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Eine Frau sitzt traurig im Dunkeln

20 Jahre Reform des Paragrafen 218 Abtreibungen – häufig und doch tabuisiert

"Mein Bauch gehört mir" – mit dieser Parole gingen Frauen in den 1970er Jahren lautstark auf die Straße und kämpften für ihr Recht auf Abtreibung -, die damals per Gesetz verboten war – und nur heimlich meist unter schlechten medizinischen Bedingungen oder im Ausland stattfand. Diese Zeiten sind lange vorbei: Seit genau 20 Jahren (August 1995) sind Schwangerschaftsabbrüche in den ersten zwölf Wochen unter bestimmten Bedingungen - nicht legal - aber immerhin straffrei. Jede achte Schwangere entscheidet sich gegen das werdende Leben in ihrem Bauch. Doch auch wenn Abtreibungen heute in vielen Praxen Teil der täglichen Routine sind – wer sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheidet oder ihn ausführt, macht das meist im Verborgenen und mit großer Diskretion.

Schwere Entscheidung

Nicht jede Schwangerschaft ist erwünscht. Stefanie stürzt sie in eine Krise. Ihr fiel es schwer, sich für oder gegen den Embryo in ihrem Bauch zu entscheiden.

Nachdem ich die Sache hin und her überlegt hatte und alles abgewogen, war klar: ich schaffe es nicht alleine. Und da ich niemanden hatte in meinem Umfeld, gab es für mich nur die Entscheidung, die zum Abbruch führte.

Bauch einer Schwangeren

Kind bekommen oder nicht? Diese Entscheidung fällt oft sehr schwer


Die rechtliche Situation um den Schwangerschaftsabbruch wurde 1995 im wiedervereinten Deutschland vereinheitlicht – doch bis heute ist sie kompliziert: Nur wenn es medizinische Gründe gibt oder die Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung zustande gekommen ist, sind Abtreibungen legal. Sie bleiben jedoch straffrei, wenn sie in den ersten 12 Wochen nach der Empfängnis erfolgen. Außerdem muss sich die Frau mindestens drei Tage vor dem Eingriff bei einer anerkannten Stelle beraten lassen.

Das verstehen die meisten Frauen auch gar nicht, erzählt Sabine Földi, Beraterin von Pro Familia in Köln: Und ich mache dann auch die Gesetzeslage erst mal deutlich: dass es ihre Entscheidung ist. und diese Entscheidung aber nicht heißt: ich darf erlaubt einen Abbruch machen, sondern ich entscheide das und werde dafür nicht bestraft.

Laut Gesetz soll die Beratung ergebnisoffen sein, aber auch dem Schutz des ungeborenen Lebens dienen. Sabine Földi orientiert sich ganz an den Wünschen der Frauen.
Sie müssten theoretisch nichts sagen und haben trotzdem Anspruch auf die Beratungsbescheinigung. Aber die Frauen, die sich dann einlassen - das tun 9 Zehntel der Frauen, auch wenn sie mit einer anderen Haltung kommen, sagen doch hinterher: Das tat sehr gut mit jemand neutralem - dass ist ganz wichtig - nicht bewertenden zu reden. Ohne dass gleich die moralische Keule kommt.


Absaugung oder Abtreibungspille

Abtreibungen finden vor allem in Praxen von niedergelassenen Gynäkologen statt. Frauen müssen die 200 bis 500 Euro für eine Abtreibung in der Regel aus eigener Tasche bezahlen. Vor dem Eingriff vergewissert sich Helga Seyler, ob die Frau den Eingriff wirklich aus freien Stücken wünscht. Die Frauenärztin arbeitet im Familienplanungszentrum in Hamburg. Meist werden Abtreibungen heute als Absaugung in örtlicher Betäubung vorgenommen.

Dann wird am Gebärmutterhals eine Betäubungsspritze gegeben, ein kleines Kunststoffröhrchen in die Gebärmutter eingeführt, mit dem das Gewebe dann abgesaugt wird. Das ist sehr unterschiedlich, wie Frauen das erleben - manche sagen es ist nicht schlimmer als meine Regel, andere haben für kurze Zeit schon relativ heftige Schmerzen - aber das lässt, wenn das Absaugen zu Ende ist auch ganz schnell wieder nach.

Der Eingriff dauert etwa zehn Minuten. Danach ruhen sich die Frauen für ein, zwei Stunden aus. Einige haben dann noch leichte Schmerzen und brauchen ein Schmerzmittel. Wenn die Schwangerschaft nicht älter als neun Wochen ist, können Frauen auch einen medikamentösen Abbruch vornehmen lassen: Im Abstand von zwei Tagen nehmen Frauen die Abtreibungspillen in der Praxis eines Frauenarztes ein und gehen nach Hause. Die Blutung spült das Schwangerschaftsgewebe heraus.

