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Algen als Superfood und Klimaretter – Irlands Gemüsegärten im Meer

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AUTOR/IN
Max Rauner
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Justina Bretzel / Candy Sauer

Restaurants, Wissenschaft und Startups entdecken Algen als Alleskönner. In Irland werden sie erforscht, geerntet und verarbeitet.

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Grün, glitschig und so gesund! Wunderzutat Alge begeistert die Food-Szene

Während Algen in Asien seit Jahrhunderten auf der Speisekarte stehen, verbindet man sie hierzulande eher mit Badeverboten und dreckigen Stränden. Doch dieses Negativ-Image ändert sich: als gesundes Lebensmittel und Naturapotheke, Basis für Ökostrom und Bioplastik, Zutat für Kosmetik und Tierfutter, als Dünger und CO2-Speicher – und neuerdings sogar als Anti-Pups-Mittel für Kühe, um das Klimagas Methan zu reduzieren.

Algen in Irland: Arme-Leute-Essen ist in der Haute Cuisine angekommen

In Irland ist dieser Hype nichts Neues. Auf der grünen Insel haben Algen bereits eine lange Tradition: Nicht nur die heilende Wirkung der jodreichen Wasserpflanzen ist bekannt, sondern auch ihr einzigartiges Aroma. Galten Algen früher noch als Arme-Leute-Essen, so sind sie inzwischen in der irischen Haute Cuisine angekommen.

So schwärmt der Koch JP McMahon vom harmonischen Geschmack der grünen Meereszutat. Und die scheint wirklich anzukommen: Sein Restaurant Aniar in Galway wurde bereits mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet. Und auch die Ärztin Prannie Rhatigan kocht begeistert mit Algen: Mineralien, Vitamine, Spurenelemente, Proteine, Antioxidantien – Algen seien ein wahres Superfood und dazu praktisch kalorienfrei.

Meeressalat und Algenspaghetti? Klingt im ersten Moment etwas gewöhnungsbedürftig. Probieren lohnt sich aber: Algen sind sehr nährstoffreich und gelten als wahres Superfood. Auch geschmacklich haben sie einiges zu bieten. (Foto: SWR, Max Rauner)
Meeressalat und Algenspaghetti? Klingt im ersten Moment etwas gewöhnungsbedürftig. Probieren lohnt sich aber: Algen sind sehr nährstoffreich und gelten als wahres Superfood. Auch geschmacklich haben sie einiges zu bieten. Max Rauner Bild in Detailansicht öffnen
Prannie Rhatigan, Allgemeinärztin und Algenköchin aus Irland, hat das Standardkochbuch für Algen geschrieben. Hier gibt Prannie Rhatigan einen Workshop an der Technological University of the Shannon in Athlone. Dort zeigt sie angehenden Köchinnen, was man Leckeres aus Algen zaubern kann. Max Rauner Bild in Detailansicht öffnen

Alge ist nicht gleich Alge: nur wenige Sorten eignen sich zum Verzehr

Doch welche Algen sind überhaupt essbar? Weltweit gibt es mehr als 10.000 Arten, von denen etwa 200 als Meeresgemüse verzehrt werden. Davon heißen die wichtigsten Algensorten: Dilsea, Palmaria, Kelp und Nori. Hierbei handelt es sich um große Algen, um sogenannte Makroalgen, häufig auch Seetang oder nur Tang genannt. Die Wissenschaft unterteilt die großen Algen weiterhin in rote, grüne und braune Arten.

Der Essbare Riementang, Alaria Esculenta, gehört zu den Makroalgen. Und eignet sich wunderbar im Salat oder als Suppe. (Foto: SWR, Max Rauner)
Der Essbare Riementang, Alaria Esculenta, gehört zu den Makroalgen. Und eignet sich wunderbar im Salat oder als Suppe. Max Rauner Bild in Detailansicht öffnen
Der Meeresbiologe Stefan Kraan nimmt direkt eine Kostprobe. Aber lieber erstmal waschen, empfiehlt der Experte. Max Rauner Bild in Detailansicht öffnen

Daneben gibt es noch Seegras, das allerdings ungenießbar ist, und Mikroalgen. Die sind so klein, dass man sie nicht sehen kann, während Makroalgen mehrere Meter lang sein können. Die berüchtigte Blaualge, die im Sommer oft Badeseen vergiftet, gehört übrigens nicht zu den Makroalgen. Blaualgen sind Cyanobakterien, die man den Mikroalgen zuordnet.

