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Kampf gegen Mangelernährung Angereicherte Lebensmittel

Man sieht ihn nicht, den "versteckten Hunger". Es ist Essen da: Reis oder Mais, aber es fehlen die nötigen Vitamine und Mineralstoffe. Weltweit sind etwa zwei Milliarden Menschen von Mangelernährung betroffen. Abhilfe versprechen mit Nährstoffen angereicherte Lebensmittel wie Mehl, Speiseöl oder Erdnussbutter. Oder stecken hinter den teuren Entwicklungen doch mehr industrielle Interessen? Die Welthungerhilfe und terre des hommes haben das in einer Studie untersuchen lassen.

Angereicherte Nahrung gegen den versteckten Hunger

Angereicherte Nahrung gegen den versteckten Hunger

Diese Mangelernährung ist nicht unbedingt sichtbar, zumindest nicht auf den ersten Blick, mangelernährte Menschen, mangelernährte Kinder sind anfälliger für Krankheiten, Durchfallerkrankungen, Erkrankungen der Atemwege, Masern, wenn ein Kind mangelernährt aufwächst, ist es anfälliger an diesen Krankheiten möglicherweise sogar zu sterben oder schwer zu erkranken...

sagt Wolfgang Jamann, Generalsekretär der Welthungerhilfe über die unmittelbaren Folgen der Mangelernährung.

Kein Geld für bessere Nahrung

Monatsration an angereicherter Erdnussbutter für 2 Kinder

Monatsration an angereicherter Erdnussbutter für 2 Kinder in Burkina Faso

Eine mögliche Hilfe gegen Mangelernährung sind "angereicherte Lebensmittel". So, wie wir es schon längst unbemerkt in unserer industrialisierten Welt zu uns nehmen: das Salz, dem zusätzlich Jod zugefügt ist, zur Vorbeugung gegen Kropf. So kann auch das Mehl, der Mais oder der Reis als Grundnahrungsmittel angereichert werden. Mit Eisen, Zink oder Vitamin A. Das ist in fast hundert Ländern sogar schon per Gesetz festgeschrieben. Aber diese Hilfe hat einen gravierenden Mangel, warnt die Vorstandsvorsitzende der Hilfsorganisation terre des hommes, Danuta Sacher:

Die Armen sind in der Regel deswegen arm, und auch mangelernährt, weil sie in infrastrukturmäßig sehr schwachen Gebieten leben, wo es keinen Supermarkt gibt. Gäbe es einen, würde der Pleite machen, weil die Kaufkraft nicht vorhanden ist.

Kulturell unangemessene Industrienahrung

Mangelernährung durch einseitige Ernährung

Mangelernährung durch einseitige Ernährung

Die, die von verstecktem Hunger betroffen sind, haben meist gar nicht die Möglichkeit oder auch gar nicht das Geld, sich industriell verarbeitete Lebensmittel zu kaufen.
Hilfsprogramme arbeiten mit Mikronährstoffpulver, das zu Hause aufs Essen gestreut wird oder Mikronährstofftabletten, die man in Wasser aufgelöst, trinken kann.

Kartons mit angereicherter Erdnussbutter in Klinik in Burkina Faso

Kartons mit angereicherter Erdnussbutter in Klinik in Burkina Faso

Am häufigsten wird Plumpy’nut eingesetzt, eine Art angereichertes Nutella: eine Erdnusspaste mit lebenswichtigen Mineralien und Vitaminen. Das Patent hat eine französische Firma, die zwar in den Entwicklungsländern produziert, aber die Hälfte der Zutaten muss importiert werden. Lokale Feldfrüchte werden nicht mehr angebaut. Neue Abhängigkeiten entstehen. Indien hat Plumpy’nut als "kulturell unangemessen" verboten. Und Danuta Sacher von terre des hommes warnt vor einem undifferenzierten Umgang mit solchen Anreicherungen:

Menschen, die chronisch von Mangelernährung betroffen sind, sind gar nicht in der Lage, bestimmte Mikronährstoffe aufzunehmen und zu verarbeiten. Auch wenn man sie erreicht, die Ärmsten, dann ist es trotzdem nicht die Lösung, weil deren Verdauungssystem und Darmflora so geschädigt ist durch Hunger und Mangelernährung, dass sie das überhaupt gar nicht umsetzen können.

Weniger Kindersterblichkeit durch Nahrungszusätze

Burkina Faso (Afrika): Mutter füttert ihr Kind mit angereicherter Erdnussbutter

Burkina Faso (Afrika): Mutter füttert ihr Kind mit angereicherter Erdnussbutter

Die Idee ist verlockend, die technischen Möglichkeiten sind vorhanden. Das Speiseöl mit Vitamin A, das Menschen in Entwicklungsländern vor Erblindung schützt. Die mit zusätzlichen Vitaminen gezüchtete Süßkartoffel, die Bohne mit der Extraportion Eisen und Zink. Lösungen gegen den versteckten Hunger? Oder nur ein großes Geschäft für die dahinter stehenden Nahrungsmittelkonzerne? Eine Zwickmühle, wie es Wolfgang Jamann von der Welthungerhilfe beschreibt.

Sie haben hier den kommerziellen Aspekt, aber wir haben auch so etwas wie einen menschenrechtlichen Aspekt, 2 Milliarden Menschen, die mangelernährt sind, das ist ein Ausdruck des Versagens der Ernährungssysteme, das ist eine Verletzung des Menschenrechts auf Nahrung, natürlich ist das auch etwas, wo Regierungen in der Verantwortung stehen.

Markstand in Bangladesh

Für viele Menschen unerschwinglich: Obst und Gemüse vom Markt

Ein Drittel weniger Unterernährung, ein Viertel weniger Kindersterblichkeit. Das sind die Abschätzungen, was angereicherte Lebensmittel bewirken könnten.
Die Welthungerhilfe und terre des hommes empfehlen, dass angereicherte Nahrungsmittel in umfassende Programme zur Armutsbekämpfung eingebettet sein sollten, die auf die Landwirtschaft vor Ort schauen, die lokalen Ernährungsgewohnheiten bedenken, die über eine ausgewogene Ernährung informieren, die gesundheitlichen und sozialen Verhältnisse berücksichtigen. Denn ohne diese Einbettung blieben die Anreichungsprogramme nur eine kurzfristige technische Lösung.

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