Russland Was steckt hinter dem abgestürzten Marschflugkörper?

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16:05 Uhr
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SWR2

Die Explosion auf einem russischen Militärgelände lässt vermuten, dass ein Forschungsprogramm aus den 60er-Jahren zu atomaren Raketenantrieben fortgesetzt wurde.

Er würde mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit fliegen und über eine unendliche Reichweite verfügen – so beschrieb Russlands Präsident Vladimir Putin schon im Frühjahr 2018, sichtbar stolz, einen neuen Marschflugkörper im Arsenal der Roten Armee. Ob er wirklich schon einsatzbereit ist, oder Putin übertreibt, ist bis heute unklar.

So funktioniert ein Raketenantrieb im Normalfall

Klingt technisch ziemlich unmöglich – eine Rakete mit unendlicher Reichweite. Irgendwann muss so einem Ding doch der Sprit ausgehen. Normalerweise fliegt eine Rakete, indem sie Treibstoff in eine Brennkammer einspritzt, der sich dort entzündet und durch die Hitze sich so sehr ausdehnt, dass das Abgas mit hoher Geschwindigkeit aus einer Düse strömt – Resultat: Schub nach vorne.

In Russland gibt es wohl Forschung zu Raketen mit atoarem Antrieb (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
In Russland gibt es wohl Forschung zu Raketen mit atomarem Antrieb Picture Alliance

Atomreaktor als Raketenantrieb

Die 60er Jahre waren ein atombegeistertes Jahrzehnt und so kamen damals Entwickler auf die Idee, auch Raketen atomar anzutreiben. Statt in der Rakete Treibstoff zu verbrennen und so Hitze zu erzeugen, lässt man kaltes Gas zwischen den mehrere tausend Grad heißen Uranstäben eines Atomreaktors durchströmen. Dabei nimmt es die Wärme auf, dehnt sich aus, strömt hinten aus der Raketendüse und sorgt für Schub nach vorn.

Atomantrieb ist eine technische Herausforderung

Grundsätzlich ist das machbar: Aber mit Problemen verbunden. So ein Reaktor ist schwer, weil er eine Abschirmung braucht. Und was schwer ist, taugt nicht gut fürs Fliegen. Und: Das Gas, das man durch den Reaktor strömen lässt, ist Wasserstoff. Auch der braucht große schwere Tanks und ist zudem explosiv.

In Russland gibt es wohl Forschung zu Raketen mit atoarem Antrieb (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Raketen mit atomarem Antrieb könnten dem russischem Militär strategische Vorteile bringen. Picture Alliance

Leichtere Rakete durch Nutzung von Umgebungsluft.

Auf die schweren Wasserstofftanks kann man aber verzichten, wenn man nicht im Weltraum fliegen muss sondern innerhalb der Erdatmosphäre. Dann kann man statt Gas aus einem Tank gleich die Luft aus der Umgebung nehmen und die durch das heiße Reaktorinnere strömen lassen.

Das geht aber erst, wenn die Rakete zuvor mit normalem Treibstoff auf mehrfache Schallgeschwindigkeit gebracht wurde, damit die Luft von selbst schnell genug in den Flugkörper einströmen kann. Ist der Flugkörper aber erst mal in diesem „luftatmenden“ Modus, kann er so lange weiterfliegen, solange der Reaktor Hitze liefert – und das kann der Monate lang.

Ein russischer Offizier geht an dem neuen Marschflugkörper vom Typ 9M729 entlang, im Hintergrund die Startvorrichtung.  (Foto: dpa Bildfunk, Pavel Golovkin/AP/dpa)
Das russische Militär präsentierte am 23. Januar 2019 in der Nähe von Moskau erstmals vor ausländischen Militärexperten und Journalisten eine neue Mittelstreckenrakete. Pavel Golovkin/AP/dpa

Atomantrieb bringt militärische Vorteile

Für Marschflugkörper, die eh nicht in den Weltraum müssen, sondern sich ihren Weg entlang der Erdoberfläche suchen, wo es genügend Luft für die „atmenden“ Triebwerke gibt, ergeben sich militärische Vorteile. Der Flugkörper kann bei höchster Geschwindigkeit sehr lange in der Luft bleiben, bevor er angreift, und er kann für die angegriffene Partei überraschende, lange Umwege zu seinem Ziel fliegen.

Bevor man so ein Ding zum Fliegen bringt, muss man es aber schaffen, einen relativ leichten Atomreaktor zu bauen, der gleichzeitig seine radioaktive Strahlung gegen die Umwelt abschirmt. Das ist schwierig. Die Amerikaner haben ihre Anstrengungen nach erfolgreichen Tests am Boden in den 90er Jahren eingestellt, Russland scheint weiter mit so einem Antrieb zu arbeiten. Putins Statement und das Unglück bei Archangelsk deuten klar darauf hin.

Präsident Putin bei einer Militärparade im Mai 2015. (Foto: dpa Bildfunk, Alexei Druzhinin/Russian presidential press service/TASS |)
Präsident Putin bei einer Militärparade im Mai 2015. Das Wettrüsten mit den USA geht in eine neue Phase. Alexei Druzhinin/Russian presidential press service/TASS |
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