Bitte warten...

Von Respektpersonen zu Sündenböcken Altersbeben in Afrika

Alte Menschen in Afrika haben es gut. Ihren Lebensabend dürfen sie in der traditionellen Großfamilie verbringen und genießen ein hohes Ansehen. - Dieses Klischee bröckelt. Auch auf dem afrikanischen Kontinent können sich viele Erwachsene nicht mehr um ihre Eltern kümmern oder sie sind an Aids gestorben. Nicht nur die Zahl der Alten steigt, sondern auch die oft damit verbundene Armut. Experten sprechen von einem "Agequake", von einem Altersbeben.

Asha Mnyimadis (80)

Asha Mnyimadis (80) aus dem Dorf Mwendapole ist alleinstehend und völlig mittellos. Zu essen bekommt sie nur, wenn der Nachbar hilft.

In ländlichen Gegenden in Tansania lebt die Mehrheit der alten Menschen in armseligen Hütten, die der Gesundheit nicht eben zuträglich sind. Die Mauern sind aus Lehm, ausgewaschen vom Regen, das Wellblechdach ist löcherig, es regnet rein. An vielen Krankheiten ist diese miserable Wohnsituation schuld.

Die meisten älteren Menschen in Tansania müssen mit weniger als einem Dollar täglich auskommen. Ein gesundes Leben ist so unmöglich. Sie essen vielleicht einmal am Tag. Sehr viele leiden unter Mangelernährung. Mehr als 90 Prozent haben nicht genügend zu essen oder keine ausgewogene Nahrung. Die meisten der Älteren leben bei ihren Enkeln oder bei Freunden, was deren Haushalte stark belastet.



Arbeiten bis zum Schluss

Mohammed Suleiman muss betteln, um einigermassen zu überleben.

Mohammed Suleiman muss betteln, um zu überleben.

In einer Langzeitstudie über die Alterssituation in Tansania wurde festgestellt, dass die Leute vom Staat wenig bis gar nichts erwarten können, eine institutionalisierte Hilfe gibt es fast nicht. Zudem gibt es eine relativ starke Verbindung zwischen Alter und Armut: Älter werden heißt auch ärmer werden.

Eine der Konsequenzen beschreibt der Programmverantwortliche Daniel Smart von HelpAge International Tansania, eines entwicklungspolitischen Hilfswerkes, das sich für die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Rechte alter Menschen einsetzt:

Um zu überleben, müssen alte Menschen häufig bis zum letzten Atemzug arbeiten. Sie haben keine Alternative. Das Leben ist für sie sehr hart.

 

Respekt vor dem Alter

Auf Sansibar, der teilautonomen tansanischen Insel, lebt Ngindo Ame Mosis in einem Altersheim.

Altersbeben in Afrika

Ngindo Ame Mosis aus Sansibar ist 102 Jahre alt.

Sie ist mit ihren hundertundzwei Jahre ein kleines afrikanisches Wunder, in einem Land, wo die durchschnittliche Lebenserwartung für Frauen bei 59 Jahren liegt, jene der Männer bei 57. Sie kann viel darüber erzählen, wie sich in Tansania das Ansehen des Alters verändert hat.

Als ich jung war, begegneten wir alten Menschen ganz, ganz anders als heute, nämlich mit großem Respekt. Damals war es unmöglich, auf der Straße an einem alten Mann oder einer alten Frau vorbei zu gehen, ohne respektvoll zu grüßen. Heute grüßen die Jungen einen nicht mehr und helfen tun sie einem schon gar nicht.

 

Altersheim ist kaum eine Option

Das Altersheimzimmer von Ngindo Ame Mosis ist kahl und schmucklos. Ein Stuhl, ein Beistelltisch, ein Bett und ein Moskitonetz, das ist alles.

Haji Iddi Machano im Altersheim von Sansibar

Haji Iddi Machano im Altersheim von Sansibar

Altersheime sind in Tansania eine noch seltene Einrichtung. Die Alterspolitik sowohl in Tansania als auch auf Sansibar setzt nicht auf Altersheime. Insgesamt leben nur etwa 1200 Menschen in Heimen. Was der Staat propagiert, ist die Pflege innerhalb der Familie und der Verwandtschaft, man setzt auch auf Nachbarschaftshilfe. Heime sind oft katastrophal. So berichteten Heimbewohner in einem Interview, sie seien schon eine ganze Woche im Altersheim und hätten kaum etwas zu essen gekriegt. Sie hatten keine andere Möglichkeit, als betteln zu gehen.

 

Warum Altersarmut immer mehr Kinder auf die Straße zwingt

Mehr als die Hälfte aller Waisenkinder, das sind in Tansania rund eine Million, lebt unter der Obhut älterer Leute. Von Menschen also, die sonst schon kaum Geld haben. Die meisten dieser Waisen haben ihre Eltern durch Aids verloren. Diese Kinder brauchen Schulmaterial, sie brauchen eine Schuluniform. All das kostet Geld, das nicht da ist.

