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Ameisen mit Personalnummer Funk-Chip im Huckepack

Wer Ameisen beobachten will, muss sich etwas ausdenken, um die wuseligen Tierchen auseinanderzuhalten. Jahrzehntelang malten Biologen dafür einzelnen Insekten verschiedene Kombinationen aus bunten Strichen auf den Körper. High-Tech macht jetzt vieles einfacher: Ein britischer Wissenschaftler hat eine ganze Ameisenkolonie mit kleinen Funketiketten, so genannten RFID-Chips, beklebt.

Gebirgswaldameise Formica lugubris mit RFID-Chip

Gebirgswaldameise Formica lugubris mit RFID-Chip (Foto: Sam Ellis)

Sam Ellis arbeitet, wo andere Leute Urlaub machen. Der Biologe stapft einen der sanften Hügel im Peak-District-Nationalpark in Nordengland hinauf. Die Landschaft ist mit dem Grün und Beige der Wiesen überzogen, kleine Flecken Wald lockern das Bild auf. Immer wieder durchbrechen Findlinge die dicke Grasdecke. Und flache Hügel aus Fichtennadeln und Ameisen, mal so groß wie ein Handteller, mal wie ein Wagenrad.

Auch Ameisen bauen Straßen

Ameisennest mit Ameisenstraße

Ameisennest mit Ameisenstraße (Foto: Sam Ellis)

Zu der Ameisenkolonie, die Sam Ellis interessiert, gehören acht Nester, jedes beherbergt gleich mehrere Königinnen und Tausende von Arbeiterinnen der stark beborsteten Gebirgswaldameise Formica lugubris. Zwischen den Nestern haben sich Ameisenstraßen gebildet, braune Streifen, von denen das Gras verschwunden ist. An einer dieser Straßen baut Sam Ellis seine Autobatterie auf und macht es sich so bequem wie möglich.

High-Tech-Ameisen mit Chip

Ameise trägt Chip

Ameise trägt Chip

Kein noch so geduldiger Mensch kann den Überblick über tausende Insekten behalten, darum lässt sich der Biologe von der Technik helfen. Ellis klebt den Tieren graphitgraue Plättchen auf: RFID-Chips, elektronische Etiketten, zwei mal drei Millimeter groß, ausgestattet mit einer Antenne. Ellis nimmt mit sicherem Griff eine Ameise zwischen die Finger.

Zum Aufkleben muss man die Ameise an den Beinen fassen, mit einem Streichholz den Kleber umrühren, einen Tropfen auf den Chip und das Ganze dann oben auf den Ameisenkörper kleben. Das erfordert schon ein wenig Übung.

Geduldige Forscher

Reges Treiben bei den Gebirgswaldameisen

Reges Treiben bei den Gebirgswaldameisen

Die Ameise hat jetzt eine Personalnummer – so wie 7000 ihrer Schwestern. Für den letzten Schwung von 900 hat Ellis sechs Tage gebraucht, und das, obwohl die Tiere dieser Art ziemlich groß sind: Auf bis zu neun Millimeter Körperlänge bringen es die Arbeiterinnen.

Sam Ellis ist der erste, der diese Funk-Etiketten draußen in der Natur einsetzt. Dr. Elva Robinson betreut Ellis’ Arbeit an der Universität im mittelenglischen York. Ihr hat die Technologie im Labor schon zu interessanten Entdeckungen verholfen.

Mit den Funketiketten können wir einzelne Tiere identifizieren und dann mithilfe automatischer Türen steuern, zu welchen Teilen des Nests oder zu welchen Informationen wir ihnen Zugang gewähren. Auf diese Weise testen wir, ob unsere Ideen über das Funktionieren einer Kolonie stimmen.

Verhaltensforschung bei Ameisen

Ameise der Gattung Temnothorax albipennis

Ameise der Gattung Temnothorax albipennis

Robinson hat nachvollziehen können, wie Ameisen der Art Temnothorax albipennis sich für eine neue Nisthöhle entscheiden. Dazu bot die Verhaltensforscherin ihren Ameisen im Labor zwei Nisthöhlen an – eine gute und eine schlechte. Elva Robinson installierte an den Eingängen der Höhlen RFID-Lesegeräte und automatische Türen.

Hatte eine Ameise die schlechtere Höhle betreten, blieb für sie die Tür der guten Höhle verschlossen – und umgekehrt. Keine einzige Ameise kannte beide Höhlen. Aber die Ameisen, die die gute Höhle betreten hatten, rekrutierten eifriger andere Ameisen, so dass sich dort schneller genügend Ameisen aufhielten als im schlechten Nest und die Wahl am Ende auf diese gute Höhle fiel – ein Schneeballsystem. Nicht einzelne Ameisen, sondern die Kolonie als Ganze hatte die beiden Höhlen verglichen. Das Resultat ist dasselbe, die Ameisen haben die richtige Wahl getroffen, aber der Mechanismus dahinter ist sehr einfach.

Warenlogistik bei Insekten

Gebirgswaldameise Formica lugubris bei der Nahrungsbeschaffung

Gebirgswaldameise bei der Nahrungsbeschaffung

Nach solch einfachen Mechanismen sucht auch Sam Ellis. Ihn interessiert, wie die acht Nester der Kolonie Nahrung austauschen. Er sitzt auf seinem Stein neben der Ameisenstraße, und jedes Mal, wenn eine Ameise mit einem RFID-Chip vorbeikommt, hebt er sie hoch, liest ihre Nummer aus und notiert, was sie woher wohin transportiert. Nicht jedes Nest ist mit jedem anderen verbunden. Und nicht von allen Nestern führen Straßen zu Bäumen. Dort oben aber hüten die Ameisen die Blattläuse, bei denen sie sich mit Honigtau versorgen.

Waldameisen fressen fast alles

Waldameisen fressen fast alles

So wie das Nest da drüben. Woher kriegt es seinen Honigtau? Er muss aus einem der anderen Nester kommen. Zwar fressen die Waldameisen alles, was ihnen vor die Mundwerkzeuge kommt – sie sammeln Aas, jagen Käfer oder Regenwürmer. 90 Prozent ihres Speiseplans aber besteht aus Honigtau von den Blattläusen.


Studie läuft weiter

Der einfachste Weg wäre: Jedes Nest hat ein paar Arbeiterinnen, die in Nachbarnestern nach Futter suchen. Und wenn das andere Nest Überschuss hat, gibt es etwas davon ab. Die Nahrung wandert von Nest zu Nest durch die Kolonie. Ob das stimmt? Fragen Sie mich nächstes Jahr, meine Studie läuft noch.

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