Bitte warten...
zwei Exemplare der Kahlrückigen Waldameise begegnen sich

Faszination Ameisenstaat Wie der Mensch seine tierischen "Kollegen" sieht

Der Mensch projiziert seine Utopien, Ängste und Sehnsüchte gerne auf Nichtmenschliches. Sehr beliebt dafür sind beispielweise seine tierischen Kollegen: Affen, Hunde, Katzen, aber auch Insekten wie Ameisen. Der Ameisenstaat als Projektionsfläche des Menschen - wie das funktioniert, was der Ameisenstaat alles für den Menschen sein kann - auch je nach Epoche, das hat der Germanist Niels Werber an der Uni Siegen untersucht.

Herr Werber, für was stand die Ameisengesellschaft in der skurrilsten Konstruktion, die Sie gefunden haben?

Ich glaube, die Ameisengesellschaft steht für alles. Es gibt eine riesige Bandbreite von der Monarchie hin zur wirklich totalitären, faschistischen Gesellschaft, von kommunistischen Systemen bis hin zur demokratischen multitude, zur Ameisenrepublik oder zum Schwarm, können sie mit den Ameisen eigentlich alles projizieren, was sie wollen.

Blattschneiderameisen transportieren Blattstücke einen Ast entlang

Insektenforschung als Kulturgeschichte: Die Ameise ist immer auch Kind ihrer Epoche.

Heißt das, der Mensch hat sich der Ameise bemächtigt und macht aus ihr, was er will?

Nicht ganz, es gibt ja eine Forschung. Also auch schon in der Antike, wo das losgeht mit dem Gleichnis der Ameise. Sie finden das Motiv zum Beispiel in der Bibel oder ganz prominent bei Aristoteles, wo die Ameise als zoon politikon eingeführt wird. Also schon da gibt es Naturkunde und man weiß etwas über die Ameisen. Und dieses Wissen schränkt natürlich kulturell und historisch ein, was sie projizieren können.

Um das zu verdeutlichen: Sie können in der Antike noch keine Schwarmfantasien projizieren, weil es die Schwarmforschung noch nicht gibt. Und heute können Sie bestimmte Dinge auch nicht mehr machen, weil sie z.B. wissen, dass etwa der Ameisenkönig eben kein König ist, sondern ein Weibchen. Die patriarchalische Monarchie konnten Sie also mit dem Ameisenbild darstellen, aber das könnte man heute nicht mehr tun, weil man einfach entomologisch, also insektenkundlich, mehr über die Ameise weiß.

Wie war das im Mittelalter, da gab es ja das Konzept der göttlichen Ordnung, also der in Harmonie geordneten Welt. Spiegelt sich das auch wider?

Das Mittelalter ist sogar besonders interessant, weil da etwas durcheinander kommt. Die göttliche Ordnung, die ordo rerum, wurde ja genutzt, um bestimmte hierarchische Verhältnisse zu stabilisieren. Der König von Gottes Gnaden war der Herrscher einer hierarchischen göttlichen Ordnung, die von oben bis unten nach bestimmten Gesetzen strukturiert war.

Ameisen laufen hintereinander über einen Grashalm

Im Mittelalter galt der Ameisenstaat als Symbol göttlicher Ordnung.

In dieses Bild bringt die Ameise jetzt eine Irritation, weil die Ameise eine Gesellschaft bildet, die keinen König, keinen Führer und keine Hierarchie kennt, aber dennoch geordnet ist. Wenn man die Bibel liest, zum Beispiel bei Salomo und in den Sprüchen, da heißt es nicht nur, „Gehe zur Ameise, Weiser, und sehe, sie trifft Vorsorge…“, sondern es findet sich auch der Hinweis, das macht die Ameise ganz ohne Chef. Man fragt sich damals, wie kann das sein? Es gibt hier eine Gesellschaft, die offensichtlich gut funktioniert – berühmt ist ja die gute Vorsorge der Ameise für's nächste Jahr, sie sorgt für das Wohlergehen ihres ganzen Volkes, kooperiert gut – das gibt es alles, aber ohne König, ohne Fürsten, ohne Hierarchien. Das setzt natürlich im Mittelalter Freiräume und Denkprozesse in Gang: Das Bild der Monarchie gerät unter Druck. Es zeigt sich, dass auch andere Ordnungen gibt, die möglich sind – sogar innerhalb der göttlichen Natur.