Die gelähmte Masika Juma wird von ihrer Tochter Zubeda gepflegt.

Die gelähmte Masika Juma wird von ihrer Tochter gepflegt.

Wir leben in einer gesamtgesellschaftlichen Krise. Wir können die alte afrikanische Tradition nicht ersetzen, die sich um ihre Großmütter und Großväter kümmerte. Wir leben diesbezüglich in einem Vakuum. Umgekehrt können sich ältere Menschen aus finanziellen Gründen auch kaum mehr um Enkelkinder kümmern. Deshalb sieht man hier nun immer mehr Straßenkinder. Die Situation alter Menschen und der Kinder ist eine soziale Zeitbombe.(Harold Sungusia)

Agequake - Altersbeben

Chausiku Abdallah im Altersheim von Sansibar

Chausiku Abdallah im Altersheim von Sansibar

Es ist eine  Zeitbombe, da die Anzahl der alten Menschen rapide wächst, auch in Afrika. Experten sprechen von einem Agequake, von einem Altersbeben. Ältere Leute sind die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe. Etwa 2050 wird einer von fünf Erdbewohnern über 60 Jahre sein. Und erstmals in der Geschichte wird es dann mehr ältere Menschen geben als Kinder. Dabei nimmt die Zahl der alten Menschen zu, die in Armut leben. Besonders gravierend ist es in Entwicklungsländern wie Tansania, wo die Bevölkerung generell schon arm ist. Dort trifft es die Alten am schwersten.

 

Fehlende Krankenversorgung

Im Gespräch mit alten Menschen in Tansania taucht regelmäßig diese Klage auf: Wer mittellos ist und mit einem gesundheitlichen Problem ein Krankenhaus aufsucht, kehrt oft unverrichteter Dinge nach Hause zurück. Dazu Elisha Sibale von HelpAge:

Elisha Sibale von HelpAge

Elisha Sibale von HelpAge

Der Staat versichert, dass sich alte Menschen – alt ist man in Tansania ab 60 –  in öffentlichen Gesundheitseinrichtungen kostenlos behandeln lassen können. In der Praxis fangen die Schwierigkeiten bereits beim Transport ins Krankenhaus an, weil das Geld dafür fehlt. 80 Prozent der alten Menschen wohnen auf dem Land, oft weit weg von einem Spital. Einmal dort angekommen, verlangt man von ihnen Geld und so kehren viele ohne jegliche Behandlung nach Hause zurück und leiden.

80 Prozent von Tansanias älterer Bevölkerung lebt auf dem Land. Zwar gibt es jetzt in einigen urbanen Zentren eine Art Krankenkasse, in die jedes Mitglied jährlich 5000 tansanische Schilling einbezahlt, umgerechnet etwas über zwei Euro. Dafür kann man im Krankenhaus einmal jährlich einen Checkup bekommen. Therapien sind für dieses Geld nicht drin. 5000 Schilling sind wenig. Doch wer nichts hat, für den ist selbst dieser Betrag zu viel.

 

Fehlendes Rentensystem

Ein wichtiger Beitrag zur Reduktion der Armut im Alter könnte eine Rente sein, darin sind sich viele Experten einig. Daniel Smart von HelpAge International:

Daniel Smart von HelpAge International

Daniel Smart von HelpAge International

Armut ist in der gesamten Bevölkerung ein Problem. Am meisten trifft sie jedoch die älteren Leute, weil es kein soziales Sicherheitsnetz gibt. Nur vier bis fünf Prozent bekommen eine bescheidene Rente, vor allem pensionierte Staatsangestellte und neuerdings auch ehemalige Angestellte großer internationaler Firmen. Die andern 95 Prozent erhalten nichts.

Bereits seit mehr als zehn Jahren diskutiert Tansania das Thema. Das Parlament hat der Schaffung einer Altersrente grundsätzlich zugestimmt. Im Vordergrund steht das Modell einer bedingungslosen Rente für alle Menschen über 60, also einer Rente, die ausgezahlt wird, ohne dass man einen Vorsorgebeitrag leisten muss wie bei uns. Dies wäre auch schwer realisierbar bei einer Bevölkerung, die vor allem in der Landwirtschaft tätig ist. Doch das Vorhaben scheiterte bisher an der Finanzierung.

 

Armut ist weiblich

Einer der Gründe, weshalb es in Tansania noch immer keine Rente gibt, hat mit der geringen gesellschaftlichen Stellung der Frau zu tun. Erstaunlich sei, so Peter van Eeuwijk, Ethnologe an den Universitäten Basel, Zürich und Freiburg, dass es so viele alte Politiker gebe – aber kaum alte Politikerinnen. Es wundere ihn deshalb nicht, dass vor allem eine Politik für Männer gemacht werde – und nicht für Frauen. Und weiter:

Alte Frau in Mwendapole

Alte Frau in Mwendapole

Es ist eine Realität, dass die meisten Männer älter sind bei der Heirat und dementsprechend auch vorher sterben. Wir sprechen von einer Feminisierung des Alters, auch in Tansania. Das heisst zum Teil, dass die Alten in der Gesellschaft weniger stark wahr genommen werden. Die Wahrnehmung, dass es ja nur alles alte Frauen sind, das stärkt das Policymaking (die politische Entscheidungsfindung, Anm. d. Red.) in Tansania überhaupt gar nicht.


