Welt-Aids-Tag Heilmittel gesucht

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Neue Therapiemöglichkeiten

Am 1. Dezember ist Welt-Aids-Tag. Optimisten glauben, dass wir den gar nicht mehr lange brauchen. Denn schon 2030 wollen die Vereinten Nationen Aids besiegt haben. SWR 2 Impuls spricht mit der SWR- Wissenschaftsredakteurin Ulrike Till.

Stehen wir tatsächlich kurz davor, Aids in den Griff zu bekommen?

Nein, ich fürchte, da verbreiten manche Fachleute Zweckoptimismus. Es gibt zwar durchaus sehr positive Entwicklungen: zum Beispiel ist seit der Jahrtausendwende die Zahl der Neuansteckungen mit HIV weltweit um mehr als ein Drittel gesunken. Und es sind viel mehr Infizierte in Behandlung als früher, insgesamt 18 Millionen Aidspatienten haben Zugang zu Medikamenten.

Thailändische Kinder mit ihren Aidsmedikamenten (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Rungroj Yongrit)
Thailändische Kinder mit ihren Aidsmedikamenten picture-alliance / dpa - Rungroj Yongrit

Aber leider gibt es auch eine Kehrseite der Medaille: Insgesamt sind nämlich immer noch mehr als die Hälfte der Kranken ohne Therapie. Und während zum Beispiel in Südafrika und Thailand Anti-Aids-Programme sehr erfolgreich waren, ist Aids vor allem in Osteuropa rasant auf dem Vormarsch. In Russland explodieren die Zahlen. Weil Homosexuelle hier systematisch stigmatisiert werden, lassen sich viele gar nicht erst testen. Außerdem wettert die orthodoxe Kirche gegen Kondome – genauso wie islamische Mullahs. Der konservative Islam verhindert derzeit in vielen arabischen Ländern, aber auch in Malaysia, eine wirksame Aidsprävention, es gibt immer mehr Infizierte.

Bei der Suche nach einem Heilmittel gegen Aids haben sich ja schon viele Hoffnungen zerschlagen – gibt es da endlich Fortschritte?

Ja, da sind viele Wissenschaftler im Moment so zuversichtlich wie lange nicht mehr. Mit einem schnellen Durchbruch ist trotzdem nicht zu rechnen, aber es gibt mittlerweile mehrere ganz viel versprechende Entwicklungen. Ein Thema sind dabei Antikörper. Es hat ja immer wieder Patienten gegeben, die ihre Ärzte mit einer ganz starken körpereigenen Abwehr gegen Aids verblüfft haben. Von solchen Kranken hat man im Laufe der Zeit Antikörper isoliert und gesammelt – amerikanische Forscher haben gerade Patienten in einer kleinen Pilotstudie mit so einem Super-Antikörper behandelt; immerhin bei jedem Dritten wurde das HI-Virus teils über Monate erfolgreich bekämpft. Die Hoffnung ist jetzt, dass es mit einer Kombination mehrerer Antikörper deutlich besser klappen könnte.

Wie weit ist die Forschung inzwischen bei der Entwicklung eines Impfstoffs, ist da ein Durchbruch in Sicht?

Der Welt-Aids-Tag und der Bundesgesundheitsminsiter (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Lukas Schulze)
Seit 1988 ist der 1.12. Welt-Aids-Tag picture-alliance / dpa - Lukas Schulze

Eine klassische Impfung wie gegen Masern ist nach wie vor nicht in Sicht – da hat man ja einen lebenslangen Schutz durch eine sogenannte aktive Immunisierung; das heißt, man prägt durch die Impfung das Immunsystem so, dass es beim ersten Kontakt mit dem Masernvirus den Eindringling selbst bekämpft. Beim HI-Virus hat das bisher nicht oder nur sehr mangelhaft geklappt, aber eine passive Immunisierung scheint auch gegen den Aidserreger möglich. Der Unterschied liegt darin, dass der Körper das Virus nicht selbst bekämpft, den Job übernehmen – wie bei einem möglichen Heilmittel – maßgeschneiderte Antikörper. Das hat in aktuellen Versuchen mit Affen schon ganz gut geklappt; der beste Antikörper hat die Tiere ein halbes Jahr lang geschützt. Allerdings bauen sich die Antikörper mit der Zeit im Körper ab, so eine passive Immunisierung muss man alle paar Monate auffrischen.

Impfung wird vorbereitet (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Ralf Hirschberger)
Könnte es bald einen Impfstoff geben? picture-alliance / dpa - Ralf Hirschberger

Was ist mit einer Gentherapie gegen Aids – ist das immer noch reine Utopie oder inzwischen doch realistisch?

Das rückt jetzt tatsächlich in den Bereich des Möglichen: erst im Februar haben Forscher aus Hamburg und Dresden weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Sie haben mit einer Art molekularer Schere den Bauplan des Aidserregers aus infizierten Zellen einfach herausgeschnitten. Bei genetisch veränderten Mäusen hat das bestens funktioniert; nach zwei Wochen waren fast alle HI-Viren beseitigt. Und zwar nicht mit der derzeit heißt diskutierten Crispr Cas Technik, sondern auf die altmodische Art, über die jahrelange Entwicklung eines bestimmten Enzyms.

Die Genschere

Das schneidet nach Auskunft der Forscher noch exakter als Crispr es in dem Fall könnte, und greift bei mehr als 90 Prozent der bekannten HI-Erreger. Das klingt natürlich spektakulär, aber ob das Verfahren auch beim Menschen so reibungslos funktioniert, kann im Moment niemand sagen. Im Tierversuch gab es keine Komplikationen – dennoch sind die ersten Tests bei Menschen riskant. Es ist möglich, dass die Genschere doch nicht so zielgerichtet arbeitet wie erwartet, dann sind gravierende Nebenwirkungen möglich; auch das Tumorrisiko könnte steigen. Außerdem ist die Methode schon rein technisch extrem aufwendig und damit auch sehr teuer. Die Wissenschaftler haben einen Versuchsplan für zehn Patienten in der Schublade – die Studie kostet aber 15 Millionen Euro, bisher hat sich noch keiner gefunden, der das finanziert.

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