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Überleben oder Wahrheit? Wirtschaftliche Zwänge afrikanischer Medien

Die Medienlandschaft Afrikas ist in den letzten zwanzig Jahren viel bunter und mutiger geworden. Vor allem das Radio ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Radiosender sind in Afrika mit der Welle der Demokratisierung der 90er Jahre in enormer Vielfalt entstanden. Doch die Journalisten erhalten keinen Lohn. Viele Sender verkaufen darum ihre Sendezeit - ein journalistischer Krimi über die Realität der afrikanischen Presselandschaft.

Ein Mädchen rennt an einer Plakatwand mit kenianischen Wahlplakaten vorbei

Plakatwand mit kenianischen Wahlplakaten

Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts stürzten auf dem ganzen afrikanischen Kontinent die Ein-Parteien-Systeme, Politik und öffentliches Leben vieler Länder wurden demokratisiert. An die Seite staatlicher Medien traten unzählige private Konkurrenten. Doch die Kehrseite sind wirtschaftliche Zwänge, die afrikanischen Medien mehr und mehr bedrängen. Die Pressefreiheit gerät in Gefahr. Denn wenn Sender und Verlage kaum noch eigene Mittel haben, suchen sie nach anderen Geldquellen und verlieren dadurch leicht ihre Unabhängigkeit.

Tor zur Außenwelt

Morgens im Dorf Busurungi, im Osten des Kongo, anderthalb Tagesmärsche zu Fuß von der nächsten Siedlung entfernt. In einigen der Lehmhütten laufen Transistorradios – sie empfangen alle nur einen einzigen Sender, und auch den nur verrauscht. Doch statt genervt auszuschalten, hören die Menschen konzentriert zu – Radionachrichten sind für die Bewohner von Busurungi der einzige Kontakt zur Außenwelt. Das gilt für die Menschen in vielen ländlichen Regionen Afrikas.

Radios der Freiheit

In aller Regel sind das „radios communautaires“ wie „Radio Tayna“. Bürgersender sind in Afrika mit der Welle der Demokratisierung Anfang der 90er Jahre in enormer Vielfalt entstanden. Dahinter standen Institutionen wie Universitäten z.B., oft aber auch die Bevölkerung selbst. Finanzielle Probleme waren den neuen Stationen gleichsam in die Wiege gelegt.

Mama FM

Stimme der Stimmlosen - Mama FM

Und das gilt auch für „Radio Tayna“: Die Redaktion arbeitet in einem baufälligen Haus aus Betonsteinen in einer Seitenstraße von Goma, die mit Lava-Grus gedeckt ist. Die Räume des Senders liegen im ersten Stock, in den eine steile Treppe hinaufführt. Alles wirkt grau und trostlos. Und obwohl hier Studenten der Kommunikationswissenschaft praktische Erfahrungen machen sollen, gibt es noch nicht einmal Internetzugang. Seit rund zwei Jahren schon versuchen die Mitarbeiter von Radio Tayna sich ohne Gehalt durchzuschlagen. Denn zur globalen Wirtschaftskrise kommt im Kongo noch der Krieg.

Zeitungen sind für die meisten Afrikaner viel zu teuer. Außerdem ist die Rate der Analphabeten in allen Regionen des Kontinents sehr hoch, und wegen der schlechten Straßen gelangen Zeitungen kaum über die Hauptstädte hinaus. Fernsehgeräte kann sich höchstens die kleine, städtische Elite leisten. Bleiben Radiogeräte, für die man noch nicht einmal ein Stromnetz braucht – sie funktionieren mit Batterien.

Pressefreiheit ist teuer

Die journalistische Berufsethik verlangt auch hier im Kongo ganz klar, dass ein Journalist kein Geld von seinen Gesprächspartnern oder Informanden annehmen darf. Weder für Fahrtkosten, noch für etwas anderes. Tatsächlich erleben die afrikanischen Journalisten aber genau das Gegenteil. Und sie haben fast keine Möglichkeit, da gegenzusteuern.

Die meisten Afrikaner können sich keine Zeitung leisten

Die meisten Afrikaner können sich keine Zeitung leisten oder nicht lesen

Was Reisekosten angeht, ist die Situation in Deutschland zwar viel weniger dramatisch – aber die Tendenz ist ähnlich. Viele Redaktionen haben keinen Reisekosten-Etat mehr. Auslandsberichte werden zwar gerne veröffentlicht, die häufig hohen Reisekosten aber nur noch von wenigen bezahlt. Meist gibt es nur einen Zuschuss. Autoren bleiben zwei Möglichkeiten: sie bezahlen die Spesen von ihrem Honorar, das davon oft aufgefressen wird – oder sie lassen sich einladen. Von Humanitären Organisationen zum Beispiel. Manchmal auch von Unternehmen.

Clarence Yongo, 33 Jahre alt, ist Redakteurin der privaten Radiostation „Sweet FM“ in Douala, einer Stadt im Westen Kameruns. Die Mutter dreier Kinder verantwortet eine Sendung über soziale Themen. Ihr Sender hat ein eigenes Studio, einen funktionierenden Generator und verfügt sogar den ganzen Tag lang über freien WLAN Zugang. Was fehlt jedoch hier genauso fehlt, ist die regelmäßige Bezahlung der Mitarbeiter. Immer wieder bleiben Gehälter aus, manche bekommen gar kein Geld.

Weiße und braune Briefumschläge

Vielen Journalisten fehlt es am Nötigsten – es sei denn, sie haben mehr als einen Job. Clarence Yongo arbeitet nebenbei als PR-Beraterin, oder macht Pressearbeit für unterschiedliche Auftraggeber. Die Kombination von Public Relations und journalistischer Arbeit ist problematisch, weil sie die Neutralität unterwandern kann. Noch sind "weiße und braune Umschläge" in deutschen Medien unbekannt. In afrikanischen Ländern dagegen sind sie jedem ein Begriff: Sie enthalten das Geld, das Journalisten für ihre Berichterstattung zugesteckt wird.

