Lässt sich Demenz oder Alzheimer in einem frühen Stadium aufhalten oder verhindern? (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Foto: Patrick Pleul/dpa)

Therapien gegen das große Vergessen Was hilft bei Alzheimer?

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SWR2 Wissen. Von Margrit Braszus

Rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland sind an Alzheimer erkrankt. Lässt sich der zerstörerische Prozess im Gehirn mit pharmazeutischen Präparaten stoppen? Oder kann der geistige Verfall aufgehalten werden, wenn man einfach auf eine natürliche Lebensweise mit viel Bewegung, gesunder Ernährung, ausreichend Schlaf und sozialen Kontakten achtet?

Dauer

Der Hippocampus ist der Teil im Gehirn, in dem Informationen zusammenfließen und zu Erinnerungen verarbeitet werden. Die Erinnerungen werden dann an anderen Stellen des Gehirns abgelegt. Werden die Zellen des Hippocampus geschädigt, können neue Ereignisse nicht erinnert werden. Allerdings können Nervenzellen im Hippocampus sich neu bilden, bei einem 90- Jährigen genauso effektiv, wie bei einem 18-Jährigen.

Erste Hinweise, dass die Lebensweise und Umweltfaktoren womöglich eine maßgebliche Rolle bei Alzheimer spielen, zeigte bereits im Jahr 2001 eine amerikanische Studie. Forscher der Universität von Indiana verglichen eine Gruppe von Afroamerikanern und Nigerianern mit gemeinsamen Vorfahren und ähnlichen genetischen Voraussetzungen.

Fast-Food und Bewegungsmangel

Sie konnten nachweisen, dass bei den Afroamerikanern doppelt so viele über 65-Jährige an Alzheimer erkrankten, als bei der nigerianischen Vergleichsgruppe. Bei den Afroamerikanern ließen sich deutlich höhere Cholesterinwerte, Bluthochdruck und Diabetes feststellen. Die Forscher führten das vor allem auf Fast-Food und Bewegungsmangel zurück.

Ein Mann mit Übergewicht sitzt auf einer Parkbank. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Bewegungsmangel und eine ungesunde Ernährungsweise erhöhen das Risiko für viele Zivilisationskrankheiten - auch für Alzheimer. Thinkstock -

Vor allem Bewegungsmangel kann ein Auslöser für das Absterben von Gehirnzellen sein, sagt der Freiburger Arzt und Molekularbiologe Michael Nehls. Sobald der Mensch sich bewegt, stelle sich das Gehirn darauf ein, neue Erfahrungen zu speichern. Dies rege die Neubildung von Nervenzellen im Hippocampus an.

Bei körperlicher Untätigkeit dagegen bleibe das Gehirn im Ruhemodus und bilde keine neuen Nervenzellen. Das könne auch nicht durch geistige Arbeit, Bücher lesen, am PC sitzen ausglichen werden. Entschieden widerspricht der Nehls den Behauptungen einiger Forscher, die Verkümmerung des Hippocampus sei nur durch pharmazeutische Wirkstoffe aufzuhalten.

Ein Fünftel aller Neurowissenschaftler weltweit

Die Alzheimerforschung läuft auf Hochtouren. Ein Fünftel aller Neurowissenschaftler weltweit arbeiten auf diesem Gebiet. Doch nach wie vor ist kein wirksames Mittel gefunden.

Der Leiter des Münchner Zentrums für neurogenerative Erkrankungen und Leibniz-Preisträger Christian Haass glaubte zunächst, dass dieser Vorgang, der zur Bildung zerstörerischer Plaques im Gehirn führt, nur bei Alzheimer-Patienten stattfindet. Doch Haass konnte das bei Alzheimerprozessen beteiligte giftige Eiweiß Beta-Amyloid auch im Blut nicht Erkrankter und bei sich selbst nachweisen.

