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Kunst aus der Altsteinzeit Die ältesten Kunstwerke der Menschheit

Vögel, "Löwenmenschen", ein Wildpferd, eine Frau: Der urzeitliche Mensch erschuf schon vor 35.000 Jahren Kunstwerke aus Elfenbein und Knochen. Unter dicken Erdschichten in Höhlen der Schwäbischen Alb verborgen, werden sie nach und nach von Forschern entdeckt. Jede der Plastiken ist ein Kunstwerk von wissenschaftlichem Weltrang.

Fest auf allen Vieren steht das Mammut da, mächtig ragt der Rücken des schlanken Tieres empor, der Rüssel ertastet vorsichtig den Boden. Ganze 7,5 Gramm ist die 3,7 Zentimeter lange Tierfigur schwer, die vor 35.000 Jahren ein Künstler in der Vogelherd-Höhle auf der Schwäbischen Alb angefertigt hat. Sie gehört zu den ältesten erhaltenen Kunstwerken der Menschheit.

Europa vor 35.000 Jahren

Eine Neandertalerfamilie und eine Familie des anatomisch modernen Menschen unter einem Felsdach. Rekonstruktionen: Wildlife Art, Breitenau

Alltag vor 30.000 Jahren

Nicht eine Menschenform lebte damals, sondern gleich zwei: Neben unserem Vorfahren Homo sapiens, dem anatomisch modernen Menschen, gab es noch den Neandertaler. Beide waren Jäger und Sammler. Höchstwahrscheinlich begegneten sie einander auch, schließlich lebten sie 10.000 Jahre lang im gleichen Gebiet.

Die älteste Kunst der Menschheit

Flöte aus Mammut-Elfenbein

Flöte aus Mammut-Elfenbein

Archäologen nennen die Zeit von rund 35.000 bis 25.000 v. Chr. das "Aurignacien"; der Name stammt von einem Fundort in den Pyrenäen. Damals wanderte Homo sapiens nach Mitteleuropa, und die erste Kunst entstand: Höhlenmalereien in Frankreich, die Tierplastiken und eine im September 2008 entdeckte "Venus" von der Schwäbischen Alb belegen das.

Ein Pferd, ein Nashorn, Mammuts, einen Wasservogel, Löwen mit Menschengesichtern und jene "Venus" entdeckten Forscher der Universität Tübingen in vier Höhlen der Schwäbischen Alb: dem Vogelherd, dem Hohlenstein-Stadel, dem Geißenklösterle und dem Hohle Fels. Die Höhlen sind in Fachkreisen weltberühmt.

Acht 30-40.000 Jahre alte Knochen- und Elfenbeinflöten von drei Fundplätzen - Vogelherd, Hohle Fels und Geißenklösterle - bezeugen zudem, dass Musik den Menschen der Altsteinzeit wichtig war.

Elegante und treffsichere Darstellungen

Skulptur eines Wildpferds,  gefunden in der Vogelherd-Höhle im Lonetal

Darstellung eines Wildpferds

Wer geglaubt hat, die mehr als 25 Plastiken, die bis heute geborgen wurden, seien stümperhafte Versuche von Anfängern, täuscht sich: Die elegante Silhouette eines Wildpferdes aus dem Vogelherd, der lang gestreckte Hals eines Wasservogels aus dem Hohle Fels oder der tastend zur Seite gewendete Rüssel des Vogelherd-Mammuts gehen dem Betrachter unter die Haut.

Lange müssen die Menschen der Altsteinzeit die Tiere beobachtet, ihre Bewegungen und Eigenheiten in- und auswendig gekannt haben. Und sie waren in der Lage, das treffsicher abzubilden.

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Fragile Kostbarkeiten

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Wasservogel, entdeckt im Hohle Fels bei Schelklingen. Der Hals des Tieres ist gestreckt, die Flügel liegen am Körper an - wahrscheinlich taucht oder fliegt es.

Wasservogel, entdeckt im Hohle Fels bei Schelklingen. Der Hals des Tieres ist gestreckt, die Flügel liegen am Körper an - wahrscheinlich taucht oder fliegt es.

Die älteste vollständige Plastik der Welt: das Mammut aus dem Vogelherd. Nachdem es bei Ausgrabungen im Jahr 1931 übersehen worden war, entdeckten es im Jahr 2006 Prähistoriker der Universität Tübingen, die systematisch den Aushub der alten Grabungen durchsuchen. Die Plastik ist 3,7 Zentimeter lang und wiegt 7,5 Gramm.