Das alles weiß der Meeresbiologe Stefan Kraan. Der Niederländer war Präsident der International Seaweed Association und von 2025 an übernimmt er den Vorsitz der International Society for Applied Phycology, angewandte Algenkunde. Heute arbeitet und wirkt er vor allem in der Hafenstadt Galway, wo er das Algen-Forschungszentrum der Universität mit aufgebaut hat. Hier an der Atlantikküste von Irland ist die Algen-Euphorie so greifbar wie an kaum einem anderen Ort.

Algen als Klimarettung? Rotalge im Futter senkt Methanausstoß von Kühen

War die Algenkunde lange eher Nischenwissenschaft, sind spätestens seit 2021 Algen weltweit in aller Munde. Genauer gesagt: eine spezielle Rotalge namens Asparagopsis taxiformis. Im Kuhfutter kann diese den Methanausstoß der Tiere um sagenhafte 98 Prozent senken. So die bemerkenswerten Resultate einer australischen Studie von 2021.

Algen als Anti-Pups- und Anti-Rülps-Mittel – wie geht das? Rotalgen enthalten Bromoform, ein Molekül aus Brom-, Kohlenstoff- und Wasserstoff-Atomen. Es unterbindet die Aktivität eines Methan erzeugenden Enzyms im Kuhmagen. Bahnbrechende Nachrichten, schließlich tragen die Verdauungsgase wiederkäuender Nutztiere erheblich zur Klimaerwärmung bei – laut der Welternährungsorganisation etwa sechs Prozent. Das entspricht ungefähr dem Anteil des weltweiten Flugverkehrs.

Bedeuten Algen den Freifahrtschein für sorglosen Fleisch- und Milchkonsum? Leider nein. Zum einen kommt die rote Wunderalge äußerst begrenzt vor. Asparagopsis taxiformis wächst nur an den Küsten der Südhalbkugel.

Auch bezüglich dieses Problems forscht Irland ganz vorne mit. Das Forschungsteam des Meeresinstituts Bantry Marine Research Station an der irischen Südküste ging auf die Suche nach einheimischen Algenarten mit ähnlichen Eigenschaften und fand: Asparagopsis armata, eine irische Verwandte der australischen Anti-Rülps-Alge.

Klimaretter aus dem Ozean? Dee McElligott und ihre Kolleginnen wollen Asparagopsis armata in Aquakultur anbauen. Diese irische Algenart enthält Bromoform. Ein Wirkstoff, der ein Methan erzeugendes Enzym im Kuhmagen hemmt und so den klimaschädlichen Methanausstoß von Rindern reduziert. (Foto: SWR, Max Rauner)
Klimaretter aus dem Ozean? Dee McElligott und ihre Kolleginnen wollen Asparagopsis armata in Aquakultur anbauen. Diese irische Algenart enthält Bromoform. Ein Wirkstoff, der ein Methan erzeugendes Enzym im Kuhmagen hemmt und so den klimaschädlichen Methanausstoß von Rindern reduziert. Max Rauner Bild in Detailansicht öffnen
Hier sieht man Asparagopsis armata in einem Kühlschrank der Bantry Marine Research Station. Im Behälter rechts befindet sich eine ausgewachsene Alge. Max Rauner Bild in Detailansicht öffnen

Mit dabei waren die Algenforscherinnen Simona Paolacci und Dee McElligott. Trotz des Erfolgs bleiben auch die beiden realistisch: Rinder auf Algendiät gesetzt, alle Probleme gelöst? So verlockend einfach das klingt, die Sache hat einen Haken: Bromoform ist in hoher Konzentration giftig. Und in mit Algen gefütterten Milchkühen wurden Bromoform-Rückstände gefunden. Toxische Milch?! Das klingt alles andere als verlockend.

Außerdem braucht es sehr, sehr viele Rotalgen, um den Methanausstoß aller Kühe weltweit zu senken. Simona Paolacci hat dieses Szenario mal durchgerechnet:

"Wir wissen, dass wir 30 Gramm getrocknete Asparagopsis pro Tag und Kuh benötigen, um die Emissionen um 95 Prozent zu reduzieren, das sind etwa 11 Kilo pro Jahr. Auf dem gesamten Planeten gibt es grob geschätzt 1,5 Milliarden Kühe. Wir brauchen also 15 Millionen Tonnen Asparagopsis pro Jahr."