Im Studio

Im Studio, wenn es Strom gibt

Umfragen haben gezeigt, dass Informationen immer mehr zur Ware verkommen. Das heißt, dass sich Journalisten wegen ihrer prekären finanziellen Lage immer häufiger prostituieren müssen. Sie lassen sich von denen bezahlen, über die sie schreiben. Vor allem große Unternehmen steuern so die Berichte, die über sie erscheinen. Sie lassen selbst Nachrichten über sich formulieren, rufen einen Chefredakteur an und sagen: „Hier ist die Meldung, und hier sind 75 Euro für Sie.“

Kenia, das Land im Osten Afrikas ist politisch ebenfalls recht stabil, auch wenn es bei Präsidentschaftswahlen 2008 schwere Ausschreitungen mit über 1.000 Toten gab. Die Berichterstattung der Medien galt damals als einer der Auslöser für die Gewalt. Wegen der Unruhen von 2008 müssen sich ab diesem Sommer drei Kenianer vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verantworten. Sie sollen die Gewalt geschürt haben: der Radiojournalist Joshua Arap Sang, der im März 2013 gewählte Präsident Uhuru Kenyatta und sein Vize-Präsident William Ruto.

Ich kauf mir eine Radiosendung

Problematisch findet Kevin Osido von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Nairobi beispielsweise eine Einnahmequelle von Fernseh- und Radiosendern, die in allen afrikanischen Ländern verbreitet ist: Den Verkauf von Sendezeit. Das gibt es auch in Deutschland, aber hierzulande müssen werbende Beiträge auch als Werbung kenntlich gemacht sein. In den meisten afrikanischen Ländern dagegen laufen werbende Programme und Beiträge, die nicht von den Redaktionen verantwortet – und nicht kenntlich gemacht werden.

presse

Journalistische Ethik?

Medienunternehmen geht es um Gewinn. Zuschauer oder Hörer können häufig kaum auseinander halten, was Werbung ist, und was ein aufklärender Beitrag. Nehmen wir die letzten Wahlen, die im März in Kenia stattfanden. Für deren Organisation war die kenianische Wahlkommission zuständig, die im Vorfeld viel Geld in Fernseh- und Hörfunkbeiträge investierte. Darin erklärte sie den Menschen das Wahlverfahren, damit sie auch wirklich das ankreuzen, was sie ankreuzen wollen. Solche offiziellen Beiträge mischten sich nun mit Kampagnen einzelner Politiker, die den Sendern fertige Sendungen lieferten und für die Ausstrahlung zahlten.

Die Palette an Zulieferern vorgefertigter Beiträge ist in allen afrikanischen Ländern enorm breit: Es können traditionelle Heiler sein oder christlich-evangelistische Kirchen mit sektenartigen Strukturen. Auch muslimische Gruppen wissen die Medien zu nutzen, und manche davon sind ideologisch sehr nah an islamistischen Terrororganisationen wie z.B. der somalischen Shabaab-Miliz.

Wunschkonzert auf dem Programm

Die Situation wird durch ein weiteres Phänomen verkompliziert, das in Kenia besonders ausgeprägt ist: Ein großer Teil der Medienunternehmen gehört Politkern. Nehmen wir die Gruppe MediaMax mit dem Fernsehsender K24 und der Zeitung "The People". Sie gehört der Familie von Präsident Uhuru Kenyatta und deren Geschäftspartnern, was sich in der Berichterstattung deutlich niederschlägt.

In Afrika werden Großteile der Sendezeiten verkauft

In Afrika werden Großteile der Sendezeiten verkauft

Kenyatta Senior mit dem Vornamen Jomo war der erste kenianische Präsident nach der Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahr 1963. Der alte Kenyatta nutzte seine politische Macht, um den Reichtum seines Clans zu begründen, vor allem durch die Aneignung von Ländereien. Sein Sohn Uhuru ist deshalb der wohl reichste Mann Kenias. Dass er im März 2013 auch der politisch mächtigste Mann wurde, hängt mit seinen schier unbegrenzten finanziellen Mitteln und seinem medialen Einfluss zusammen.

Wenn die Wirtschaftskraft eines Landes gering ist und wenig für Werbung ausgegeben wird, leben Radio- und Fernsehsender von der Hand in den Mund. Sie sind auf jeden Schilling angewiesen, egal woher er kommt. Einer der größten Sender Nairobis strahlt am Tag nur eine halbe Stunde eigenes Programm aus. Er lebt davon, dass er Sendezeit an kirchliche Gruppen verkauft. Die Kunden sind Pastoren in den USA oder Korea, und sie übertragen ihre Programme via Satellit nach Kenia. Manchmal schicken sie noch nicht mal eine Videokassette, so dass die Verantwortlichen des kenianischen Senders im Vorfeld gar nicht prüfen können, was sie ausstrahlen werden.

Wahrheit oder Überleben

Selbst im vergleichsweise reichen Kenia unterscheidet sich die Situation nicht grundsätzlich vom Kongo. Und so gilt das Fazit des 36-jährigen Radiomachers Jacques Kakule aus dem Kongo über die Grenzen seines Landes und des Kontinents hinaus – es gilt – zumindest in Teilen bereits auch für Europa und andere westliche Regionen. Und es ist so richtig wie ernüchternd: Die journalistische Unabhängigkeit ist gefährdet, weil sie sich aus wirtschaftlicher Unabhängigkeit ergibt.

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