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Alexander Solschenizyn und sein „Archipel Gulag“

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Alexander Solschenizyns "Archipel Gulag" über das sowjetische Lagersystem schockierte Anfang der 70er die Linke in Westeuropa. Sein Plädoyer für Selbstbeschränkung könnte heute neu gelesen werden.

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Konterrevolutionär, Verräter, Antisemit - das waren nur einige der Vorwürfe, denen sich der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn ausgesetzt sah. Der Literaturnobelpreisträger war ein umstrittener Autor und politischer Denker.

Der Roman „Archipel Gulag“ erscheint Ende 1973 in Paris und ist ein internationaler Erfolg. In der Sowjetunion jedoch macht das Buch seinen Autor zur Hassfigur Nummer 1.

Solschenizyn verbringt 8 Jahre im sowjetischen Gefangenenlager

Im Februar 1945 wird Solschenizyn wegen antisowjetischer Propaganda verhaftet und zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Er hatte in Briefen an einen Freund Stalin kritisiert. Aus Alexander Solschenizyn wird Sanja, ein Zakljutschonij, ein Eingesperrter, ein „Zek“, wie sich die Gefangenen selbst nennen. Er wird Teil der Maschine „Gulag“, des sowjetischen Lagersystems.

Die erste Zeit verbringt er im nördlichen Kasachstan: Er verrichtet Sklavenarbeit im Kohlebergbau. Ständiger Hunger und Krankheiten plagen ihn. Immer wieder kommt er in ein anderes Lager. Dann arbeitet der Mathematiker Solschenizyn für vier Jahre in einem Speziallager für Wissenschaftler.

Häftlinge bei der Arbeit, hier im Gulag Perm 36 (Foto: imago images, imago stock&people -)
Häftlinge bei der Arbeit, hier im Gulag Perm 36. Das Straflager wurde 1943 eröffnet und erst 1987 geschlossen. imago stock&people -

Geheimpolizei gegen kritische Schriftsteller

Am 5. März 1953 wird er entlassen. Es ist derselbe Tag, an dem Stalin stirbt. Die Lagererfahrung wird sein literarisches Schaffen prägen, zu seinen berühmtesten Werken zählen: „Der erste Kreis“, „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ und später sein dokumentarisches Monumentalwerk „Der Archipel Gulag“.
1964 wird der KP-Chef Chruschtschow gestürzt. Unter seinem Nachfolger Leonid Breschnew ist Kritik an der Stalinzeit nicht mehr angesagt. Die Geheimpolizei geht aktiv gegen kritische Schriftsteller vor. Auch Solschenizyns historisches Archiv und seine Manuskripte werden wiederholt beschlagnahmt.

1965 legt der KGB eine Akte an und beginnt die Bespitzelung des Dichters. Die meiste Zeit kann der Autor die Agenten vom KGB an der Nase herumführen. Als die Geheimpolizisten ab Mitte der 1960er Jahre von seinem Projekt „Archipel Gulag“ hören, suchen sie fieberhaft nach dem Manuskript.

Verstecke für Texte

Aber ein ausgeklügeltes Netz von Hunderten Helfern hält die Texte sicher versteckt und sorgt dafür, dass sie ins Ausland gelangen. Solschenizyns Motive für „Archipel Gulag“ konnte der Geheimdienst im Oktober 1965 hören. In der verwanzten Wohnung eines Freundes spricht der Autor ganz offen darüber. 1992 gelangten die Akten an die Öffentlichkeit.
„In diesem Buch gibt es weder erfundene Personen noch erfundene Ereignisse. Menschen und Schauplätze tragen ihre eigenen Namen.“
So beginnt „Archipel Gulag“ von Alexander Solschenizyn. Der Roman ist Sachbuch und Literatur zugleich. Radikal, leidenschaftlich und kompromisslos in Ton und Inhalt. Eine Anklageschrift vor dem Tribunal der Geschichte, so werden es später seine Biographen nennen.

Zügellose Ausbeutung des Menschen

Allein der erste Band umfasst 600 Seiten. Darin schildert Solschenizyn die sowjetische Gefängnisindustrie, beschreibt die Organisation der Sklavenarbeit und die Situation der rechtlosen Gefangenen.
In „Archipel Gulag“ zeichnet Solschenizyn den Aufbau des Sozialismus als zügellose Ausbeutung des Menschen, organisiert in einem System von Lagern: den „Gulag“. Ohne die Lager sei die Sowjetunion nicht zu verstehen, meint der Autor.

Aber „Archipel Gulag“ ist nicht nur Solschenizyns persönlicher Erfahrungsbericht. Grundlage des Romans sind Erzählungen, Erinnerungen und Briefe von 227 Personen, deren Namen Solschenizyn nicht nennen durfte.

Geheime Veröffentlichung

Am 23. August 1973 gibt Alexander Solschenizyn westlichen Korrespondenten in Moskau ein längeres Interview. Es ist ein Schicksalstag für Solschenizyn. Die Bibliothekarin Elizaweta Woronjanskaja, eine Freundin, Helferin und Hüterin des Manuskripts von „Archipel Gulag“, war fünf Tage lang von KGB verhört worden.
Sie verrät das Versteck. Zurück in ihrer Wohnung nimmt sie sich das Leben. Solschenizyn muss schnell handeln. Über geheime Kommunikationswege bespricht er sich mit seinem Anwalt und Verlegern in Zürich. Er sorgt dafür, dass „Archipel Gulag“ Ende Dezember 1973 in Paris erscheint.

Das Buch schlägt ein wie eine Bombe. Solschenizyns 1.500 Seiten starke Anklageschrift des sowjetischen Systems wird zum Welterfolg. Der Autor erklärt den Gulag zum Spiegel einer zerrütteten Gesellschaft.

Nach dem Ende der Sowjetunion kann Solschenizyn nach Moskau zurückkehren. Ein paar Jahre wird er in Russland gehört, hat Mitte der 1990er Jahre sogar eine eigene Sendung im Fernsehen. Doch seit seinem Tod im Jahr 2008 ist es ruhig geworden um Solschenizyn, in Russland und im Rest der Welt. Sein literarisches Vermächtnis aber ist in Zeiten von Fake News und neuem Autoritarismus von unverminderter Kraft

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