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Über den jüdischen Philosophen Baruch de Spinoza wurde zu Lebzeiten der Bannfluch durch die jüdische Gemeinde verhängt. Seine religionskritischen Schriften waren verboten. Heute wird er neu entdeckt.

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Spinoza – mit vollständigem Namen: Baruch de Spinoza – lebte in den Niederlanden von 1632 bis 1677. Er war der Sohn einer vor dem christlichen Terror in Portugal geflohenen jüdischen Kaufmannsfamilie. Geboren wurde er im Amsterdamer Judenviertel.

Bedrohung für die staatliche Ordnung

Die Philosophie Spinozas galt in der Frühen Neuzeit und noch in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts als die bei weitem gefährlichste Bedrohung für die wahre Religion, für ein philosophisch akzeptables Weltbild und auch für die staatliche Ordnung.

Sein Hauptwerk, die "Ethik", konnte zu Lebzeiten auch in den liberalen Niederlanden nicht erscheinen, seine "Theologisch-politische Abhandlung" erschien anonym mit fiktiven Verlags- und Ortsangaben. Spinoza galt in seinem eigenen Land als Ketzer.

Die Niederlande erlebten Anfang des 17. Jahrhunderts ihr "Goldenes Zeitalter": Mit der größten Handelsflotte der Welt verdienten die Kaufleute am Kolonialismus und Versklavungshandel.

Eine Schwarz-Weiß-Fotografie des ehemaligen Wohnhauses von Spinoza in Den Haag, in dem er sich mit seinen Anhängern traf (Foto: Imago, imago/United Archives International)
Ein ehemaliges Wohnhaus von Spinoza in Den Haag, in dem er sich mit seinen Anhängern traf Imago imago/United Archives International

Spinozas Ausgangserfahrung ist: Das Alltägliche ist sinnlos

Die Gesellschaft war liberal, in religiöser Hinsicht tolerant – auch gegenüber den andernorts vertriebenen Juden. Mit einer größeren, sehr reichen, kunst- und wissenschaftsinteressierten Oberschicht, fast demokratisch, bot sie die günstigsten Bedingungen für kritische Intellektuelle in ganz Europa. Doch das änderte sich in den 1670er Jahren.

Spinozas Ausgangserfahrung ist: Das Alltägliche ist sinnlos. Gut und Böse – auch Ängste – sind nichts Absolutes, sondern abhängig von der jeweiligen Befindlichkeit. So gelangt Spinoza zu seiner Fragestellung: Gibt es eine Philosophie, die unabhängig von Stimmungen dauerhafte Lebensfreude ermöglicht?

Vernunft gibt Orientierung

Dazu analysierte Spinoza die heiligen Schriften. Doch die wimmelten für ihn nur so von Verboten und Befehlen. Spinoza hält sich lieber an die Vernunft. Sie gibt Orientierung: Ist etwas nützlich oder nicht? Verschafft etwas Lebensfreude oder nicht?

Unterschrift von Baruch Spinoza (Foto: Imago, imago/United Archives International)
Unterschrift von Baruch de Spinoza Imago imago/United Archives International

Verbannung durch die jüdische Gemeinde

Spinoza nimmt außerdem die Bibelkritik des 19. Jahrhunderts vorweg. Er räumt gründlich auf – zunächst in Gesprächen mit Interessierten. Die jüdische Gemeinde schickte Spitzel, verwarnte zunächst. 1660 verbannte sie ihn, so dass niemand mit Spinoza sprechen, ihm helfen oder sich in seiner Nähe aufhalten durfte. Spinoza war daraufhin in Amsterdam nicht mehr sicher und wechselt von nun an oft den Wohnort.

Anstoß erregt außerdem nicht nur seine Religionskritik, sondern auch die neue radikale Philosophie, aus der sein "Theologisch-politisches Traktat" hervorging. Spinoza verwirft zudem den klassischen Begriff von Willensfreiheit, denn als Determinist glaubt er, dass die Zukunft vorherbestimmt ist.

Doch im Rahmen seines hochkomplizierten Systems baut er doch so etwas wie menschliche Freiheit und Handlungsfreiheit ein. Nach dem Motto: Folge ich meiner Vernunft, kann ich Impulse setzen für Handlungen und gewinne auf diese Weise so etwas wie Freiheit.

Gefühle in Einklang bringen

Spinoza will die Gefühle nicht kastrieren, er sieht die Gefühlswelt als grundlegenden Lebensimpuls des Menschen. Die Vernunft kann helfen, die Gefühle in Einklang zu bringen, sie sozial zu gestalten. Sie kann helfen, hinderliche Gefühle durch förderliche zu begrenzen. Sehr detailliert analysiert Spinoza die Gefühle.

Portrait von dem niederländischer Philosophen Baruch de Spinoza oder Benedict de Spinoza, 1632 - 1677  (Foto: Imago, imago/imagebroker)
Portrait von dem niederländischen Philosophen Baruch de Spinoza oder Benedict de Spinoza, 1632 - 1677 Imago imago/imagebroker

Die Philosophie Spinozas hat für viele Menschen etwas Tröstliches

Mit dem traditionellen Gott löst sich auch der Wertehimmel auf: Gut ist nicht, was die Moral- und Tugendwächter sagen. Gut ist, was der eigenen Selbstentfaltung, der eigenen "Wirkungskraft", dem eigenen Wohlbefinden dient.

Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Publikationsfreiheit seien außerdem notwendig für eine Gesellschaft, in der der Einzelne seine höchste "Wirkungskraft" entfalten kann. Langfristig, schreibt Spinoza, destabilisiert sich ein Staat selbst, wenn er diese Freiheiten einschränkt.

Die einen sehen in Spinoza den radikalen Aufklärer und Religionskritiker, der die Welt rational materialistisch erklären will. Die anderen den Demokraten, der entschlossen für die Meinungsfreiheit eintrat. Wieder andere den psychologisch sensiblen Theoretiker menschlicher Gefühle oder den lebensbejahenden, ökologischem Denken nahestehenden Pantheisten.

Die Philosophie Spinozas hat für viele Menschen etwas sehr Tröstliches, Milderndes – man kann gut mit ihm leben. Heute wird er wieder neu entdeckt.

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