Der Löwenmensch aus der Höhle Hohlenstein-Stadel im Lonetal ist aus dem Stoßzahn eines Mammuts gefertigt. Kopf, Rumpf und Arme sind löwenähnlich; die Beine, Füße und die aufrechte Haltung ähneln einem Menschen. Archäologen fanden bei erneuten Ausgrabungen in der Karsthöhle hunderte weiterer Bruchstücke der Figur. Damit kann eine große Lücke an der rechten Körperhälfte und im Nacken ergänzt werden.

Die "Venus" vom Hohle Fels bei Schelklingen ist nach Einschätzung der Archäologen mindestens 35.000 Jahre alt. Die rund sechs Zentimeter hohe Elfenbein-Plastik war wahrscheinlich ein Fruchtbarkeitssymbol.

Aus der Altsteinzeit gibt es einige Darstellungen von Frauenkörpern. Am bekanntesten ist die 25.000 Jahre alte "Venus von Willendorf" (Bildmitte). Die "Venus von Saviagno" (rechts) wurde in der Nähe von Modena gefunden und ist 18.000 bis 25.000 Jahre alt. Die "Venus vom Hohle Fels" ist also deutlich älter als diese beiden Figuren.
Bei vielen der Plastiken sind Brüste, Bauch, Oberschenkel und Gesäß stark betont. Wozu die Figuren dienten, werden wir vermutlich nie genau wissen. Wahrscheinlich waren sie Darstellungen von Göttinnen oder Fruchtbarkeitssymbole.

Aus 31 Bruchstücken zusammengesetzt ist diese Flöte aus Mammut-Elfenbein aus der Geißenklösterle-Höhle bei Blaubeuren. Sie wurde vor 30-37.000 Jahren geschnitzt, und mit ihr konnten verhältnismäßig komplexe Melodien gespielt werden. Archäologen bargen im Geißenklösterle weitere altsteinzeitliche Flöten, die aus Schwanenknochen gefertigt wurden.

Diese fast komplett erhaltene Flöte aus dem Knochen eines Gänsegeiers wurde im September 2008 im Hohle Fels entdeckt. Da bisher an allen der sorgfältig untersuchten Fundorte auf der Schwäbischen Alb Flöten gefunden wurden, schließt der Archäologe Nicholas Conard daraus, dass Musik vor 35.000 Jahren sehr verbreitet war.

Einmaliger Fund: Der steinerne Phallus aus dem Hohle Fels ist 28.000 Jahre alt (also jünger als die Tierplastiken) und knapp 20 cm lang. Über seine Verwendung kann man nur Mutmaßungen anstellen. Vielleicht war er ein Werkzeug, überlegen die Forscher. Darauf weisen jedenfalls Schlagspuren hin, die an dem Objekt gefunden wurden.

Der Tübinger Urgeschichtler Nicholas Conard zeigt im Hohle Fels eine eiszeitliche Waffe (Archivaufnahme aus dem Jahr 2001). Im Bildhintergrund dokumentiert ein Archäologe penibel die Funde. Sie werden in mächtigen Erdschichten entdeckt, die sich in der Höhle im Lauf der Jahrtausende abgelagert haben.

Forscher vieler Fachrichtungen arbeiten bei den Ausgrabungen auf der Schwäbischen Alb mit. Hier zeigt die Archäotechnikerin Maria Malina vor dem Eingang des Hohle Fels den Unterkiefer eines eiszeitlichen Bären und weitere Tierknochen (Archivaufnahme aus dem Jahr 2001).

Eine Venus von der Alb

Die "Venus" vom Hohle Fels"

Die "Venus" vom Hohle Fels"

Die "Venus vom Hohle Fels", die im Jahr 2008 entdeckt wurde, ist eine von ganz wenigen Frauen-Darstellungen des Aurignacien. Die Brüste der sechs Zentimeter großen Elfenbein-Plastik sind groß, Gesäß und Genitalien sind detailliert darstellt. Bewusst hat der Künstler die Geschlechtsmerkmale übertrieben. Wahrscheinlich war die Plastik ein Symbol für Fruchtbarkeit. Mit einem Alter von mindestens 35.000 Jahren ist sie der älteste figürliche Fund aus Schwaben.

Wer hat's erfunden?

Lange glaubte man, der vermeintlich primitive Neandertaler könnte die Kunstwerke der Schwäbischen Alb nicht geschaffen haben. Dass stattdessen unser Vorfahr, der Homo sapiens, der Künstler war, glauben heute zwar immer noch die meisten Forscher. Sicher aber ist niemand mehr. Licht ins Dunkel können in der Zukunft weitere Funde und immer bessere Untersuchungsmethoden der Forscher bringen.

5:38 min

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Stolperstein zum Hören

Hondl, Kathrin

Gerhard Durlacher aus Baden-Baden

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