Bürger protestieren in Tirana gegen den Bau eines Gebäudes im Nationalpark (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)

Hoxha und HipHop Albaniens Weg nach Europa

Albanien mit seinen knapp drei Millionen Einwohnern hat im Rest Europas vor allem ein Image-Problem. Bis in die 1980er-Jahre hinein war das kleine Land unter Diktator Enver Hoxha völlig isoliert, eine Art Nordkorea am Mittelmeer, das dann in den 1990er-Jahren im Chaos versank. Doch das ist lange her, seit 2009 ist das Land NATO-Mitglied, seit Juni 2014 EU-Beitrittskandidat. Die Bevölkerung ist mit einem Durchschnittsalter von 29 Jahren sehr jung und bereit, den langen Weg nach Europa auf sich zu nehmen.

Dauer

25 Jahre - solange ist es her, dass die Albaner nach dem Sturz des kommunistischen Regimes 1990 erstmals frei wählen durften. Kurz vor den Wahlen im März 1991 stießen die Menschen in Tirana auch Enver Hoxha endgültig vom Sockel. Der verhasste Diktator war zwar schon 1985 gestorben, galt aber auch danach offiziell als Nationalheld.

Erst sechs Jahre nach seinem Tod bringt eine wütende Menschenmenge die monumentale Hoxha-Statue auf dem zentralen Skanderbeg-Platz zu Fall. Der Sturz des Denkmals nahm den Menschen die Angst, die Diktatur war endgültig besiegt. Andere Symbole der Macht blieben unangetastet – so wie die Pyramide in Tirana, die eigentlich als Grabmal für Enver Hoxha gedacht war.

Im Januar 1946 hatte Kommunistenführer Enver Hoxha die Volksrepublik Albanien ausgerufen, nachdem das Land sich in einem Partisanenkrieg von italienischen und deutschen Besatzern befreit hatte. Ein Bündnis mit dem sozialistischen Nachbarland Jugoslawien zerbrach schnell, es folgte eine Annäherung an die Sowjetunion, später an Maos China.

Religionsverbot für Albanien

1967 erließ Hoxha ein totales Religionsverbot und erklärte Albanien zum "ersten atheistischen Staat der Welt". Wegen des sowjetischen Einmarschs in Prag 1968 trat das Land aus dem Warschauer Pakt aus, verfolgte aber weiterhin seinen streng stalinistischen Kurs mit Massenverhaftungen Andersdenkender und Arbeitslagern.

Eröffnung der Ausstellung über das kommunistische Regime Enver Hoxhas, welche unter anderem Gegenstände aus den zahlreichen ehemaligen Gefängnissen zeigt (Foto: picture-alliance/dpa -)
Eröffnung der Ausstellung über das kommunistische Regime Enver Hoxhas, welche unter anderem Gegenstände aus den zahlreichen ehemaligen Gefängnissen zeigt picture-alliance/dpa -

Tausende ließ der Diktator exekutieren, weit über 100.000 Menschen verschwanden in albanischen Gulags. In Projekten mit Namen wie "Geboren in den 90ern" oder "Fragen an die Großeltern" setzen sich junge Albaner mit der Geschichte ihrer Heimat im 20. Jahrhundert auseinander. Über steinerne Zeugnisse dieser Ära stolpern sie sowieso auch heute noch im ganzen Land.

Denn in seiner paranoiden Angst vor feindlichen Invasoren überzog Enver Hoxha das gesamte Land mit Bunkern: Die geschätzt 200.000 Betonpilze werden auch spätere Generationen noch an 40 Jahre albanische Diktatur erinnern. Viele von ihnen haben die Albaner inzwischen zu Lagerräumen, Viehställen oder kleinen Restaurants umfunktioniert.

Für alle Fälle Kerzen

Der Wandel zeigt sich besonders im "Blloku", dem Blockviertel, das keine zwei Gehminuten westlich der Hoxha-Pyramide beginnt. Hier logierten vor 1990 nur der Hoxha-Clan und hohe Parteifunktionäre – versorgt mit Strom und Heizung, damals in vielen Teilen des Landes purer Luxus.