Man findet das zum Beispiel ganz prominent bei Lessing: Die Vorstellung einer Ameisenrepublik im Sinne einer Alternative zur Monarchie.

Was haben denn die Faschisten mit dem Motiv der Führerlosigkeit gemacht?

Am Anfang des 20. Jahrhunderts steht wieder eine ganz eigene Entomologie bzw. Insektenkunde, im Hintergrund. Der Wissenschaftler Karl Escherich, um ein Beispiel zu nennen, entdeckt in den Ameisen alles, was man als Freund einer Volksgemeinschaft auch gut finden kann: den bedingungslosen Einsatz für das Ganze, die Unterordnung unter die Parameter der Wohlfahrt und des Erfolgs des Ameisenstaates.

Auf einem Ameisenhügel wimmelt es nur so vor kleinen Bewohnerinnen

Kein Individualismus im Ameisenhaufen.

Und dann kommt noch eins dazu, was sowohl Nazi-Entomologen als auch Nazi-Ideologen sehr interessiert: Die Ameisen haben ein Problem gelöst, an dem die menschlichen Gesellschaften ihrer Ansicht nach leiden, nämlich das Problem der Individualität. Individualität bringt Konflikte in die Gesellschaft, jeder möchte sich unterscheiden, alle wollen was anderes, man will sich nicht gerne unterordnen unter das Gemeinwohl usw. Aber die Ameise hat die Individualität abgelegt und lebt deswegen in einem perfekten Staat. Das wird in einer Rektoratsrede von Karl Escherich an der Münchner Universität als Vorbild einer totalen Ordnung proklamiert.

Wie sieht es heute aus? Stichwort Schwarm-Intelligenz als Trend-Thema. Gilt die Ameise als Schwarm-Intelligenz?

Die Schwarm-Intelligenz-Forschung kommt aus der Insekten-und Ameisen-Forschung. Das beginnt in den 1980er Jahren, da beschäftigen sich Insekten- und Ameisenforscher damit, wie man eine funktionierende Ameisengesellschaft mittels Computern simulieren kann. Und die kommen dann auf die Idee, dass man das mit bestimmten Algorithmen machen kann, die heute als Schwarm-Algorithmen bekannt sind.

Unzählige Ameisen krabbeln auf einem Karton

Basisdemokratische Netzwerkerinnen?


Erste wichtige Texte und Bücher zur swarm intelligence entstehen in den 80er und 90er Jahren. Dann erst wird das Thema auch als gesellschaftliches oder  kulturelles Thema aufgegriffen und man glaubt, dass diese Schwarm-Algorithmen auch für menschliche Gesellschaften interessant sein könnten. Weil sie keine Hierarchien kennen und weil es um pure Basisdemokratie geht.

Ameise sonnt sich auf einer Butterblume

Diese Ameise könnte Anhängerin der "slow living" Bewegung sein.

Gerne wird auch eine Parallele zum menschlichen Gehirn gezogen. Die Neuronen im Gehirn bilden ein antihierarchisches Netz, und genauso können auch einzelne Agenten, wie sie in der Schwarm-Intelligenz-Forschung genannt werden, also Menschen oder Ameisen, ein Netz bilden. Diese Idee des Netzwerks ist auch politisch hochgradig attraktiv.

Herr Werber, mögen Sie eigentlich Ameisen?

Nicht in der Wohnung. Aber im Kölner Zoologischen Garten gibt es eine fantastische Kolonie von Blattschneideameisen. Da kann man schon mal eine halbe Stunde davor stehen und sich darin versenken und der Faszination dieser Tiere vollkommen erliegen. Also insofern mag ich Ameisen.

Weitere Themen in SWR2