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Gegen das Vergessen Welt-Alzheimertag 2013

Mehr als eine Million Menschen in Deutschland sind dement, die meisten von ihnen leiden an Alzheimer. Mit Medikamenten können Ärzte die Krankheit im Moment nur etwas verzögern; aufhalten lässt sich der Gedächtnissschwund derzeit nicht. Wissenschaftler auf der ganzen Welt suchen nach einem Heilmittel, doch der große Durchbruch lässt immer noch auf sich warten. Am 21. September ist Welt-Alzheimertag. Ulrike Till fasst den aktuellen Stand der Forschung zusammen.

Ältere Frau mit Alzheimer

Alzheimer - wenn die Erinnerung verblasst

Im Gehirn von Alzheimerpatienten bilden sich Klumpen von falsch gefalteten Eiweißen – diese Plaques, d.h. Ablagerungen, lassen Nervenzellen absterben; darunter leiden Gedächtnis und Persönlichkeit.

Alzheimer beginnt schleichend

In klinischen Studien konnten verschiedene Wirkstoffe die gefährlichen Ablagerungen beseitigen – doch den Patienten ging es danach nicht besser. Wahrscheinlich sind bisher alle Medikamente viel zu spät getestet worden, vermutet Professor Mathias Jucker vom Tübinger Hertie-Institut für klinische Hirnforschung. Denn die Krankheit beginnt lange, ehe sich die ersten Symptome zeigen:

Alzheimer-Forscher Prof. Mathias Jucker

Alzheimer-Forscher Prof. Mathias Jucker

Und das ist schon ein ganz neues Denken. Stellen Sie sich vor, dass 10 oder 20 Jahre bevor Sie im Gehirn etwas spüren, diese Eiweißproteine schon verdreht sind, abgelagert werden, der Nervenzellverlust anfängt- das ist ganz was anderes.


Nur in seltenen Fällen genetisch bedingt

Deshalb haben vor kurzem die ersten Studien mit Probanden begonnen, bei denen die Krankheit in der Familie liegt – bei etwa einem von hundert Patienten ist die Demenz genetisch bedingt. Testreihen mit den betroffenen Familien sind ein besonders vielversprechender Ansatz, sagt der Münchner Alzheimerexperte Professor Christian Haass:

Bei diesen Patienten kann man schon im jugendlichen Alter einigermaßen vorhersagen, wann die Krankheit ausbrechen wird, das heißt, solche Familienmitglieder kann man durchaus einige Jahre zuvor mit entsprechenden Medikamenten behandeln. Das ist eine schwierige Studie, aber die würde dazu führen, dass man weiß, ob diese Medikamente helfen oder nicht.

Wissenschaftler aus den USA, England, Australien und Deutschland haben sich für diese Studien zum Forschungsverbund DIAN zusammengeschlossen; das Kürzel steht für "Dominantly Inherited Alzheimer Network". Doch selbst wenn die Versuche Erfolg haben, bleibt ein Riesenproblem: damit es rechtzeitig wirkt, müssten Patienten ein Alzheimermedikament schlucken, wenn sie äußerlich noch ganz gesund sind.


Frühe Veränderungen im Nervenwasser

Deshalb ist es so wichtig, über sogenannte Biomarker die ersten Warnzeichen zu erkennen, sagt Mathias Jucker:

Deshalb sagen heute einige, dass die Erforschung der Biomarker genauso wichtig ist oder noch wichtiger sein wird als die Therapie, denn wenn die Therapie kommt, haben Sie das Problem, wie erkennen Sie einen sporadischen Alzheimerpatienten so früh, also in diesem Stadium, in dem die Krankheit eigentlich erst beginnt.

Pflege einer Demenzkranken

Pflege einer Demenzkranken

Vor allem im Nervenwasser, dem Liquor, zeigen sich schon früh typische Veränderungen; außerdem können die Wissenschaftler seit kurzem mit aufwendigen Hirnscans eine beginnende Demenz verlässlich aufspüren:

Eigentlich könnte man heute alle Menschen mit dem Liquor-Verfahren und mit bildgebenden Verfahren untersuchen, da haben Sie politisch und moralisch aber ein Problem: Sie wissen nun, dass einige von den untersuchten Menschen in Zukunft Alzheimer bekommen werden, jetzt aber noch kerngesund sind. Was macht man mit diesen Menschen?

Alzheimer-Anzeichen im Blut?

Diese Frage wird sich noch viel dringlicher stellen, wenn eines Tages der erste Bluttest auf Alzheimer auf den Markt kommt. Ein kleiner Pieks würde dann für eine schnelle, korrekte Diagnose ohne aufwendige Untersuchungen genügen. Der Tübinger Psychiater Professor Christoph Laske ist zuversichtlich, dass das nur noch eine Frage der Zeit ist:

Man kann sicherlich feststellen, dass gerade die Kombination von mehreren Markern im Blut schon jetzt eine gute Aussagekraft für eine eventuelle Alzheimererkrankung liefert, es sind allerdings noch viele Untersuchungen notwendig, man muss die Alzheimererkrankung von anderen Erkrankungen abgrenzen. Aber in Zukunft wird es mittels blutbasierter Biomarker eine sichere Identifikation von Alzheimer geben.

Komplexe Krankheit erfordert komplexe Behandlung

Alzheimer Medikamente

Alzheimer-Medikamente

Die Diagnostik schreitet viel schneller voran als die Therapieforschung – noch immer ist kein Heilmittel gegen Alzheimer in Sicht. Wahrscheinlich lässt sich der Kampf gegen die Krankheit auch gar nicht mit nur einem Medikament gewinnen, vermutet die Tübinger Neurowissenschaftlerin Dr. Yvonne Eisele:

Ich glaube, da die Krankheit so komplex ist, wird auch eine komplexe Kombinationstherapie wichtig und vielversprechend sein. Und es wird in Zukunft nicht nur den einen Wirkstoff geben. Das wird auch davon abhängen, in welchem Stadium sich die Krankheit befindet.

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