Entwicklungsprogramme helfen nicht

Erfahrungen anderswo haben gezeigt, dass es zur Einführung eines Rentensystems auch internationale Anschubhilfe braucht. Doch die wenigsten Entwicklungsprojekte kümmern sich um alte Leute.

Laut Peter van Eeuwijk gibt es zum Beispiel bis heute keine Entwicklungsprojekte im Bereich Altenpflege:

Alte Leute werden in der Entwicklungszusammenarbeit gar nicht anerkannt, sie gelten quasi als ein totes Kapital,  in das zu investieren, das bringt nichts.

 

Alte Frauen als Sündenböcke

Was bei uns nur noch in Märchen auftaucht, ist in Tansania und anderen afrikanischen Ländern noch immer lebensgefährliche Realität. Laut dem neusten Report des Legal and Human Rights Centre wurden in Tansania im Jahr 2012 nicht weniger als 630 ältere Frauen umgebracht, weil sie der Hexerei beschuldigt worden sind. Ein Beispiel aus dem Menschenrechts-Report:

Am 22. Februar 2012 tötete im Dorf Usevya in der Region Katavi ein Mob drei ältere Frauen wegen Hexerei. Der Mob machte sie verantwortlich für das Ausbleiben des Regens. Keiner der Mörder wurde verurteilt.

Eine Umfrage zeigt, dass etwa 90 Prozent der Menschen in Tansania an Hexerei glauben. Und dies erstaunlicherweise unabhängig vom Bildungshintergrund. Jedes Jahr werden um die 4500 Hexen-Fälle öffentlich. Die Dunkelziffer dürfte viel höher sein. –

Simeon Mezaki, Anthropologe und Hexenforscher

Simeon Mezaki, Anthropologe und Hexenforscher

Simeon Mezaki ist emeritierter Professor der Universität Dar es Salaam. Der Anthropologe hat das Hexen-Phänomen erforscht.

Den Leuten wird weiß gemacht, Hexen sähen so und so aus. (...) Es gibt so viele Stereotypen. Zum Beispiel in Sukuma-Land, wo ich meine Forschungen machte. Dort heißt es, Hexen erkenne man an ihren roten Augen.

Dazu der Menschenrechtsanwalt Harold Sanguise:

Die meisten Frauen, die umgebracht werden, sind sehr arm. Weil sie sich zum Kochen weder Gas noch Petroleum leisten können, verwenden sie Feuerholz. Und eben, dann bekommen sie rote Augen. Und alle denken: das ist eine Hexe.

 

Besitz- und wehrlos

Es gibt viele Gründe, eine so genannte Hexe umzubringen. Häufig geht es um Erbschaft in polygamen Ehen. In Tansania sind rund zehn Prozent der Ehen polygam. Der klassische Fall: Der Ehemann ist tot. Die ältere Ehefrau hat eigenen Besitz. Die Söhne der jüngeren Frau versuchen nun, sich dieses Besitzes zu bemächtigen, indem sie der älteren Frau irgendeine abstruse Geschichte anhängen, die sie zur Hexe macht.

Bitrice Beda und Sohn Severign Shabani

Bitrice Beda und Sohn Severign Shabani

Es gibt kein Gesetz, das alten Frauen eigenen Besitz zugesteht. Nach dem Tod des Ehemannes kann eine Witwe nicht einmal gemeinsam erworbene Güter, geschweige denn den Besitz des Mannes erben. In der Regel geht in streng vaterrechtlichen Gesellschaften wie in Tansania das Erbe vom Vater an die Söhne. In der Realität gewähren die Kinder ihrer alten Mutter zwar noch ein Wohnrecht und sie darf auch ein Stück Land bebauen. Wenn aber das Verhältnis zu den Kindern getrübt ist, kann die alte Witwe schnell einmal von Haus, Hof und Feld weggejagt werden.

 

Kaum Aussicht auf Besserung

Hexenglaube und Altersarmut hängen eng zusammen. Denn es sind fast ausschließlich alte, arme Witwen, die Opfer von Hexen-Verfolgungen werden. Ihre desolate ökonomische Lage, eine von Männern beherrschte Gesellschaft und die damit verbundene erbrechtliche Situation machen alte Frauen wehrlos und besonders verwundbar.

So wird es wohl erst viele Protestbewegungen aus der Bevölkerung geben müssen, bis sich die Situation für alte Menschen in Tansania merklich verbessert. Denn einen Weg zurück zur Großfamilie, in der alte Menschen ihren Lebensabend verbringen konnten und dabei ein hohes Ansehen hatten, gibt es nicht mehr.

Weitere Themen in SWR2