Albanische Kommunisten zollen am 11. April 2016 dem Diktator Enver Hoxha an seinem Grab auf einem öffentlichen Friedhof in Tirana ihren Respekt (Foto: picture-alliance/dpa -)
Albanische Kommunisten zollen am 11. April 2016 dem Diktator Enver Hoxha an seinem Grab auf einem öffentlichen Friedhof in Tirana ihren Respekt picture-alliance/dpa -

Ohne Passierschein kam niemand hinein in den Blloku. Heute ist der ehemalige Sperrbezirk das Szeneviertel für junge Hauptstädter. Die mehr als 300 Bars und Restaurants sind auch unter der Woche stets gut besucht, da stört es kaum jemanden, dass noch immer häufig der Strom ausfällt in Tirana. Die Lokalitäten im Blloku sind stets gut ausgerüstet mit Kerzen und Gaslampen.

Die Fährverbindung ins süditalienische Brindisi sollte eigentlich schon im Sommer 2015 in Shengjin ablegen, doch der Start verzögert sich. Dabei ist eigentlich alles vorbereitet: 100 Meter vom Hafenkai entfernt wartet ein schickes neues Fährterminal auf Reisende. Insgesamt 3,6 Millionen Euro sind in den Hafenausbau geflossen, der Großteil des Geldes kommt aus Brüssel, von der EU.

Durchschnittslohn bei 350 Euro pro Monat

Das seien keine Riesensummen, vor allem im europäischen Vergleich, räumt Hafenchef Tusha ein. Doch die EU-Gelder seien eben die Initialzündung gewesen für den Ausbau des Hafens in Shengjin vor zwei Jahren. Ein österreichisch-slowakisches Konsortium will laut Tusha weitere 5,5 Millionen Euro in Anlegestellen für größere Fähren investieren.

Besim Ndregjoni, ein ehemaliger politischer Häftling, in einem alten Bunker in Tirana am 16. Februar 2016 (Foto: picture-alliance/dpa -)
Besim Ndregjoni, ein ehemaliger politischer Häftling, in einem alten Bunker in Tirana am 16. Februar 2016 picture-alliance/dpa -

Der Hafen von Shengjin ist ein gutes Beispiel dafür, wie es um Albanien steht – zwei Jahre nachdem das Land von der EU den Status "Beitrittskandidat" erhalten hat. Die Bevölkerung ist jung – Durchschnittsalter 29 – Albanien ist dynamisch und will vor allem eins: näher an Europa heran, näher an die EU, auch wenn der Weg dahin noch weit ist.

Das Land ist heute politisch stabil, eins der Hauptprobleme ist die Arbeitslosigkeit. Die liegt offiziell bei 18 Prozent, real allerdings weitaus höher: Schätzungen schwanken zwischen 30 und 40 Prozent. Selbst wer Arbeit hat, verdient oft wenig. Der Durchschnittslohn liegt bei rund 350 Euro monatlich. Das liegt auch daran, dass fast die Hälfte der Menschen nach wie vor in der Landwirtschaft arbeitet.

Korruption in der Justiz

Das Land werde in Brüssel vor allem daran gemessen, ob das Parlament in naher Zukunft eine umfassende Justizreform beschließe, betont Romana Vlahutin, die EU-Botschafterin in Albanien. Immerhin ein Drittel der albanischen Verfassung sollen auf diesem Wege geändert werden: Denn alle Richter in den 1990er Jahren stammten noch aus der kommunistischen Ära.