Röntgenaufnahmen von Gehirnen (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Die Ablagerungen im Gehirn lassen sich durch moderne bildgebende Verfahren gut erkennen. Doch Wissenschaftler suchen nach kostengünstigeren Alternativen, die die Krankheit bereits in einem früherem Stadium erkennen lassen. Thinkstock -

Forschern gelang es, jene Enzyme zu finden, die die Peptid–Schnipsel aus dem Amyloid-Vorläuferprotein herausschneiden. Dadurch konnten Wirkstoffe entwickelt werden, die die Amyloid-Produktion drosseln. Sie sollen vor allem Patienten nützen, die durch ein genetisches Risikogen besonders viel Amyloid produzieren und daher früh an Alzheimer erkranken.

Natürliche Faktoren

Seit kurzem erst wird die Frage erforscht, durch welche natürlichen Faktoren einzelne Menschen oder ganze Populationen vor Alzheimer geschützt sind. Eine groß angelegte Studie in Island im Jahr 2012 gab Aufschluss: Man fand eine Genveränderung, die bewirkt, dass dieses Amyloid verringert wird.

Eine 30- bis 40-prozentige Reduktion reicht schon aus, um diese Menschen komplett vor Demenz zu schützen. Das zeigt aber auch, dass das Amyloid tatsächlich die Krankheit auslöst. Die Natur hat von sich aus den Amyloid-Spiegel im Blut und im Gehirn reduziert. Und diese Menschen sind dann besser geschützt vor Alzheimer.

Man kann Menschen nicht genetisch manipulieren, um damit eine Alzheimer-Erkrankung auszuschließen. Aber Antikörper könnten dabei helfen, die Plaques im Gehirn von Alzheimerpatienten aufzulösen, um damit den Krankheitsverlauf zu stoppen. Solche Antikörper werden meist im Labor hergestellt und wirken wie ein Impfstoff.

Riechtest als Früherkennung

Zwar könnten dabei keine kaputten Nervenzellen wiederhergestellt werden, räumt Haass ein, aber eine Teststudie zeige, dass der Zerfallsprozess für einen gewissen Zeitraum leicht verzögert werden könne. Mit den neuen Antikörpern, so hoffen Forscher, könne der Durchbruch beim Kampf gegen den geistigen Verfall gelungen sein. Insgesamt blieb ein durchschlagender Erfolg der Antikörper jedoch aus.

Die Früherkennung erweist sich als Problem bei der Bekämpfung von Alzheimer. Neueste Forschungen stellen eine Frühdiagnose mittels eines einfachen Geruchstest in Aussicht. Danach ist es möglich, erste Symptome an der Geruchsfähigkeit festzumachen: Erkrankte können im Frühstadium einfache Gerüche nicht mehr gut voneinander unterscheiden.

Sich gut riechen können (Foto: Colourbox, Model Foto: Colourbox.de -)
Sich gut riechen können hat auch gesundheitliche Vorteile. Bei Alzheimer und Co wird auch das Riechvermögen in Mitleidenschaft gezogen. Model Foto: Colourbox.de -

Darmstädter Forschern ist es gelungen, die typischen Eiweißablagerungen bei Alzheimer in einem frühen Stadium der Erkrankung in der Nasenschleimhaut nachzuweisen. Nach zuverlässigen Verfahren, die ein frühes Alzheimerstadium aufdecken, wird weiter geforscht, so Christian Haass.

Alzheimer als Zivilisationskrankheit

Der renommierte Alzheimerforscher Konrad Beyreuther hat jahrzehntelang nach einer medikamentösen Therapie gegen Alzheimer gesucht. Davon ist er abgekommen. Denn inzwischen steht für ihn fest, dass Alzheimer zu den Zivilisationskrankheiten gehört, wie Diabetes, Bluthochdruck und Krebs.

Auch bei diesen Krankheiten spiele die Lebensführung eine wesentliche Rolle und nur zu einem gewissen Prozentsatz die genetische Veranlagung. Beyreuther geht davon aus, dass von den 1,5 Millionen Alzheimerfällen in Deutschland 700 000 auf Risikofaktoren zurückzuführen sind.