Gynäkologenstuhl

Die Kosten für eine Abtreibung müssen die Frauen meist selbst übernehmen

Die Frauen haben ein paar Stunden bis eventuell ein zwei Tagen eine Blutung, die stärker ist als ihre Regelblutung. dann wird die Blutung schwächer. aber insgesamt blutet es relativ lange. Das kann zwei bis drei Wochen dauern.

Keine der Methoden ist grundsätzlich besser oder schlechter, erklärt Helga Seyler. Ein Vorteil der Absaugung mag sein, dass es insgesamt wesentlich weniger und kürzer blutet als beim medikamentösen Abbruch. Im Vergleich zu anderen gynäkologischen Eingriffen sind beide sicher und risikoarm, Komplikationen sind selten. Bei einer von 100 Frauen kann eine starke Blutung nach einem medikamentösen Abbruch eine Absaugung nötig machen. Die häufigste Komplikation nach einer Absaugung sind Infektionen - zwei von 100 Frauen haben damit Probleme.

Schwerere Komplikationen zum Beispiel eine Verletzung der Gebärmutter oder starke Blutungen während dem Eingriff kommen nur ein bis zwei von 1000 Frauen vor. auch das sind Komplikationen, die man behandeln kann und die ohne bleibende Folgen ausheilen.

Abtreibungsgegner dürfen nicht gezielt in der Nähe einer Schwangerenberatungsstelle schwangere Frauen ansprechen

Bevor eine Abtreibung zustande kommt, muss sich die Schwangere bei einer anerkannten Stelle beraten lassen

Jede zehnte Abtreibung ist eine Ausschabung

Ausschabungen hingegen – Mediziner nennen sie Kürettage – sind längst nicht mehr die Methode der Wahl, betont Frauenärztin Helga Seyler. Dabei wird, meist unter Vollnarkose, das Schwangerschaftsgewebe mit einem löffelartigen Spatel aus der Gebärmutter herausgeschabt. Die Komplikationsrate ist höher. Man muss den Muttermund weiter auf sehnen, weil die beide Instrumente größer sind. und es blutet stärker insgesamt. Und es ist ein größeres Verletzungsrisiko der Gebärmutter.
Trotzdem wird jede zehnte Abtreibung in Deutschland immer noch per Ausschabung gemacht. Für eine Methode, die gemäß internationalen Leitlinien nicht mehr empfohlen wird, ist das zu viel, bemängelt Frauenärztin Helga Seyler. Ein Grund könnte sein:
Es gibt ja in Deutschland keine geregelte Ausbildung für die Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen. Und wenn Sie in Kliniken die Weiterbildung machen von kirchlichen Trägern, da werden ja Abtreibungen nicht durchgeführt. Man lernt dann die Kürettage bei Fehlgeburten, das heißt: sie lernen so einen ähnlichen Eingriff - aber nicht wie man Abbrüche direkt durchführt.

Keine Leitlinie

Abtreibung – in Deutschland ein weißer Fleck auch in den medizinischen Leitlinien – das sind wissenschaftlich fundierte Handlungsempfehlungen für Ärzte. Zum Thema Abtreibung gibt auch 20 Jahre nach Inkrafttreten des reformierten Paragrafen 218 hierzulande allerdings keine Leitlinie…

Staatsanwältin mit Robe und Gesetzbuch in der Hand.

Seit genau 20 Jahren sind Schwangerschaftsabbrüche in den ersten zwölf Wochen unter bestimmten Bedingungen straffrei


Ich gehe schon davon aus, dass in der überwiegenden Mehrheit die Abbrüche fachgerecht durchgeführt werden. Aber es gibt eben keine Sicherheit dafür, dass alle Ärztin Ärzte das wirklich fachgerecht machen, weil sie eben keine Orientierung haben, das das fachgerecht ist.

Warum das so ist, lässt sich nur vermuten. Die wissenschaftliche Fachgesellschaft der Gynäkologen, die DGGG, äußert sich dazu nicht. Für Frauenärztin Helga Seyler keine Überraschung.
Es ist tatsächlich so, dass das ein anrüchiges Thema ist. Ansehen in der Ärzteschaft kriegt man damit nicht, eher im Gegenteil. Ansehen kriegt man, indem man fortpflanzungsmedizinische Behandlungsmaßnahmen macht oder Pränataldiagnostik.

Helga Seyler sieht das anders. Für sie sind Abtreibungen ein Teil ihrer Arbeit als Frauenärztin – weil Frauen sie brauchen. Jede achte Schwangere entscheidet sich dafür. Knapp 100.000 sind es pro Jahr. In der Gynäkologie zählen Abtreibungen zu den häufigsten Eingriffen.

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