Mitarbeiter der Ölfirma ARMO demonstrieren am 1. Mai 2016, dem internationalen Tag der Arbeit, gegen die Korruption ihres Arbeitgebers (Foto: picture-alliance/dpa -)
Mitarbeiter der Ölfirma ARMO demonstrieren am 1. Mai 2016, dem internationalen Tag der Arbeit, gegen die Korruption ihres Arbeitgebers picture-alliance/dpa -

Man hat dann angefangen Jura-Absolventen in einem sechsmonatigen Crash-Kurs zu Richtern auszubilden. All das hat dazu geführt, dass Korruption bis heute ein riesiges Problem in der Justiz ist.

Mit der Justizreform sollen alle Richter künftig ein Prüfverfahren durchlaufen, um Verbindungen zur organisierten Kriminalität aufzudecken und die Einkünfte dieser Leute zu durchleuchten. Es ist kein Geheimnis, dass einige Richter hierzulande zu den reichsten Personen gehören – und das bei einem Gehalt von 800 Euro monatlich.

Schlechtes Image hält sich

Fast 60 Prozent der knapp drei Millionen Einwohner sind muslimisch, nur 17 Prozent katholische oder orthodoxe Christen. Probleme zwischen den Religionsgemeinschaften wie in anderen Balkanregionen gebe es aber nicht, betont Premier Edi Rama. Er selbst ist katholisch, seine Frau muslimisch.

Ein Plakat zum Anlass des internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie am 14. Mai 2014 in Tirana (Foto: picture-alliance/dpa -)
Ein Plakat zum Anlass des internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie am 14. Mai 2014 in Tirana picture-alliance/dpa -

Ein freundliches Land – das widerspricht dem Bild, das sich viele Menschen im Rest Europas von Albanien machen. Sie verbinden es eher mit Drogenhandel, Korruption, organisiertem Verbrechen – dieses schlechte Image hält sich hartnäckig.

Aktuelle Berichte über Albanien finden sich in deutschsprachigen Medien kaum. Einer der wenigen Aspekte, die hierzulande Beachtung finden, sind die sogenannten "Wirtschaftsflüchtlinge" aus Albanien. Menschen, die in Westeuropa eine Zukunft suchen für sich und ihre Kinder.

Mittlerweile Einstufung als sicheres Herkunftsland

Doch spätestens seitdem Deutschland Albanien im Oktober 2015 als "sicheres Herkunftsland" eingestuft hat, gehen die Asylanträge von Albanern hierzulande drastisch zurück: von insgesamt 54.000 im Jahr 2015 auf nur noch 3500 im ersten Quartal 2016. Dabei sind unter den ausreisewilligen Albanern inzwischen auch viele gut Ausgebildete, die sich systematisch vorbereiten auf das Leben und die Arbeit im europäischen Ausland.

Tausende Albanier heißen ihre Fußballmannschaft im Oktober 2015 willkommen, nachdem ihr der erstmalige Eintritt in die EM gelang (Foto: picture-alliance/dpa -)
Tausende Albanier heißen ihre Fußballmannschaft im Oktober 2015 willkommen, nachdem ihr der erstmalige Eintritt in die EM gelang picture-alliance/dpa -

Die Zahl der albanischen Rückkehrer aus Italien wächst jedes Jahr, über 40.000 waren es in den Jahren 2013 und 2014. Im Schlepptau bringen sie auch Italiener mit: 20.000 von ihnen leben inzwischen in Albanien, 500 italienische Firmen haben ihren Sitz auf die gegenüberliegende Seite der Adria verlegt: Niedrige Lohnkosten und Steuersätze sind schlagende Argumente für die Unternehmen.

Die Straße nach Tirana ist gut ausgebaut: Aus dem Auto sieht man aber immer noch verlassene Fabriken und Häuserruinen, überholt Esel, die klapprige Gespanne ziehen. Ein Radiosender spielt die neue albanische Fußballhymne. Sie wurde speziell für die Europameisterschaft in Frankreich komponiert – es ist das erste Mal überhaupt, dass die albanische Nationalmannschaft an einer Fußball-EM teilnimmt: ein großer Auftritt auf europäischer Bühne, ein Auftritt zur rechten Zeit für das kleine Albanien.

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