Dass tatsächlich die Lebensweise bei der Entstehung von Alzheimer entscheidend ist, konnte der Heidelberger Forscher durch ein Experiment mit Labormäusen nachweisen: Eine Mäusegruppe bekam Laufräder in den Käfig gestellt, jede Woche neues Spielzeug, Baumaterial und abwechslungsreiches gesundes Fressen.

Mäuse mit einem schönen Leben

Die Vergleichsgruppe im normalen langweiligen Laborkäfig hatte nur ein wenig Stroh, Trinkflasche und im Fressnapf das normale Tierfutter. Im Vergleich zeigte sich, dass die Mäuse in dem schönen Ambiente erst sehr viel später erkrankten.

Messbare Verbesserungen bei der Alzheimererkrankung ließen sich beispielsweise bei der Finger-Studie nachweisen, die 2015 in Finnland veröffentlicht wurde. An 1260 Menschen mit Risikofaktoren Diabetes, Bluthochdruck und Übergewicht wurde getestet, ob ein vielseitiges und ganzheitliches Gesundheitsprogramm vor Alzheimer schützen kann.

Die eine Hälfte der Probanden wurde über zwei Jahre lang zu einem gesunden Lebensstil angeleitet, mit mediterraner Ernährung, viel Sport und Gedächtnistraining. Das Ergebnis war signifikant: Besonders in der Gedächtnisleistung schnitten die angeleiteten Probanden nach zwei Jahren um 150 Prozent besser ab als die Kontrollgruppe, die nichts am Lebensstil verbessert hatte.

130 Millionen Alzheimerkranke

Vor einem Jahr prognostizierte die Londoner Organisation "Alzheimer Disease International", dass sich die Zahl der Alzheimer-Kranken bis zum Jahr 2030 weltweit verdoppeln werde auf dann 74 Millionen; im Jahr 2050 könnten es sogar über 130 Millionen sein.

Die steigenden Kosten zur Behandlung der Erkrankten seien eine Herausforderung für Gesundheits- und Sozialsysteme, warnten Experten im jüngsten Welt-Alzheimer Bericht 2015: So koste etwa in Deutschland die Behandlung eines Alzheimer-Patienten zwischen 25.000 und 43.000 Euro pro Jahr.

Doch entgegen der Prognosen zeichnet sich in Deutschland eine andere Entwicklung ab. Eventuell hat das mit dem Risikofaktor Herzkreislauf zu tun, die betroffenen Menschen bewegen sich mittlerweile mehr, achten auf ihr Gewicht und ihr Cholesterin. Die Konsequenz scheint zu sein, dass die Zahl der Neuerkrankungen bei Alzheimer um 20% zurückgegangen ist in den letzten 20 Jahren.

Und das ganz ohne Medikamente, ohne irgendwelche Pillen und ohne teure Therapien. Wichtig und entscheidend ist die Aufklärung darüber wie Alzheimer entsteht, und wie man selbst gegensteuern kann, davon ist Molekularbiologe Michael Nehls überzeugt. Seine Veröffentlichungen provozieren selbstverständlich auch. Pharmaindustrie und einige der Alzheimerforscher stellen sich öffentlich gegen seine Thesen.

Doch von Anfeindungen lässt er sich nicht beirren: Jeder versucht, Geld zu machen. In der Medizin ist das nicht anders wie in jeder anderen Industrie. Und natürlich verdient niemand Geld daran, wenn er jemanden auffordert: Beweg dich mehr, iss weniger Wurst, und sorg dafür, dass du Schlafhygiene hast, mit der du nachts mal acht Stunden wirklich ruhig schläfst. An der Beratung verdient natürlich kein Mensch Geld, aber: an einer Pille verschreiben schon. Wir sind natürlich als Menschen auch ein bisschen auf diese Lüge angewiesen, weil es viel bequemer ist, eine Pille zu schlucken als sein Leben zu verändern.

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