Archäologie

Älteste Höhlenmalerei der Welt in Indonesien entdeckt

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Lebensgroße Warzenschweine: In einer Höhle auf der indonesischen Insel Sulawesi haben Forscher*innen die derzeit älteste Höhlenmalerei der Welt entdeckt. Analysen zeigen, dass die Malerei mindestens 45.500 Jahre alt ist.

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Sulawesi: lebensgroßes Warzenschwein auf Höhlenwand gemalt

Das Warzenschwein an der Höhlenwand ist lebensgroß, mit dunkelroten Ockerpigmenten gemalt. Es hat hornartige Gesichtswarzen, wie sie für diese Warzenschweinart auf Sulawesi typisch sind. Am Hinterteil sind zwei Handabdrücke zu sehen. Das Warzenschwein ist nicht allein, ihm gegenüber stehen noch zwei Artgenossen, die aber nur teilweise erhalten sind.

Bereits vor vier Jahren entdeckt: Alter wurde jetzt bestimmt

Die Malerei auf Sulawesi wurde jetzt auf ein Alter von mindestens 45.500 Jahren datiert. Sie ist damit die älteste bekannte Höhlenmalerei der Welt, 5.000 Jahre älter als die älteste europäischen Felsmalereien in Spanien. Darüber berichten Forscher um den australischen Archäologen Adam Brumm in der Zeitschrift Science Advances.

Forscher vor der ältesten Höhlenmalerei der Welt: das Warzenschwein von Sulawesi  Indonesien (Foto: Science Advances / AA Oktaviana)
Forscher vor der ältesten Höhlenmalerei der Welt: das Warzenschwein von Sulawesi / Indonesien Science Advances / AA Oktaviana

Mischwesen aus Mensch und Tier

Die Höhlenmalereien auf Sulawesi wurden vor vier Jahren entdeckt. Und auch wenn das Warzenschwein jetzt den Altersrekord noch einmal gebrochen hat, ist seit über einem Jahr klar, dass die indonesischen Malereien in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes sind. In einer benachbarten Höhle fanden dieselben australischen Forscher schon die älteste bekannte Jagdszene. Die ist zwar 2.000 Jahre jünger, aber in anderer Hinsicht bemerkenswert, denn die Malerei besteht aus verschiedenen Tieren – Rindern, Schweinen, aber auch Menschen. Die Forscher sehen in ihr regelrecht eine Bildgeschichte. Und die abgebildeten Menschen zeigen auch Merkmale von Tieren, haben zum Beispiel einen Schwanz.

Parallelen zur europäischen Eiszeitkunst

Solche Mischwesen finden sich auch in der europäischen Eiszeitkunst, etwa bei der Skulptur des Löwenmenschen von Hohlenstein-Stadel, einer Höhle der Schwäbischen Alb. Oder bei der Abbildung eines Vogelmenschen in der französischen Höhle Lascaux.

Es gibt also erstaunliche Parallelen zwischen der europäischen und der indonesischen Eiszeitkunst. Die Verwendung von Ocker, die Handabdrücke in den Bildszenen, und eben: die Mischwesen aus Mensch und Tier. Viele deuten sie als einen Hinweis auf religiöses Denken, aber das ist umstritten. Die Menschen verfügten zumindest über die Fähigkeit zur Fantasie, sie konnten sich Objekte vorstellen, die sie noch nie gesehen haben.

Kunst war von Anfang an "perfekt"

Die aber vielleicht erstaunlichste Eigenschaft dieser ersten Kunstwerke in Europa und Indonesien ist, dass sie sich nicht allmählich entwickelt haben. Die Werke waren vielmehr von Anfang an perfekt und sorgfältig geplant. Und das an beiden Enden der Welt fast zeitgleich. Die Skulpturen von der Schwäbischen Alb und die ältesten Höhlenmalereien in Spanien sind rund 40.000 Jahre alt, die Malereien von Sulawesi 45.000 Jahre, das ist in diesen Zeitdimensionen kaum ein Unterschied, aber es wirft Fragen auf: dass es in dieser Zeit einen kulturellen Austausch von der Donau bis nach Indonesien gegeben hätte, ist ausgeschlossen. Wie aber ist dann das zeitgleiche Auftreten der Kunst hier und dort zu deuten?

Wie konnte diese Kunst an zwei Enden der Welt fast zeitgleich entstehen?

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder der Mensch war schon lange vorher ein Künstler. Der moderne Mensch stammt ja aus Afrika und könnte seine künstlerischen Fähigkeiten nach Europa und Asien mitgenommen haben. Allerdings gibt es bisher davon keine Zeugnisse. Vielleicht hat man sie noch nicht gefunden, vielleicht sind sie auch nicht erhalten, aber es gibt keine so frühen Kunstwerke etwa aus Afrika oder Vorderasien, die diese Theorie belegen könnten.

Die andere Möglichkeit ist, dass die frühe Steinzeitkunst das Ergebnis einer kognitiven Revolution war. Denn die Kunstwerke setzen nicht nur symbolisches Denken und Fantasie voraus, sondern auch die Fähigkeit, dies mit handwerklichem Können zu verbinden. Genau das war das Neue: Symbolisches Denken gab es schon vorher. Handwerkliches Geschick ebenfalls. Aber erst die Verknüpfung aus beidem führte zur Kunst.

Möglicherweise kam es zu dieser geistigen Revolution erst in der fraglichen Zeit vor 40.000 bis 45.000 Jahren. Warum dann aber gleichzeitig an entgegengesetzten Enden der Welt? Die Vertreter dieser Theorie argumentieren: Die notwendigen geistigen Fähigkeiten waren im Menschen, als er aus Afrika auszog, zwar noch nicht voll ausgeprägt, aber möglicherweise angelegt und hätten sich erst später an getrennten Orten richtig entfaltet. So wie zwei Pflanzensetzlinge, die man an verschiedene Orte bringt, später gleichzeitig aufgehen und blühen.

Allerdings bleiben beide Erklärungsmodelle mangels klarer Belege unbefriedigend.

Älteste Höhlenmalereien? Warum es einen Vorbehalt gibt

All die Überlegungen stehen jedoch unter einem Vorbehalt, nämlich, dass die Malereien auf Sulawesi das Werk des anatomisch modernen Menschen Homo sapiens sind. Zwar gibt es dafür keine Belege, doch Brumm geht fest davon aus. Schließlich seien Höhlenmalereien weltweit bisher nur vom Homo sapiens bekannt, und nicht etwa von verwandten Menschenarten, die früher nach Asien oder auch Europa eingewandert sind.

Doch auch darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Eine Studie von 2018 datiert die Malereien in der spanischen Höhle La Pasiega auf ein Alter von 64.000 Jahren. Sie wären damit nicht nur wesentlich älter als die Malereien auf Sulawesi, sondern müssten auch das Werk von Neandertalern sein. Denn Homo sapiens war nach heutigem Stand zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht in Europa.

Diese Studie war 2018 zwar eine Sensation, schien sie doch zu belegen, dass Neandertaler auch Kunst produzieren konnten. Doch die Datierung dieser spanischen Höhlenmalereien ist in der Fachwelt hoch umstritten und wird von vielen nicht anerkannt.

Die Wissenschaftszeitschrift Science jedenfalls hat die Höhlenmalereien von Sulawesi zu den bahnbrechendsten Erkenntnissen des vergangenen Jahres gezählt. Die Datierung des Warzenschweins als jetzt älteste Malerei der Welt steigert die wissenschaftliche Bedeutung dieser Höhlen ein weiteres Mal.

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