Künstlich gezüchtete Algen aus Asien dominieren den Welt-Handel

Als Superfood, Dünger, als Mittel gegen den Klimawandel – die Nachfrage nach Algen steigt und steigt. Aber woher sollen die alle herkommen? Gegenwärtig stammen 97 Prozent der Welt-Algenernte aus Aquakulturen, also aus künstlichen Zuchtanlagen. Davon befinden sich fast alle an den Küsten von nur vier Ländern: China, Indonesien, Südkorea und den Philippinen.

In Europa dagegen stammen mehr als 95 Prozent der Algenernte aus natürlichen Vorkommen. Die wichtigsten Produzenten sind Norwegen, Frankreich und Irland. Insbesondere die Buchten von Galway gelten als richtige Hotspots für Algen. Drei bis fünf Jahre brauchen die Algen, bis sie erntereif sind.

Der irische Algenfischer Jimmy Curtain macht sich an die Ernte. Es ist eine mühsame Arbeit. Für eine Tagesausbeute, etwa 2 Tonnen Algen, erhält Curtain zwischen 300 und 400 Euro. (Foto: SWR, Max Rauner)
Der Ire Jimmy Curtain macht sich an die Algenernte. Es ist eine mühsame Arbeit. Für eine Tagesausbeute, etwa 2 Tonnen Algen, erhält Curtain zwischen 300 und 400 Euro. Max Rauner Bild in Detailansicht öffnen
Auch bei Hochwasser kann Jimmy Curtin Algen ernten. Er nutzt dann einen langen Rechen, mit dem er die die großen Tangbündel von den Steinen am Meeresgrund abschneidet und aus dem Wasser zieht. Diese Erntemethode stammt aus Kanada. Max Rauner Bild in Detailansicht öffnen

Abgeerntete Meere: heute Superfood, morgen super selten?

Algen wachsen relativ schnell, dennoch lassen sie sich nicht unerschöpflich ernten. Denn unseren Ozeanen geht es schlecht: Das Wasser ist zunehmend mit Kohlendioxid übersäuert, überall ist Plastik. Korallenriffe sterben ab, die Überfischung bedroht die Artenvielfalt der Meere. Soll es jetzt mit Algen weitergehen?

Nachhaltig Algen ernten, das ist auch das Interesse großer Unternehmen. Um ihr Algen-Geschäft langfristig aufrechtzuerhalten, hat die irische Algenfirma Arramara sogar zwei "Ressource Scientists" eingestellt, Michéal MacMonagail und Toni Kennedy. Allerdings fehlt den beiden Experten eine landesweite Nachhaltigkeitsstrategie:

"Es gibt genug Algen da draußen, um sie nachhaltig zu bewirtschaften und die Bedürfnisse von großen und kleinen Unternehmen zu befriedigen. Aber im Moment wird das nicht gemacht. Niemand in Irland hat einen blassen Schimmer, wie viele Algen Jahr für Jahr genutzt werden können. Niemand weiß, wer wo und wann wie viel ernten wird. Wie soll ein großer Investor planen, wenn er nicht weiß, wie viel Rohstoff er jedes Jahr zur Verfügung hat? Ohne irgendeine Regulierung der Erntemengen kannst Du da gar nicht planen."

Ist die natürliche Algenernte auf lange Sicht überhaupt möglich? Der Algenexperte Stefan Kraan ist diesbezüglich eher pessimistisch. Maximal noch 15 Jahre, so schätzt Kraan, bis die Ernte von wilden Algen verboten wird. Insbesondere mit der Ernte im großen Stil muss aus ökologischen Gründen recht bald Schluss sein. Denn Algenfelder sind ein wichtiger Lebensraum und senken das weltweite Kohlenstoffvorkommen.

Die Alternative ist, dem Vorbild Asiens zu folgen und Algen in Aquakultur anzubauen. Das umzusetzen, versucht Stefan Kraan mit seiner "Seaweed company". Hier wachsen Algen im großen Stil in Meeresbuchten, gezüchtet an langen Leinen. So bleiben die weltweiten Algenbestände gesichert – und das grüne Wunder aus dem Ozean bleibt uns erhalten, als Superfood und Klimaretter.

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