheitskasse - natürlich lässt sich das Image von den Göttinnen und Göttern in Weiß nicht per Wortwahl ändern, und die Angst vor Diagnosen ist berechtigt, zumal manche Mediziner wenig Feingefühl bei der Vermittlung von Diagnosen zeigen, die dem Patienten oder der Patientin kaum noch Heilungschancen geben. Auch so etwas schürt Ängste. Männer lassen Vorsorgeuntersuchungen links liegen, Frauen gehen damit bewusster um. Aber selbst wenn diese Probleme gelöst würden, die Patient-Arzt-Kommunikation belastet noch etwas anderes. Die Patienten und Patientinnen werden immer älter, die Ärzte immer jünger.

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